IV. Wasser ernährt seinen Mann

Wer lange Zeit mit dem gleichen Gegner kämpft, der gewinnt ihn zum Freund. In den Niederlanden gilt dies für das Wasser. Es ist und war nicht nur eine Bedrohung für das Land, sondern gleichzeitig auch Lebensgrundlage. Sei es als Infrastruktur in Form von Kanälen und Flüssen, die einen bequemen und günstigen Personen- und Gütertransport und Tourismus ermöglichen. Oder als unmittelbare Quelle von Nahrung und Einkommen. Wie zum Beispiel die Fischerei: Die Fischer sind in der Hochsee- und der Küstenfischerei tätig, außerdem in der Schalentierzucht, der Binnenfischerei und der Aquakultur. Mit Kuttern gehen sie auf Fangzüge nach Seezunge, Scholle, Kabeljau, Wittling, Hering und Krabben Trawler werden für den Fang von Hering, Makrele und Stöcker eingesetzt. Die größte wirtschaftliche Bedeutung aber haben der Fang von Plattfischen und die Schalentierzucht, die vor allem auf die Provinz Seeland im Südwesten der Niederlande und auf das Wattenmeer konzentriert ist.

Die Fischerei hat sich in den Niederlanden oft anpassen müssen. Nach der Eindeichung der Meeresarme in Seeland und der früheren Zuiderzee veränderte sich die Fischerei in diesen Gebieten grundlegend. Der Fischreichtum der salzigen, unter Tideneinfluss stehenden Gewässer, wurde durch den Wandel zum Süßwasser drastisch reduziert. Die Fischerei hat sich an diesen Wandel zwar angepasst, doch haben andere Einnahmequellen wie zum Beispiel der Tourismus eine viel stärkere Bedeutung in diesen Gebieten erlangt: Etwa 2,5 Millionen Ausländer, viele aus Deutschland, machen jährlich Urlaub am IJsselmeer, auf den Nordseeinseln und in Seeland. Vielleicht erklärt sich aus dem wachsenden Tourismus in diesen Regionen auch, dass die Fischerei in den letzten 20 Jahren weiter zurückging. War die niederländische Fischereiflotte in 1990 noch 628 Schiffe groß, so ist sie in 2012 auf 366 Schiffe geschrumpft. Dabei sind vor allem die Kutter, Trawler und Muschelfischer betroffen. Die Anzahl der hochseefähigen Seeschiffe blieb in den letzten 20 Jahren dagegen recht stabil.

Kompetenz in „Sachen Wasser“ gewinnt auf unserer Erde, die einerseits zunehmend mit den Folgen von Wassermangel und Dürren zu kämpfen hat und wo andererseits aber auch Flutkatastrophen und Wasserüberlast, zunehmend an Bedeutung. „Ein beträchtlicher Teil des weltweiten wasserwirtschaftlichen Wissens stammt aus den Niederlanden. Außerdem sind wir das Land, das weltweit die meistens Studenten ausbildet“, sagt Jeroen van der Sommen, ehemaliger Geschäftsführer der Netherlands Water Partnership. Diese Organisation bündelt die Kompetenz von etwa 200 Unternehmen und Organisation aus dem Wassersektor. So sind die Niederlande führend, wenn es um das Ausbaggern von Häfen und Fahrrinnen geht, das Unternehmen Smit International ist der größte Bergungsdienst für havarierte Schiffe weltweit und die Firma Van Heck ist einer der bekanntesten Anbieter großer Pumpen, mit denen sich zum Beispiel überflutete Gebiete in Stunden wieder trockenlegen lassen. Überall auf der Welt arbeiten Mitarbeiter von internationalen Unternehmen wie beispielsweise dem Forschungsinstitut Deltares daran, Flutkatastrophen zu verhindern oder die Folgen einer Überflutung zu vermindern. Die Überflutungen in New Orleans und New York sind nur zwei der vielen Flutkatastrophen in denen niederländische Ingenieure in den letzten Jahren um Hilfe gebeten wurden.

Autor: Christoph Podewils
Erstellt: Juni 2005
Aktualisiert:
Dagmar Keim, Juni 2014