XI. Günter Grass

„Längst gehört der Wahlkampf von 1969 der Geschichte an. Viele Schriftsteller und Intellektuelle haben damals Partei ergriffen und Wählerinitiativen angeregt - allen voran Günter Grass. Jahre später hat er seine damaligen Tagebuchnotizen dazu benützt, seinen Kindern das Engagement für die SPD, für seinen Freund, den Emigranten Willy Brandt, und gegen den damaligen Bundeskanzler und ehemaligen Nationalsozialisten Kiesinger zu erklären. Das war nur mit Rückblicken in die Vergangenheit möglich.“ [1]

In den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde Grass zu einer wichtigen Person im öffentlichen Leben der Bundesrepublik. Vor allem wegen seines politischen Engagements. Er unterstützte die SPD und deren Spitzenkandidat Willy Brandt beim Wahlkampf, ging sogar auf Wahlkampftournee. In zahlreichen Essays, offenen Briefen und Reden nahm er immer wieder öffentlich Stellung zu politischen Themen. So trat er für die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze (Westgrenze zwischen Deutschland und Polen) ein, befürwortete den Prager Frühling (tschechisches Sozialisierungs- und Demokratisierungsprogramm) und beteiligte sich an Protestaktionen gegen die Notstandsgesetze. Außerdem trat er 1974 aus Protest gegen die Haltung der Bischöfe gegenüber der neuen Reform zum Schwangerschaftsabbruch aus der katholischen Kirche aus.

Seine bekanntesten Werke aus dieser Zeit hatten immer einen aktuellen Bezug und waren deshalb von seinem politischen Engagement geprägt. So plädiert Grass in dem Roman Die Plejeber proben den Aufstand (1966) für politisches Mitbestimmungsrecht der Arbeiterklasse. Der Roman Aus dem Tagebuch einer Schnecke (1972) ist eine Bestandsaufnahme des Wahlkampfes von Willy Brandt 1969 und die Bildung des sozial-liberalen Kabinetts. Der Titel ist auch als Antwort auf die Radikalreformer von 1968 zu verstehen. Grass polarisierte die deutsche Gesellschaft und erntete für seine Haltung viel Kritik, anders als in den USA, wo das Time Magazine Grass 1969 in einer Titelgeschichte unter die bedeutendsten Autoren der Gegenwart einreihte.

Vor dieser Zeit engagierte Grass - der 1927 als Sohn einer Kaufmannsfamilie geboren wurde und in Düsseldorf und Berlin Grafik und Bildhauerei studiert hatte - sich in der Gruppe 47, der er 1957 beitrat. Hierbei handelt es sich um eine Gruppe von Autoren, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg zusammengeschlossen haben, um der im Krieg zerstörten Moral und Sprache einen neuen Wert zu geben und in der Literatur eine neue nationale Identität zu finden, indem sie Nachwuchsautoren förderten. Schon im Jahre darauf erhielt Grass den Preis der Gruppe 47 für seinen Roman Die Blechtrommel. Neben diesem Roman sind auch die Novelle Katz und Maus sowie der Roman Hundejahre kennzeichnend für seine exzessive und provokative Sprache.

Im Jahr 1999 wurde Grass im Alter von 77 Jahren mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. 2006 kam es nach der Veröffentlichung seines Erinnerungsbuches Beim Häuten der Zwiebel, in der er seine Mitgliedschaft bei der Waffen-SS bekannt gab, zu großen Diskussionen in der Bundesrepublik. Diesen Teil seiner Vergangenheit hatte er zuvor verschwiegen. Vielmehr war der Öffentlichkeit bekannt gewesen, dass Grass als Flakhelfer eingezogen worden sei und als Soldat gedient habe. In einem Interview mit der FAZ sagt Grass hierzu:

„Das musste raus, endlich. Die Sache verlief damals so: Ich hatte mich freiwillig gemeldet, aber nicht zur Waffen-SS, sondern zu den U-Booten, was genauso verrückt war. Aber die nahmen niemanden mehr. Die Waffen-SS hingegen hat in diesen letzten Kriegsmonaten 1944/45 genommen, was sie kriegen konnte. [...] Und für mich, da bin ich meiner Erinnerung sicher, war die Waffen-SS zuerst einmal nichts Abschreckendes, sondern eine Eliteeinheit, die immer dort eingesetzt wurde, wo es brenzlig war, und die, wie sich herum sprach, auch die meisten Verluste hatte.“ [2]

Erst nach Kriegsende empfand Grass seine Mitgliedschaft als Schande, die immer mit der Frage verbunden war, ob er zu diesem Zeitpunkt hätte erkennen können, was überhaupt mit ihm vor sich geht.


[1] Buchvorstellung dtv-Verlag: Aus dem Tagebuch einer Schnecke.
[2] FAZ-Interview: Warum ich nach sechzig Jahren mein Schweigen breche, in: FAZ, 12.08.2006, Nr. 186, S. 33, online.

Autorin:Christina Bremges
Erstellt:
März 2011