VII. Die Neue Frauenbewegung der 1970er Jahre in Deutschland

Die Neue Frauenbewegung begann Anfang der 1970er Jahre. Sie entstand unter anderem im Zusammenhang mit der Studentenbewegung und orientierte sich relativ stark am amerikanischen Feminismus.  Der Kampf gegen das Abtreibungsverbot wurde in der BRD wie auch in ganz Westeuropa zum Motor der Frauenbewegung.  Die neue Frauenbewegung in der BRD war jedoch keine einheitliche Erscheinung; vielmehr charakterisierte sie sich durch das Aufkommen verschiedener Projektgruppen, deren gemeinsamer Grundsatz die Autonomie war.  Auch in der DDR entwickelte sich eine solche emanzipatorische Bewegung, die jedoch aufgrund der staatlichen Repression nicht öffentlich auftreten durfte und sich eher in der Kultur und Literatur äußerte. [1]

1968 wurden Weiberräte sowie der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen gegründet. Sie setzten sich für die gleichberechtigte Teilhabe in Politik und Beruf ein. Auf einer Konferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) wurde der Tomatenwurf einer Vertreterin des Aktionsrates wegen des Protestes gegen die Ungleichbehandlung der Frauen zum Symbol der aufkommenden Frauenbewegung.  Dessen Ziele waren eine konsequentere Durchsetzung des Gleichberechtigungsprinzips, die Selbstbestimmung über den eigenen Körper, die Zerstörung der geschlechterspezifischen Rollen in Erziehung, Medien und Beruf, die Beendigung der männlichen Autorität und Vorherrschaft über die Frau, die Abschaffung repressiver Gesetze sowie die Ermöglichung der persönlichen Selbstverwirklichung.  Die neue Frauenbewegung der 1970er Jahre kann in drei Hauptphasen unterteilt werden. [2]

1971 bis 1975: Bewusstwerdung

Ab 1971 formierte sich die Frauenbewegung im gemeinsamen Kampf gegen den
§ 218 (stellte den Schwangerschaftsabbruch unter bestimmten Voraussetzungen und innerhalb festgelegter Fristen straffrei). Auslöser war die Selbstbezichtigungsaktion „Ich habe abgetrieben“, die von Alice Schwarzer initiiert und im Stern veröffentlicht wurde. In ihrer Folge kam es zu einer massenhaften Mobilisierung von Frauen unterschiedlichster Herkunft und einer Vernetzung der Bewegung nach dem Motto „Frauen gemeinsam sind stark“.  Mit spektakulären Aktionen machten die Frauen auf sich aufmerksam: „Wir fahren nach Holland – nicht der Tulpen wegen“, die Kirchenaustrittskampagne gegen die harte Anti-Abtreibungs-Politik der katholischen Kirche sowie die Aktion Letzter Versuch, um die sozialliberale Regierung zur Verabschiedung der Fristenlösung zu zwingen. [3]

Nach amerikanischem Vorbild gründeten deutsche Feministinnen Diskussions- und Selbsthilfegruppen (consciousness raising) zur Identitätssuche jenseits herkömmlicher Rollenklischees.  Zudem begannen nun erstmals auch lesbische Frauen gegen Diskriminierung zu protestieren. Arbeiterinnen organisierten sich und forderten gleichen Lohn für gleiche Arbeit. [4]

1975: Spezialisierung

Ab 1975 entstand ein breiter Diskurs zur Frauenbewegung. Erste Sommeruniversitäten für Frauen fanden statt. Mit ihnen war auch die Forderung nach Arbeits- und Forschungsmöglichkeiten mit frauenspezifischen Forschungsinhalten verbunden sowie die Erhöhung des Frauenanteils in der Wissenschaft.  Die Frauen schufen sich zunehmend eigene Räume, gründeten Frauen(-gesundheits-)zentren, Beratungsstellen, Frauenbuchläden sowie -cafés und brachten eigene Zeitschriften heraus, wie beispielsweise Courage und Emma.  Mit ihrem Buch „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“ wurde Alice Schwarzer, die Autorin und Herausgeberin der Zeitschrift Emma, zur Symbolfigur des Feminismus. [5]

Im selben Zeitraum, in dem die Feministinnen autonome Projekte in den Bereichen Gesundheit, Kultur und Freizeit aufbauten, nahmen spontane Aktionen ab.  Die Gewalt gegen Frauen und die Einrichtung von Frauenhäusern wurde zunehmend zum zentralen Thema. [6]

Bis 1989: weitere Ausdifferenzierung und Professionalisierung

Ende der 1970er Jahre setzte eine weitere Ausdifferenzierung der verschiedenen feministischen Standpunkte ein. Gleichzeitig integrierten sich die Feministinnen in politischen Verbänden und staatlichen Institutionen. Ab den 1980er Jahren kooperierten Frauengruppen zunehmend mit der Friedens- und der Ökologiebewegung. [7]

Auswirkungen der Frauenbewegungen

Die neue Frauenbewegung hatte mit ihren Forderungen nach gleichen Chancen in Bildung und Beruf sowie der Anerkennung der Gleichheit der Frau wieder an die erste Frauenbewegung angeknüpft.  Erst in den 1990er Jahren konnten einige grundlegende rechtliche Fortschritte erzielt werden: 1994 wurde die Gleichberechtigung als Staatsziel in die Verfassung aufgenommen, 1997 wurde die Vergewaltigung in der Ehe als Straftatbestand im Gesetz verankert und unter der rot-grünen Regierung die eingetragene Lebenspartnerschaft für homosexuelle Paare eingeführt.  Die Abschaffung des § 218 konnte allerdings nicht umgesetzt werden.  Das Bundesverfassungsgericht sah die Fristenlösung als unvereinbar mit dem Grundgesetz an. Die Proteste gegen diesen Paragrafen setzten sich deshalb bis Mitte der 1990er Jahre fort. [8]

Ein weiterer Aspekt war der des Gender turns.  Die Mitte der 1970er Jahre entstandene Frauenforschung entwickelte sich zunehmend zur Geschlechterforschung, die sich mit dem Geschlecht als kulturelle und soziale Kategorie beschäftigt (Gender Studies). [9]


[1] Vgl. Schenk, Herrad: Die feministische Herausforderung. 150 Jahre Frauenbewegung in Deutschland, München 1990, S. 83 + 113f.; Der FrauenMediaTurm: Die Chronik der Neuen Frauenbewegung 1968-1979; Lenz, Ilse (Hrsg.): Die Neue Frauenbewegung in Deutschland. Abschied vom kleinen Unterschied, Wiesbaden 2010, S. 23.
[2] Vgl. Lenz (2010), S. 24 f.; Schenk (1990), S. 106.
[3] Vgl. Lenz (2010), S. 24; Schenk (1990), S. 88.
[4] Vgl. Hertrampf, Susanne: Ein Tomatenwurf und seine Folgen. Eine neue Welle des Frauenprotests in der BRD; Soden, Christine von (Hrsg.): Der große Unterschied. Die Neue Frauenbewegung und die siebziger Jahre, Berlin 1988, S. 88.
[5] Vgl. Hertrampf: Ein Tomatenwurf und seine Folgen; Schenk (1990), S. 94 ff.; Der FrauenMediaTurm: Die Chronik der Neuen Frauenbewegung.
[6] Vgl. Schenk (1990), S. 94 f.; Der FrauenMediaTurm: Die Chronik der Neuen Frauenbewegung.
[7] Vgl. Lenz (2010), S. 25 f.
[8] Vgl. Lenz (2010), S. 104, S.357, S. 874.
[9] Vgl. Lenz (2010), S.358, S. 874.

Autorin:Manuela Maaß
Erstellt:
März 2011