VIII. Die neue Frauenbewegung der 1970er Jahre in den Niederlanden

1967 wurde die Frauenbewegung in den Niederlanden wiederbelebt, als Joke Smit in der Zeitschrift De Gids ihr Unbehagen über die Position der Frauen äußerte. Sie versuchte, Frauen als potenzielle Aktivistinnen zu mobilisieren, um als Gruppe die gemeinschaftlichen Interessen, sowohl in der Politik als auch im Kreise der Familie, zu vertreten. [1]

Während die erste feministische Welle politische Rechte und juristische Gleichberechtigung anstrebte, [2] ging Smit von den persönlichen Erfahrungen der Frauen aus und setzte sich für soziale Gleichberechtigung ein. [3] Zu den Kernthemen der zweiten feministischen Welle gehörten: Arbeit, Bildung, Politik sowie das gesamte Gebiet der Sexualität, Ehe und Familie. [4] Es war derzeit die Rede von einer kollektiven Unzufriedenheit, bedingt durch die Rolle der Frau innerhalb der Gesellschaft. Sie galten zwar als formal gleichgestellt, doch in der Realität war dies nicht der Fall. [5] Hierdurch entwickelte sich bei jungen Frauen der Wunsch nach neuen Idealen und Leitbildern. Aufgrund vielfältiger Reaktionen auf ihren Artikel beschloss Joke Smit zusammen mit Hedy d`Ancona eine Frauenorganisation zu gründen.

Beide verfolgten das Ziel, die gesellschaftlichen Paradigmen zu verändern, und plädierten für das Recht auf Abtreibung, einheitliche Entlohnung, bessere Bildungschancen für Frauen, sexuelle Aufklärung und eine Veränderung der Rollenverteilung zwischen Mann und Frau. [6] Aus diesem Grund wurde im Jahr 1968 die Man Vrouw Maatschappij (MVM) gegründet. [7]

Ein Jahr nach der Gründung der MVM wurde eine weitere Frauenorganisation ins Leben gerufen: Dolle Mina, benannt nach der radikalen Feministin Wilhelmina Drucker. Dolle Mina verfolgte ähnliche Ziele wie die MVM, war jedoch politisch weiter links orientiert und radikal-feministischer. Im politischen Alltag unterschieden sich die beiden Organisationen jedoch weniger, sodass regelmäßig zusammengearbeitet wurde. Dolle Mina hatte allerdings eine andere Mitgliederzusammenstellung und agierte mit anderen Protestmethoden. Gemeinsam bildeten MVM und Dolle Mina eine breite Basis für eine neue soziale Bewegung, in der das Unbehagen junger Frauen aufgegriffen wurde. [8]

Neben diesen Frauenorganisationen entwickelten sich zudem verschiedene Frauengruppen innerhalb der bestehenden politischen Parteien. Hierzu zählten vor allem die so genannten Rooie Vrouwen der PvdA. Die Organisation Wij Vrouwen Eisen, die sich für eine Liberalisierung des Abtreibungsgesetzes engagierte, setzte sich aus verschiedenen Gruppen der Frauenbewegung zusammen. Des Weiteren wurden Frauengesprächsgruppen gegründet, in denen man sich mit dem feministischen Bewusstsein und dem Suchen nach der eigenen Identität auseinandersetzte. [9] Gleichzeitig entstand ein radikaler Feminismus, der die Meinung vertrat, dass nicht die gesetzliche und ökonomische Ungleichheit für die Frauenunterdrückung verantwortlich sei, sondern geschlechterspezifische soziale Faktoren, wie sexuelle Unterdrückung und (männliche) Autorität. [10] Zu den wichtigsten radikal-feministischen Gruppierungen gehörten Paarse September und Bonte Was.

Ab der zweiten Hälfte der siebziger Jahre fand eine Differenzierung innerhalb der Frauenbewegung statt. Die Vorgehensweise der größtenteils autonomen Organisationen reichte von Demonstrationen, Sitzungen, Gesprächen, Publikationen hin zu Rechtswidrigkeiten wie beispielsweise Hausbesetzungen. Viele Feministinnen kamen jedoch zu der Erkenntnis, dass nicht bloß gesetzliche Maßnahmen von Nöten seien, sondern vor allem eine Veränderung des gesellschaftlichen Bewusstseins.

Die Frauenbewegung zersplitterte sich gegen Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre stets mehr und trat in den Hintergrund. Dies lag unter anderem auch an einem 1981 erlassenen Gesetz, das die legale Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruches vorsah. In 1992 trat zudem die Wet Gelijke Behandeling in Kraft, die dafür sorgte, dass die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau schriftlich festgelegt wurde. Trotz dieser gesetzlichen Verankerung gibt es auch aktuell noch Organisationen und Frauenbewegungen, die sich weiterhin für die Interessen und die Unabhängigkeit der Frau einsetzen. In den letzten Jahren gab es beispielsweise kontroverse Diskussionen über das Verhältnis zwischen Religion und Feminismus in Bezug auf die Rolle der islamischen Frau in den Niederlanden. [11] Demnach wird der Feminismus auch weiterhin Bestand haben.


[1] Vgl. Kool-Smit, Joke: Het onbehagen bij de vrouw, in: De Gids Nr. 9/10, 1967, S. 267 ff.
[2] Vgl. Mearten, Mieke: Wat is feminisme?, in: RoSa (Rol en Samenleving) Nr. 14, 2002, S. 2.
[3] Vgl. RoSa: Joke Smit – Nederlands feministisch denker.
[4] Vgl. Ribberink, Anneke: Feminisme – Politiek Veelstromenland.
[5] Vgl. Geheugen van Nederland: Vrouwen in actie! Tweede feministische golf.
[6] Vgl. Vrouweninformatieplein Groningen: De Tweede Feministische Golf.
[7] Vgl. Geheugen van Nederland: Emancipatie ik?.
[8] Vgl. Ribberink (1987), S.38 f.
[9] Vgl. ebd., S. 41.
[10] Vgl. Mearten (2002), S.4.
[11] Vgl. Geheugen van Nederland: Vrouwen in actie! Tweede feministische golf.

Autorin:Judith van den Heuvel
Erstellt:
März 2011