III. Joop den Uyl

Er prägte die niederländische Politik der 70er Jahre wie kein anderer, galt als wortgewandter Redner, getriebener Idealist und engagierter Politiker – die Rede ist von Johannes Marten (Joop) den Uyl. Schon als Junge soll er zu seiner Schwester gesagt haben: „Ich werde später Ministerpräsident.“ Und tatsächlich besetzte der 1919 geborene Den Uyl nicht nur mehrere Ministerämter, sondern regierte als Ministerpräsident von 1973 bis 1977 das bis dato progressivste Kabinett der niederländischen Geschichte. Zu einem wahren Sozialdemokraten sollte sich Den Uyl – nach seinem Wirtschaftsstudium in Amsterdam – in den 1950er Jahren entwickeln. Dies äußerte sich nicht nur im Beitritt zur sozialdemokratischen PvdA in ihrem Gründungsjahr 1946, sondern auch in der Ernennung zum Direktor der Wiardi-Beckmann-Stiftung (WBS), dem wissenschaftlichen Institut der Partei. Ab diesem Zeitpunkt prägte der Kampf für soziale Gerechtigkeit Den Uyls Leben. In den folgenden Jahrzehnten setzte er sich intensiv mit sozialen Themen auseinander, wobei er die Ergebnisse seiner Arbeit in zahlreichen Artikeln festhielt, die vor allem in der Zeitschrift Socialisme & Democratie, der monatlichen Zeitschrift der WBS, veröffentlicht wurden.

Den Uyls politische Bemühungen sollten im Jahr 1962 durch die Wahl in den Stadtrat von Amsterdam belohnt werden. Nachdem er auch das Amt des Wirtschaftsministers im Kabinett Cals (1965-1966) inne hatte, kam Den Uyls politische Karriere ab 1967 in Schwung, als er der neue Spitzenkandidat und politische Leiter seiner Partei wurde. Als scharfzüngiger und überzeugter Politiker konnte Den Uyl eine große Zuhörerschaft bewegen und begeistern – doch gerade seiner weichen Seite verdankte er seinen Erfolg: Gedichte oder Musikstücke berührten ihn und unter dem Pseudonym Ernst Noack verfasste er sogar selbst Gedichte.

Seine Nähe zu Wählern und Parteikollegen brachte ihm den Spitznamen Onkel Joop ein.
Letztlich erfüllte sich Den Uyls Kindheitstraum im Jahr 1972, als die PvdA zusammen mit der linksliberalen D66 und der christlich-radikalen PPR ein Programmbündnis aufstellte, welches alte und neue Werte vereinen sollte. Nach dem Aufbrechen der Versäulung in den 1960er Jahren, war die niederländische Gesellschaft und das Parteiensystem durch starke Umwälzungen geprägt: Der Wunsch nach mehr Partizipation und sozialer Gerechtigkeit, das Aufkommen der Studenten-, Frauen-, Umwelt- und Protestbewegungen und ein allgemeiner Wertewandel prägten von nun an das Leben. Die PvdA traf diese Veränderungen besonders: seit den 1960er Jahren war sie durch eine tiefe innerparteiliche Kluft gekennzeichnet, die sich in einem progressiv-linken und einem konservativeren Flügel äußerte und Den Uyls Verhandlungsgeschick forderte. Aber nicht nur in den eigenen Reihen musste er einen gewagten Spagat von Verständnis und Durchsetzungskraft ausführen – auch innerhalb des buntgemischten Kabinetts musste er immer wieder den Abstand zwischen den konfessionellen und progressiven Parteien verringern und versuchen, das Unversöhnliche doch noch zu versöhnen. Die Kabinettsbildung gestaltete sich daher als ein wahrer Kraftakt von 164 Tagen und endete in einer Einigung zwischen den drei Parteien und ein-zelnen Vertretern der konfessionellen Parteien ARP und KVP auf ein gemeinsames Regie-rungsprogramm.

„Eine ehrliche Teilung von Wissen, Macht und Einkommen“ – dies waren die Ziele der Regierung. Doch so löblich diese Ziele auch waren, wurde Den Uyls Regierungszeit getrübt von zahlreichen Problemen. So kämpfte das Kabinett beispielsweise mit den wirtschaftlichen Auswirkungen der Ölkrise von 1973, die als Resultat tiefgreifende Sparmaßnahmen und die berühmten autofreien Sonntage zur Folge hatten. Das Kabinett musste sich auch mit terroristischen Anschlägen auseinandersetzen, wie die Besetzung eines Zuges von radikalen molukkischen Jugendlichen im Jahr 1975 bei der es drei Tote gab. Auch die Negativschlagzeilen rund um die Lockheed-Affäre von 1976, in welche Prinz Bernhard maßgeblich verwickelt war, stellten eine Herausforderung für Den Uyls Regierungszeit dar, die er aber diskret und feinfühlig handhabte. Noch heute wird ihm dafür Bewunderung ausgesprochen.

Seine hochgesteckten Ziele erreichte Den Uyl aufgrund dieser immensen Schwierigkeiten nie. Und obwohl die PvdA nach vorgezogenen Neuwahlen im Jahr 1977 ein Rekordwahlergebnis erreichen konnte, gelang es ihr nicht eine weitere Regierung zu stellen. Dennoch ist Den Uyl eine wichtige Entwicklung in der niederländischen Politik zu verdanken: „Onkel Joop“ machte durch seine Nähe zum Volk und sein Verständnis für die Bedürfnisse der Menschen, die Distanz, die bis dato zwischen Politikern und Bürgern geherrscht hatte, kleiner. Die große politische Bühne sollte Den Uyl jedoch nur noch einmal betreten – als Sozialminister im Jahr 1982 im zweiten Kabinett Van Agt. Zeit seines Lebens blieb Den Uyl überzeugter Sozialdemokrat, ganze zwanzig Jahre lang war er der Spitzenkandidat der PvdA – bis man 1986 einen Hirntumor feststellte, an dessen Folgen er ein Jahr später ver-starb.


Autorin:Agnes Sieland
Erstellt:
März 2011