Geographie - Kurzbeitrag

Das Zuiderzeeprojekt 1918 bis heute

Der Abschluß der Zuiderzee von der offenen Nordsee und die Neulandgewinnung im Ijsselmeer stellen eines der bedeutendsten wasserbau- und infrastrukturgeschichtlichen Großprojekte in der über tausendjährigen Siedlungsgeschichte des niederländischen Raumes dar. Das Projekt steht zugleich für den sozialen Wandel der niederländischen Gesellschaft von der Agrar- zur Industrie- und postindustriellen Gesellschaft mit jeweils sehr verschiedenen sozialen Problemen, die sich in den Planungen für das Polderland abbilden.

25 Jahre für die Umsetzung des Lely-Plans

Der Plan für die ,Zähmung’ der gefährlichsten, tief in die niederländische Küstenlinie einschneidenden Nordseebucht, der Zuiderzee, stammte von Dr.-Ing. Cornelis Lely (1854-1929). Es handelte sich um das größte Landgewinnungsprojekt in der niederländischen Geschichte und um das Lebenswerk Cornelis Lelys: 1. Bau eines Abschlußdeiches von der nordholländischen Küste über die Insel Wieringen zur friesischen Küste; 2. Trockenlegung von fünf Poldern in dem durch die Abdämmung gebildeten Ijsselmeer: im einzelnen des Wieringermeerpolders mit 20.000 ha, des Nordostpolders mit 48.000 ha, des Polders Ostflevoland mit 54.000 ha, von Südflevoland mit 43.000 ha, des Polders Markerwaard mit ca. 40.000 ha, insgesamt einer Fläche von 205.000 ha. Bis zur Umsetzung von Lelys Plan aus dem Jahr 1891 vergingen fünfundzwanzig Jahre. Erst die katastrophale Sturmflut von 1916 und die kriegsbedingte Lebensmittelknappheit ließen die Sicherheits- und Versorgungsaspekte des Großprojekts in neuem Licht erscheinen. Jetzt war die Zeit für die Verwirklichung von Lelys Lebenswerk gekommen. Am 9. September 1916 wurde der dritte projektbezogene Gesetzentwurf der Zweiten Kammer vorgelegt, am 21. März 1918 in der Zweiten, am 13. Juni 1918 in der Ersten Kammer angenommen. Zum 31. März 1919 berief Wasserwirtschaftsminister König den Zuiderzeeraad und Lely als dessen Vorsitzenden. Lely, der am 22. Januar 1929 starb, erlebte noch den Beginn der Arbeiten am Zuiderzeeprojekt auf der Grundlage seines Plans, auf dessen Verwirklichung er über zwei Jahrzehnte in verschiedenen Funktionen hingearbeitet hatte. Heute ist der Hauptort der Polderprovinz Flevoland nach ihm benannt.

Mehr Sicherheit vor Sturmfluten, Verbesserung des Wasserhaushalts und Vergrößerung der landwirtschaftlichen Anbaufläche

Das Zuiderzee-Gesetz von 1918 verfolgte im wesentlichen drei Ziele: Erhöhung der Sicherheit vor Sturmfluten, Verbesserung des Wasserhaushalts u.a. durch die Anlage eines Süßwasserbeckens, Vergrößerung der landwirtschaftlichen Anbaufläche. Die beiden ersten Ziele wurden durch den Bau des Abschlußdeichs erreicht, der 1932 fertiggestellt wurde. Nach vierjähriger Vorbereitung begann 1920 die Ausführung des ersten Projektteils: ein 2,5 km langer Damm zwischen dem Festland von Nordholland und der Insel Wieringen. Dieser Teil wurde 1924 fertiggestellt. Schon beim Bau dieses Dammes stieß man auf unvorhergesehene Schwierigkeiten: der Wasserbau auf sandigem Meeresboden, in dem jahrhundertelange Gezeitenbewegungen tiefe Rinnen ausgewaschen hatten, war aufwendiger als angenommen. Außerdem arbeitete man ganzjährig unter den realen Witterungsbedingungen der Nordseeküste, denen sich weder das Personal noch die Maschinen immer gewachsen zeigten. Die Baugeschichte des Abschlussdeichs ist auch eine Alltagsgeschichte durchrostender Baggerschaufeln, durchnäßter Arbeitskleidung in einer Zeit vor der Kunstfaser und harter körperlicher Arbeit ohne jeglichen Zug von Deichbauromantik. Der zweite Teil des Dammes sollte 30 km lang und etwa 90 m breit werden. Die Arbeit an diesem Hauptabschnitt begann 1927 mit der Anlage einer Bauinsel etwa in der Mitte des künftigen Damms und mit dem Bau von Entwässerungsschleusen bei Wieringen und an der friesischen Küste und von Kammerschleusen bei Den Oever und Kornwerderzand.

Der Bau des Abschlußdeichs selbst wurde gleichzeitig an sechs verschiedenen Stellen, an denen das Meer nicht besonders tief war, in Angriff genommen. Je weiter der Bau des Damms fortschritt und je tiefer das Meer an den jeweiligen Baustellen war, desto größer wurden auch die Schwierigkeiten. An den bereits fertigen Deichabschnitten stauten sich die ungeheuren Wassermengen, die bei Ebbe und Flut täglich vom Meer in die Zuiderzee und zurück strömten; dadurch wurde die Strömung in den Öffnungen immer stärker. Nachdem einige Deichabschnitte miteinander verbunden worden waren, blieben schließlich noch zwei Öffnungen übrig. Ursprünglich war beabsichtigt gewesen, mit ihrer Schließung bis zum Frühjahr 1932 zu warten, jedoch rosteten die Metalldrähte in einigen Faschinenstücken – das sind Reisiggeflechte mit Drahtbefestigung – derartig schnell, dass eine der beiden Lücken noch im Herbst 1931 gefüllt werden mußte. Am 28. Mai 1932 wurde die letzte Öffnung geschlossen, nachdem Hunderte von Menschen und über fünfhundert Schiffe fünf Jahre lang gegen die Nordsee gekämpft hatten. Ein Denkmal erinnert heute an diesen wichtigen Tag der niederländischen Infrastrukturgeschichte, seine Aufschrift: „Een volk dat leeft bouwt aan zijn toekomst“. (Ein Volk, das lebt, baut an seiner Zukunft). Der zweckrationale Erfolg des Abschlußdeichs läßt sich leicht belegen: Konnte der Wasserspiegel der offenen Zuiderzee vor 1932 bei Hochwasser auf 3,50 m über N.N. steigen, so kann das Wasser des Ijsselmeers seit 1932 nicht mehr als 1,50 m über N.N. erreichen. Auch der Salzgehalt des Wassers im Ijsselmeer ging nach dem Bau des Abschlussdeichs stark zurück. Vor dem Bau betrug er durchschnittlich etwa 10 Gramm pro Liter. Einige Jahre später war er auf 0,2 bis 0,4 Gramm gesunken.

"Volk, das an seiner Zukunft baut"

Wesentliche politische und soziale Ziele des Städtebaus und der Verkehrsplanung auf den Poldern wurden nicht erreicht; mehr noch, sie wurden zum Ausdruck des besonders sichtbaren städtebaulichen und verkehrsplanerischen Gesamtproblems, das den niederländischen Verdichtungsraum seit dreißig Jahren an die Grenzen der Regierbarkeit geführt hat. Die Verwirklichung des Zuiderzee-Projekts hat bislang mehr als achtzig Jahre in Anspruch genommen und alle diese gesellschaftlichen Veränderungen begleitet. Heute ist der reale Erfahrungshintergrund einer Nahrungsmittelknappheit wie in der Zeit des Ersten Weltkrieges aus westeuropäischer Sicht nicht mehr vorstellbar. Unsere Probleme in diesem Bereich sind die einer strukturellen Überschußproduktion. Die Frage, ob die 1918 gesetzten Ziele erreicht worden sind, muss immer zur Wahrnehmung des sozialen Wandels in Beziehung gesetzt werden: lediglich der Bereich der Sicherung des alten und des neuen Siedlungsraums vor der Bedrohung durch das Meer ist davon ausgenommen, er gilt überzeitlich und absolut, und er ist, soweit sich heute beurteilen läßt, so weit wie nur möglich erfüllt worden, während sich viele soziale Utopien in Verbindung mit der Neulandbesiedlung nicht verwirklichen ließen. Insofern erscheint die Neulandgewinnung in der ehemaligen Zuiderzee vor einem bewegten gesellschaftsgeschichtlichen und politisch-sozialen Hintergrund als Element der Stabilität und Kontinuität im Wandel eines ,Volkes, das an seiner Zukunft baut’.

Autor: Rolf-Ulrich Kunze
Erstellt: Juni 2003