II. Das Jahr 1968

Vietnam. Nixon. Berkley. Protest. Mao. Kulturrevolution. Dubcek. Prager Frühling. West-Berlin. APO / SDS. Dutschke. Amsterdamer versuchen mit Drogen für Polizeipferde zu vermitteln. Es gelingt. In den Niederlanden zwitscherten weiterhin friedlich die Vöglein.

Das Jahr 1968 ist zweifelsohne ein Jahr, über das man viel schreiben, ausführlich diskutieren und zuweilen auch schwadronieren kann. Selbst die Fortsetzung der Stichwortliste zu Beginn dieses Textes würde getrost mehrere Seiten füllen können. Doch gilt es mit wenigen Worten zu konstatieren, was dieses Jahr politisch und historisch interessant macht. Angefangen mit dem Protest gegen den Vietnamkrieg in den westlichen Industrienationen hat sich ein zumeist linksgerichteter studentischer Protest entwickelt, der in jedem Land anders nuanciert ausgefallen ist.

Global war das Jahr 1968 allerdings nicht nur ein Jahr des Protestes und der Politisierung, sondern zugleich ein Jahr der Hoffnung. Durch den Prager Frühling wurde bei nicht wenigen – sowohl auf Seiten des Westblocks, als auch auf Seiten des Ostblocks – die Hoffnung geschürt, dass durch den allmählichen friedlichen Protest der Menschen gegen ihre jeweiligen Systeme eine Konvergenz zwischen den Blöcken herbeigeführt werden könnte. Auf diese Weise erhoffte man sich, den Kalten Krieg beenden zu können und somit maßgeblich zum Frieden auf der Welt beizutragen. Ob diese doch recht utopisch wirkende Hoffnung einen Erfolg hätte verbuchen können, bleibt fraglich, kann aber auch nicht gänzlich ausgeschlossen werden, da Panzer des Warschauer Paktes den Versuch vorzeitig beendeten.

Für Deutschland und die Niederlande war 1968, wie für viele Länder, der Höhepunkt der Protestbewegung, die Mitte der 1960er Jahre ihren Anfang genommen hatte. Der zunächst auf den Vietnamkrieg fokussierte Protest entwickelte sich besonders in Deutschland zu einem generellen Protest gegen die eigenen Eliten. Während Universitäten besetzt und auf den Straßen demonstriert wurde, artikulierte man auf Kundgebungen und Kongressen die Unzufriedenheit gegenüber der kapitalistischen und wenig demokratischen Notstandsgesetze-Politik der BRD im Allgemeinen und der Hochschulpolitik im Besonderen.

Neben der politischen Partizipation in Form der Außerparlamentarischen Opposition (APO) war ein weiteres wesentliches Thema für die deutsche Studentenbewegung der von ihr hervorgerufene Generationenkonflikt, der durch kritische Fragen in Bezug auf die nationalsozialistische Vergangenheit der Eltern seinen Ausdruck fand und die bis dato versäumte Aufarbeitung dieser meist wenig rühmlichen Vergangenheit nachholte. Bei den Eliten und dem größten Teil der Bevölkerung stieß dies jedoch zunächst auf Unverständnis und Ablehnung.

Über die historische Bedeutung dieser Bewegung in Deutschland herrscht alles andere als Konsens. Für die einen beginnt mit 1968 die eigentliche Demokratisierung der BRD, für andere handelt es sich bei den Aktivisten dieser Bewegung um einen Haufen hoffnungsloser Utopisten, die maßlos überwertet werden und deren einzige minimale Bedeutung darin lag, den Weg für die Rote Armee Fraktion (RAF) geebnet zu haben. Egal, welchem Lager man eher zu getan ist,  historisch steht außer Frage, dass während und nach 1968 nicht unwesentliche politische und gesellschaftliche Veränderungen in der BRD stattgefunden haben: der kritische Umgang mit der eigenen Vergangenheit im Nationalsozialismus, die Demokratisierung der Hochschulpolitik und das Aufkommen großer Protestbewegungen in den 1970er und 1980er Jahren. Der Mythos der studentischen Protestbewegung, der in Deutschland mit diesem Jahr verbunden wurde, muss durchaus kritisch betrachtet werden. Er darf aber auch nicht, wenn man diese Bewegung im Zusammenhang mit den internationalen Vorgängen betrachtet, als politisch und historisch bedeutungslos abgetan werden.

Für die Niederlande war dieses Jahr politisch von weniger großer Bedeutung als für die BRD. Dort waren 1966 (Bauarbeiterdemonstrationen, die Unruhen rund um die Hochzeit von Beatrix und Claus) und 1969 (Besetzung von Universitätsgebäuden in Tilburg und Amsterdam im Rahmen des linksgerichteten Studentenprotestes) entscheidende Jahre. Doch erstaunlicherweise radikalisierten diese Unruhen sich nicht annähernd so wie in der BRD; was primär daran lag, dass die kritisierten Eliten der Niederlande statt mit Wasserwerfern und Gummiknüppeln mit einer großen Flexibilität reagierten und teils sogar zu einer selbstkritischen Reflexion in der Lage waren, so dass es nicht weiter verwundert, dass zu Beginn der 1970er Jahre mit dem Kabinett-Den Uyl in den Niederlanden eine der progressivsten Regierungen in Europa regierte.

1968 war historisch und politisch betrachtet für die internationale Gemeinschaft ohne Zweifel ein herausragendes Jahr. Wie der Vergleich zwischen Deutschland/Frankreich und den Niederlanden allerdings gezeigt hat, ist dabei zu berücksichtigen, dass für einige Länder 1968 mehr von Bedeutung war als für andere.


Autor:Mark Lorei
Erstellt:
März 2011