IV. Willy Brandt

„Mehr Demokratie wagen“ – mit diesem Ziel trat Willy Brandt als erster sozialdemokratischer Bundeskanzler der Nachkriegszeit am 28. Oktober 1969 sein Amt an. Geboren wurde Brandt 1913 als Herbert Frahm. Unter dem Namen Willy Brandt, den er während seiner Zeit als linkssozialistischer Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus als Decknamen angenommen hatte, bevor er in das neutrale Norwegen flüchtete, sollte er zu einer der bedeutendsten Figuren der Nachkriegsgeschichte werden.

Nachdem Brandt 1933 nach Oslo geflüchtet war, kehrte er 1947 in sein Heimatland zurück. Im Exil hatte er sich zu einem freien Demokraten entwickelt. Noch im Jahr seiner Rückkehr in die BRD trat Brandt wieder in die SPD ein, aus der er 1931 ausgetreten war, weil sie ihm zu kleinbürgerlich und autoritär erschien. In seiner Amtszeit als Bürgermeister Westberlins (1957 – 1966) entwickelte er seine „Politik der kleinen Schritte“, die er im Konflikt um den Bau der Berliner Mauer bereits anwendete. Bei den Bundestagswahlen 1960 und 1964 trat er als Kanzlerkandidat der SPD gegen Adenauer und Erhard an. In beiden Anläufen blieb er jedoch erfolglos. Nach seiner zweiten Niederlage fiel er zunächst in eine tiefe Depression und verzichtete auf einen Sitz im Parlament, um sich von nun an nur noch auf seine Rolle als Regierender Bürgermeister von Berlin zu konzentrieren. Erhards Rücktritt und die Bildung einer Großen Koalition aus Union und SPD unter Kiesinger änderten Ende 1966 jedoch seine Pläne: Er entschied sich als Außenminister und Vizekanzler in das Kabinett einzutreten und begab sich somit doch in die Bundespolitik. Als Außenminister begann er die sogenannte „neue Ostpolitik“, die die Aussöhnung mit dem Osten und die damit verbundene Entspannung des Verhältnisses als Grundlage einer Wiedervereinigung voraussetzte.

Nachdem Brandt sich 1969 ein drittes Mal zur Wahl gestellt hatte, wurde er Bundeskanzler einer sozial-liberalen Koalition – ein bemerkenswerter Bruch in der deutschen Geschichte, die bis dahin von einer sehr starken CDU/CSU geprägt war. Brandts oberstes innenpolitisches Ziel waren Reformen in Bildung, Wissenschaft und Technologie sowie Reformen des Strafrechts und des Wahlrechts. Er strebte unter dem Motto „mehr Demokratie wagen“ eine Demokratisierung von Staat und Gesellschaft an. Insgesamt trug er durch seine Reformpolitik in erheblichem Maße zu besseren Lebensbedingungen für Arbeitnehmer und ihre Familien, zu einer Erweiterung der Arbeitnehmerrechte und zu besseren Bildungschancen bei. Allerdings kosteten diese Reformen den Staat sehr viel Geld, was die Regierung während der Ölkrise 1973 schmerzlich zu spüren bekam.

Außerordentlichen Respekt im In- und Ausland brachte Brandt seine erste Amtshandlung als Bundeskanzler: Er entließ hohe Beamte, die nachweislich mit dem NS-Regime zusammengearbeitet hatten. Sein Image als „guter Deutscher“, das vor allem die Niederländer aufgrund seiner anti-nationalsozialistischen Vergangenheit von ihm hatten, wurde hierdurch zusätzlich gestärkt. So wurde er im Ausland auch weniger für seine Reformpolitik als für seine Friedenspolitik und die damit zusammenhängende Annäherung an den Osten bekannt. Für seine Verdienste in diesem Bereich wurde ihm 1972 der Friendsnobelpreis verliehen.

Nach dem Moskauer und dem Warschauer Vertrag von 1970 wurde im Jahr 1973 der Grundlagenvertrag zwischen der BRD und der DDR unterzeichnet – im Nachhinein der erste Schritt in Richtung Wiedervereinigung. Im Rahmen der Unterzeichnung des Warschauer Vertrages kam es zu Brandts populärem „Kniefall von Warschau“. Dieser brachte ihm national wie international weitere Sympathien und Respekt ein. Inbesondere für große Teile der Jugend war Brandt ein Idol für ein neues, demokratischeres und offeneres Deutschland. Dies zeigte sich vor allem in vielen Wählerinitiativen die forderten „Willy wählen“. Allerdings war seine Ost- und Deutschlandpolitik umstritten, so dass es 1972 zu einem konstruktiven Misstrauensvotum kam, das jedoch scheiterte. Bei den darauf folgenden Bundestagswahlen wurde Brandt mit großer Mehrheit als Bundeskanzler bestätigt. Mehr noch: Die SPD wurde erstmals stärkste Kraft im Land.

Nach dem UNO-Beitritt der BRD und der DDR im Jahr 1973 begann für Brandt jedoch eine Talfahrt. Die deutsche Wirtschaft schwächelte, die Inflationsrate war zweistellig und es kam zu Streiks. Brandt wurde auch aus eigenen Kreisen Führungsschwäche vorgeworfen. Nachdem Brandts persönlicher Referent Guillaume als DDR-Spion enttarnt wurde, trat er 1974 schließlich von seinem Amt als Bundeskanzler zurück. Obwohl er oft leicht distanziert wirkte, reagierte ein Großteil der Bevölkerung auf den Rücktritt des überaus beliebten Bundeskanzlers mit Bestürzung. Später engagierte er sich weiter auf internationaler Ebene und wurde 1976 Präsident der Sozialistischen Internationalen und Vorsitzender der Nord-Süd-Komission. Mit dem Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989 wurde das Hauptziel seiner Ost- und Friedenspolitik erreicht. Er selbst sagte: „Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört“. Brandt starb am 8. Oktober 1992 in Unkel.


Autorin:Stefanie Depper
Erstellt:
März 2011