XV. Wohnen auf dem Wasser

In den Niederlanden wird der Baugrund knapp. Aus diesem Grund sollen schwimmfähige Häuser, die zudem auch in Hochwassergebieten stehen können, das Problem lösen.

Dieser Ansatz des „Wohnens auf dem Wasser“ ist sehr sinnvoll: Das Problem der Niederlande ist nicht so sehr der Mangel an Raum an sich, sondern der Mangel an qualitativ hochwertigem und landschaftlich attraktivem Raum. Wasserflächen bedeuten insbesondere in Regionen mit hoher Besiedlungsdichte einen qualitativen Mehrwert: Sie bieten Raum für hochattraktive Wohnstandorte und Naherholungsgebiete, also genau das, woran es in zentralen Teilen der Randstad am meisten mangelt. Das städtebauliche Konzept „Wohnen am und auf dem Wassser“ erfreut sich derzeit steigender Beliebtheit, der Erfolg derartiger Pilotprojekte (etwa in Amsterdam-IJburg) spricht für sich. Folgt man den kühnen Konzepten Ende des 20. Jahrhunderts, dann würde das Grüne Herz der Randstad künftig nicht mehr Agrarbetriebe beherbergen, sondern eine renaturierte Sumpflandschaft mit Wohnanlagen in natürlichem Ambiente. Ähnliche Konzepte werden derzeit in Form der „Blauen Stad“ im Ostteil der Provinz Groningen realisiert.

Ein weiteres interessantes Beispiel niederländischer Architektur sind 32 Amphibienhäuser im gelderländischen Maasbommel. Die jeweils 300.000 Euro teuren Häuser wurden 2006 an einem Ort errichtet, an dem gewöhnliche Gebäude niemals gebaut werden dürften: Vor dem Deich, der die Gemeinde Maasbommel vor Hochwassern schützt – auf einer Fläche, die als Überflutungsgebiet ausgewiesen ist.

Bis 2011 musste man warten, um das Häuserexperiment auch unter Extrembedingungen zu testen. Erst dann veränderten sich die Häuser zum ersten Mal in Boote. Normalerweise stehen sie – aufgereiht wie an einer Perlenkette – im Trockenen, direkt am Ufer der Maas. Doch als 2011 der Fluss anschwoll und über die Ufer trat, löste das Hochwasser die Häuser von ihren Fundamenten und hob sie in die Höhe – was bis zu 5,5 Meter möglich gewesen wäre. Damit die Häuser bei Flut nicht wegtreiben, sind jeweils zwei von ihnen gemeinsam an zwei hohen Pfählen befestigt, an denen sie hinauf- und herabgleiten können.

Wo bei normalen Häusern ein Keller ist, da besitzen die Amphibienhäuser eine wasserdichte Betonwanne – der Schwimmkörper. Darauf sind in Leichtbauweise zwei Geschosse errichtet worden, in denen ein Wohnzimmer, zwei Schlafzimmer, Küche und Bad untergebracht sind. Etwa 120 Quadratmeter Wohnfläche bieten die Häuser – Platz genug für eine Familie mit zwei Kindern. Einziger Nachteil ist, dass man seine Möbel nicht planlos im Haus aufstellen darf – ansonsten könnte das Haus bei der nächsten Flut kentern. Die künftigen Bewohner der schwimmenden Städte sollten nicht nur den Blick auf das Wasser lieben – sie sollten auch sportlich sein. Denn wenn in Maasbommel alle Jahre wieder die Zufahrtswege zu den neuen Wohnungen überschwemmt werden, müssen die Bewohner gezwungenermaßen zu Paddel oder Ruder greifen.

Der Bau dieser Häuser bedeutet für die Niederlande einen Kurswechsel im Umgang mit Hochwasser. „Es war ziemlich viel Überzeugungsarbeit nötig, um von der Gemeinde und dem Verkehrsministerium die Genehmigung für den Bau zu bekommen“, sagt Glenn Metselaar. Er arbeitet in einem Vorort von Den Haag beim Baukonzern Dura Vermeer, wo das Projekt „drijvende stad“ (dt. „treibende Stadt“) in den vergangenen fünfzehn Jahren entwickelt wurde. Warum das Unternehmen trotz der Hürden am Bau im Deichvorland festgehalten hat? „Wir wollen in den Niederlanden eine Diskussion anstoßen, ob wir so weiterbauen können wie bisher“, sagt Metselaar. Denn einerseits steige in dem dichtbesiedelten Land die Nachfrage nach Baugrund ständig. Andererseits gebe es dafür eigentlich nur noch in hochwassergefährdeten Gebieten Platz.

Und nicht nur das: Der Klimawandel wird wahrscheinlich den Meeresspiegel ansteigen lassen und extreme Hochwasser an Flüssen wie Elbe, Rhein und Maas auslösen. „Wir müssen uns auf eine Zeit vorbereiten, in der wahrscheinlich Großteile des Königreichs immer mal wieder unter Wasser stehen werden“, glaubt Metselaar. Das sieht man offenbar auch in anderen Teilen des Landes, das zu einem Viertel unter dem Meeresspiegel liegt, ähnlich: Im friesischen Wohngebiet „Het Blauwe Hart“ in Leeuwarden und in „IJburg“ in Amsterdam wurden kleine Siedlungen von treibenden Häusern entwickelt. In der Blumenhochburg Naaldwijk wurde 2005 das erste schwimmende Gewächshaus der Welt vorgestellt. Das Konzept der „drijvende stad“ wird immer wieder erörtert. In Rotterdam denkt man darüber nach, um in dem 1600 ha großen ehemaligen Hafengebiet schwimmende Siedlungen zu entwickeln. Als Vorläufer dieses Projektes wurde 2011 ein erster Pavillon im Hafen eröffnet. An der Universität Delft, der Architektenhochburg des Landes, gibt es sogar ein eigenes Forschungsprogramm, das die Möglichkeiten „treibender Städte“ entwickelt.

Das Konzept der „treibenden Stadt“ verkaufen die Niederländer auch ins Ausland. Noch vor kurzem sorgten die Pläne eines niederländischen Bauunternehmens für Schlagzeilen, der nach dem verheerendem Hurrikan Sandy im Jahr 2012 treibende Städte vor New York und Miami bauen wollte, um dem steigenden Meeresspiegel trotzen zu können.

Autor: Christoph Podewils
Erstellt: Juni 2005
Aktualisiert: Dagmar Keim, Juni 2014