XIII. Die Konsequenzen der Ölkrise 1973

Zu Beginn der 1970er Jahre befanden sich sowohl die Niederlande als auch Deutschland wirtschaftlich gesehen in einer Art „Rückenwind-Phase“: In beiden Ländern hatte nach den schwierigen Jahren des Wiederaufbaus rasch die Wirtschaftswunderzeit eingesetzt, und diese schien bis dahin nicht enden zu wollen. Trotz zusätzlicher ökonomischer Schwierigkeiten hatte man hohe Wachstumszahlen realisieren können. Die hart erkämpften Erfolge führten in beiden Ländern natürlich zu starker Selbstsicherheit. Doch ausgerechnet in dieser Phase holte man seitens der OPEC-Staaten (Organization of Petroleum Exporting Countries) zu einem harten Schlag aus – und plötzlich mussten nicht nur die Niederlande und Deutschland, sondern eine ganze Reihe von Industriestaaten einsehen, dass ihr wirtschaftlicher Erfolg nicht nur vom eigenen Ermessen abhing.

Die Niederlande

Der 6. Oktober 1973 war für die Niederlande der Beginn einer Phase der wirtschaftlichen Unsicherheit. An diesem Tag überschritten Truppen des ägyptischen und syrischen Militärs die seit 1970 geltenden Grenzen zu Israel, wodurch sie die Aufmerksamkeit der Großmächte auf den ungelösten Nahost-Konflikt lenken wollten. [1]

Durch Waffenlieferungen der Sowjetunion an Ägypten auf der einen Seite und von den USA an Israel auf der anderen kam es mehr und mehr zu internationalen Spannungen. Auch die Niederlande waren darin verwickelt, da sie sich stark mit Israel verbunden fühlten und somit das Land sowohl diplomatisch als auch militärisch unterstützten. Dies hatte zur Folge, dass die Niederlande innerhalb der EG schnell eine isolierte Position einnahmen, da die anderen Länder – vor allem aber Frankreich und Großbritannien – sich strikt gegen Waffenlieferungen und ähnliche unterstützende Maßnahmen aussprachen. [2]

Die arabischen Länder waren seit 1950 zu einem äußerst wichtigen Ölgewinnungsgebiet geworden. Zwischen 1950 und 1973 hatte sich die Ölgewinnung hier sogar verzehnfacht. [3] Diese Tatsache wurde von den OPEC-Ländern ausgenutzt; sie setzten ihr großes Ölvorkommen als Waffe gegen den Westen ein, um beispielsweise fortwährend Preiserhöhungen durchsetzen zu können. Auch Ende Oktober 1973 machten sie von dieser Waffe Gebrauch, um die niederländische Regierung von ihrer pro-israelischen Haltung abzubringen und mehr Aufmerksamkeit auf ihre Position im Nahost-Konflikt zu lenken. [4] Dies geschah in Form eines Ölembargos, das von Algerien initiiert wurde und dem sich bald eine Reihe weiterer arabischer Länder anschlossen. [5] Ziel des Embargos sollte sein, die Position Rotterdams zu schwächen, welches ein wichtiges Zentrum für die Durchfuhr und Lagerung von Rohöl war und dessen Schwächung auch die anderen europäischen Länder treffen würde. [6]

Damit stand die niederländische Regierung unter Joop den Uyl, welche erst im Mai 1973 angetreten war, vor der Aufgabe, den Verbrauch von Öl stark zu reduzieren und zu kontrollieren. Zunächst beließ man es bei häufigeren Kontrollen der Im- und Exporte sowie der Vorräte der Ölkonzerne. Doch schon Ende November kündigte der damalige Wirtschaftsminister Ruud Lubbers den ersten autolosen Sonntag für den 4. November an und rief die Bevölkerung zu einer freiwilligen Geschwindigkeitsbegrenzung von 100km/h auf. Als jedoch einen Monat später die ersten Auswirkungen des Embargos spürbar wurden, beschloss die Regierung die Einführung des Distributionsgesetzes, welches die Verteilung von Bezugsscheinen für Benzin beinhaltete. [7]

Im Januar 1974 war die Lage jedoch wesentlich günstiger, als man während der Entwicklung des Gesetzes angenommen hatte. Dies lag vor allem an der guten Zusammenarbeit der Regierung mit großen Ölkonzernen wie Shell und BP. Diese hatten im Gegensatz zu den EG-Ländern einer Zusammenarbeit zugestimmt und sorgten dafür, dass die in Rotterdam ankommenden Öltransporte neu verteilt wurden, sodass die Ölvorräte der Niederlande zu keiner Zeit bedrohlich knapp wurden. [8] Dennoch wurde im Januar das Distributionsgesetz eingeführt, zunächst für eine Periode von vier Wochen.

Nachdem schnell deutlich wurde, dass sich weder Ölkonzerne, noch Tankwarte an das Gesetz hielten, verkürzte die Regierung die erste Periode auf nur noch drei Wochen – ohne jedoch die Menge des zur Verfügung gestellten Benzins zu verringern. Dazu kam, dass sich durch die Neuverteilung des Öls bei der Bevölkerung zu keiner Zeit das Gefühl einstellte, dass es einen starken Ölmangel gäbe. All dies trug letztendlich zur Unglaubwürdigkeit des Gesetzes bei. [9]

Deutschland

Die im Oktober 1973 einsetzende Ölkrise hatte auch für die Bundesrepublik Deutschland einschneidende Konsequenzen. Man denkt hierbei schnell an autofreie Sonntage durch das ausgerufene Sonntagsfahrverbot oder an Benzindiebstahl durch bis dahin unbescholtene Bürger.

Doch diese Erinnerungen sind im Nachhinein nur Randerscheinungen der Krise. Viel bedeutender war aus wirtschaftlicher Perspektive die ausgelöste Verschuldung, die sowohl den Staatshaushalt als auch private Unternehmer traf: drastisch steigende Insolvenz- und Arbeitslosenzahlen waren die Folge.

Vor Beginn der Krise hatte Deutschland sich durchaus mit dem Risiko einer Energieknappheit auseinandergesetzt [10] – jedoch, so scheint es, eher auf Ebene der politischen Pflichterfüllung. Als Mitglied der EG hatte man dem energiepolitischen Konzept der Europäischen Kommission zugestimmt. Intern hatte die sozial-liberale Koalition unter Willy Brandt bereits einige Monate vor Ausbruch der Krise das erste „Energieprogramm“ beschlossen, in welchem erstmals nicht nur die Frage nach einer preiswerten, sondern auch nach einer sicheren Versorgung verfolgt wurde. Inhalt des Programms waren unter anderem die Förderung von Energiesparmaßnahmen sowie die Erweiterung von anderweitigen Energiequellen (z. B. Erdgas oder Kernenergie). Diese Unternehmungen benötigten natürlich eine lange Vorlaufzeit ebenso wie der im Mittelpunkt stehende weitere Ausbau der Kooperation mit den Ölförderländern. Man ging also, so sollte man meinen, theoretisch vorbereitet in die Krise.

In der Realität sah es jedoch so aus, dass die im Energieprogramm angestrebten Maßnahmen nicht schnell genug umsetzbar waren, um in einer plötzlich auftretenden Ölkrise Anwendung zu finden. Dass diesen Maßnahmen dennoch große Beachtung geschenkt wurde, weist darauf hin, dass sich Deutschland bis zum Ausbruch der Krise des Ausmaßes der eigenen Abhängigkeit nicht völlig bewusst war. Mit der Ölkrise 1973 schafften es die Ölförderländer nämlich, Deutschland trotz seiner vermeintlichen Vorkehrungen ins Wanken zu bringen.

Indem die arabischen Staaten im Oktober 1973 ihre Exporte in die westlichen Industriestaaten drosselten und den Preis zum ersten Mal deutlich herauf setzten, beanspruchten sie die Festlegung der Preise als ihr souveränes Recht. Trotzdem schien es zunächst, als käme Deutschland noch relativ glimpflich davon. Natürlich war die Preiserhöhung spürbar, doch im Gegensatz beispielsweise zu den Niederlanden hatte Deutschland den großen Vorteil, überhaupt noch direkt von den arabischen Förderländern beliefert zu werden – und das, aufgrund guter Verbindungen, sogar bevorzugt. Dies führte letztendlich dazu, dass die Bundesrepublik ihren Energieverbrauch während der gesamten Krise nur um ca. 2 % zurückfahren musste (andere EG-Länder waren gezwungen, Einsparungen von 3-4 % hinzunehmen).

Die wirkliche Krise begann für Deutschland erst mit der zweiten Preiserhöhung ab Dezember 1973: ein Weltmarktpreis von 11,651 Dollar pro Fass führte nicht nur Deutschland, sondern allen westlichen Industrieländern endgültig ihre Abhängigkeit von den Öllieferländern vor Augen. Deutschlands Ausgaben für Erdölimporte stiegen 1974 im Vergleich zum Vorjahr um 17 Milliarden D-Mark [11] und die oben beschriebenen wirtschaftlichen Folgen breiteten sich nun rasend schnell aus. [12]

Die Erkenntnis der eigenen Verwundbarkeit ist wohl das, was jedes der betroffenen Industrieländer aus dieser Krise mitgenommen hat. Aus dieser Einsicht leiteten sich dann auch in der BRD die Folgen der Krise ab. Man drängte nun mehr als zuvor auf die Umsetzung der im Energieprogramm aufgeführten Maßnahmen. Die Importabhängigkeit sollte schnellstmöglich verringert werden, was zunächst zu enormen Investitionen in den Bau von Kernkraftwerken führte. Es flossen mehr als 60 Milliarden in derartige Projekte, auch die Förderung von Erdgas wurde zunehmend finanziell unterstützt.

Tatsache ist jedoch, dass aus Erdöl gewonnene Energie in Deutschland auch heute noch über ein Drittel des Gesamtverbrauchs deckt [13] und dass trotz aller Maßnahmen die Bedeutung von Ölimporten für die Bundesrepublik nicht geringer wird.


[1] Vgl. Hellema, Duco/Wiebes, Cees/Witte, Toby: Doelwit Rotterdam. Nederland en de oliecrisis 1973 – 1974, Den Haag 1998, S. 13.
[2] Vgl. Hellema (1998), S. 16 f.
[3] Vgl. ebd., S. 43.
[4] Vgl. Wolfrum, Edgar: Die geglückte Demokratie. Geschichte der Bundesrepublik
Deutschland von ihren Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart 2006, S. 335 f.
[5] Vgl. Hellema (1998), S. 42.
[6] Vgl. Paridon, Kees van: Wirtschaftskrise und Wirtschaftspolitik im Vergleich, Münster 2009, S. 7.
[7] Vgl. Hellema (1998), S. 106 ff.
[8] Vgl. Hellema (1998), S. 115 f.
[9] Vgl. ebd., S. 108 f.
[10] Vgl. Haftendorn, Helga: Sicherheit und Stabilität. Außenbeziehungen der Bundesrepublik zwischen Ölkrise und NATO-Doppelbeschluss, München 1986, S. 48 f.
[11] Vgl. Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland: Das geteilte Deutschland – Neue Herausforderungen 1974-89.
[12] Vgl. Haftendorn (1986).
[13] Vgl. AG Energiebilanzen e. V.: Energieverbrauch in Deutschland. Daten für das 1. 4.Quartal 2009.

Autoren:Lisa Golitsch und Carina Wiberg
Erstellt:
März 2011