X. Kindheit und antiautoritäre Erziehung in den 1970er Jahren: „Lenin kam nur bis Lüdenscheid“ und „My queen Karo“ im Vergleich

„Lenin kam nur bis Lüdenscheid. Bis Solingen ist er nicht gekommen. Aber fünfundzwanzig Kilometer weiter östlich, im Zeltlager in Lüdenscheid schien die Weltrevolution bereits geglückt.“ [1] So beginnt der autobiographische Bericht von Richard David Precht. In seinem Buch geht es im Kern um die Solinger Familie Precht. 2008 wurde das Buch als Dokumentation mit zeitgenössischen Filmaufnahmen, eigenem Filmmaterial der Familie und aktuellen Interviews verfilmt.

Geboren wurde Richard David Precht 1964 als Kind westdeutscher Linker im provinziellen Solingen. Neben ihren eigenen zwei Kindern adoptierte die Familie noch zwei Waisenkinder aus Vietnam. Zu Beginn des Films schreibt Precht die moralischen Leitsätze seiner Kindheit an eine Schultafel: „Vietnam=Kommunismus=Gut! USA = Imperialismus/Faschismus = Napalm + Dioxin! = TOD“.  Die Kinder im Hause Precht lernten schon früh zu unterscheiden zwischen „Gut und Böse“ und zwischen Sozialismus und Kapitalismus. So wuchsen die Kinder mit einem klaren Feindbild auf: den USA. Coca Cola, Ketchup und auch der für den Mathematikunterricht dringend benötigte Taschenrechner von Texas Instruments, waren verboten.

Ein anderes Licht auf die Zeit der 68er wirft der Spielfilm „My queen Karo“, in dem die flämische Regisseurin Dorothée van den Berghe ebenfalls ihre Kindheitserinnerungen an die 1970er Jahre verarbeitete. Protagonistin ist die zehnjährige Karo, die mit ihren Eltern, Raven und Dalia von Belgien nach Amsterdam zieht, um ein neues Leben in der Hausbesetzerszene anzufangen. Dort schließt sich die kleine Familie einer Gruppe an, die auf der Basis von freier Liebe eine neue Gesellschaft begründen möchte, in der es keine Regeln, keine Wände und keinen persönlichen Besitz gibt.

Als Einzelkind amüsiert sich Karo zwar in dieser Utopie der Erwachsenen, doch schon bald merkt sie, dass etwas nicht stimmt. Ihr Vater verliebt sich in eine andere Frau, die schon bald mit ihren beiden Kindern in die Kommune einzieht. Karos Mutter kommt nicht damit zurecht, dass ihr Mann offen - auch vor den Augen von Karo - mit anderen Frauen schläft. Sie beginnt sich von Raven und auch den anderen in der Gruppe zurückzuziehen. So gerät Karo immer mehr zwischen die Fronten und ist hin- und hergerissen zwischen der Liebe zu ihrer Mutter und der Loyalität zu ihrem Vater. Denn Karo beobachtet heimlich, wie ihre Mutter die Ideale der Gruppe verrät, indem sie dem Hausbesitzer Geld für die Miete gibt.

Auch wenn die beiden Filme aufgrund der Tatsache, dass es sich bei dem einen um einen rein biographischen Dokumentarfilm und bei dem anderen um einen fiktiven, auf eigenen Erfahrungen beruhenden, Spielfilm handelt, nur bedingt miteinander vergleichbar sind, lassen sich Gemeinsamkeiten herausstellen. Beide Filme schildern die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse der 1970er Jahre aus Kindersicht, die nicht nur in verschiedenen Ländern, sondern auch in ganz unterschiedlichen Familienverhältnissen aufwachsen. Als verbindendes Element kann das Konzept der antiautoritären Lebensweise  und Erziehung betrachtet werden, das in den Familien allerdings unterschiedlich verstanden und umgesetzt wurde. Die Eltern Precht lasen „Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung“ und versprachen sich davon die Vision von einem besseren Leben. Als Leitsatz setzten sich die Prechts ein Zitat des Liedermachers Degenhardt: „Hier darf jeder machen, was er will“ mit dem ironisch-kritischen Zusatz „im Rahmen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, versteht sich“.

Ein großes Thema in der linksorientierten, DKP-nahen Familie war der Kommunismus, für den sich auch die Kinder begeisterten. Die DDR hielten sie für „das schönste Land der Welt“. In einem Gespräch wird allerdings aufgedeckt, dass die Kinder den Kommunismus v.a. toll fanden, weil ihnen dieser als Ideal vermittelt wurde. Während es in der Amsterdamer Kommune sehr freizügig zuging und auch vor den Augen der Kindern miteinander geschlafen wurde, herrschte in der Familie Precht eine ganz andere sexuelle Moral, die von freier Liebe und sexueller Offenheit weit entfernt zu sein schien.

Das deutsche Beispiel zeigt einen Versuch, der sich in der ideologischen Ausrichtung vertieft und im Alltag eher prüde und asketisch anmutet. Während das niederländische Beispiel den praktischen Versuch eines Zusammenlebens in der Gruppe veranschaulicht, bei dem Tabus im überkommenen gesellschaftlichen und zwischenmenschlichen Handeln bewusst gebrochen werden.

Beide Filme verdeutlichen, dass es neben einem Forschungsbedarf in der Wissenschaft auch einen öffentlichen Diskussionsbedarf über die Erziehungsvorstellungen der 1970er Jahre gab, nicht zuletzt von Seiten der Kinder der 68er selbst. Die beiden hier analysierten Beispiele zeigen auch die negativen Aspekte der von der 68er-Generation propagierten Ideale und wie sich diese auf die Kinder auswirkten. Karos fehlende Geborgenheit und Verwirrung zwischen den Prinzipien des Vaters und den sich verändernden Ansichten der Mutter bestimmen die Atmosphäre des Films, der bisweilen auch den Zuschauer verwirrt zurücklässt. Und auch Precht resümiert: „Es ist nicht leicht ein Precht-Kind zu sein, gefangen in einem Wertesystem, das eine bunte Vergangenheit, aber offensichtlich keine Zukunft hat.“ [2] Bei beiden „Ver-Suchen“ bleibt im Rückblick das Suchen, ohne die Wahrheit und Klarheit im Sinne einer besseren Gesellschaft zu finden.


[1] Vgl. Precht, Richard David: Lenin kam nur bis Lüdenscheid. Meine kleine deutsche Revolution, 5. Aufl., Berlin 2008, S. 7.
[2] Vgl. Precht (2008), S. 278.

Autorin:Anna Lena Schmidt
Erstellt:
März 2011