V. Wasser aus dem Weinregal

„Rot oder Blau?“, fragt jeder Kellner in den Niederlanden, wenn man bei ihm ein Mineralwasser bestellt hat. Rot bedeutet: mit Kohlensäure, Blau ohne. Das liegt an der Farbe der Flasche, die er wenig später auf den Tisch stellt und auf deren Etikett fast immer die Aufschrift „Spa“ prangt. Die drei Buchstaben sind in den Niederlanden das Synonym für Sprudelwasser schlechthin – so ähnlich wie in Deutschland auch No-Name-Taschentücher aus dem Aldi „Tempo“ genannt werden. Allerdings gibt es zu „Spa“ beinahe keine Alternativen. Eine eigene Mineralquelle ist im Land des Wassers nirgendwo zu finden. So begannen die Niederländer schon vor Jahrzehnten, ihr Mineralwasser aus dem Kurort Spa in Belgien zu beziehen. Allenfalls „Water uit de kraan“, Leitungswasser, ist ähnlich populär wie Spa. Nicht zuletzt weil die Qualität des niederländischen Trinkwassers besser getestet wird, als das Wasser aus den meisten Flaschen. So sucht man eine Sprudelwasserauswahl wie in Deutschland in den Niederlanden zumindest bislang vergeblich.

Jan Willem Bakker hat sich vorgenommen, das zu ändern. Vor 15 Jahren hat er am Rande des Amsterdamer Zentrums den „Waterwinkel“, zu Deutsch „Wasserladen“, eröffnet. Mehr als hundert Wassersorten aus aller Welt sind dort in schicken Buchenholzregalen aufgereiht. Unter dem warmen Licht von Halogenstrahlern an der Decke wirken sie wie edle Weinflaschen. „Wir sind eine Art Showroom für Wasser“, erzählt Bakkers Mitarbeiter Elmar Dadaschev. Und eine Volkshochschule in Sachen Sprudel. Bei Verkostungen in dem europaweit angeblich einzigartigen Geschäft kann man lernen, dass Wasser der slowenischen Marke „Donat“ den höchsten Mineralienanteil aller Mineralwässer überhaupt hat und deshalb sehr salzig schmeckt. „Das hilft prima, wenn man einen Kater hat“, sagt Dadaschev. Das grüne Fläschchen enthält sozusagen natürliches Alka-Selzer.

Wasser aus dem Wasserhahn

Genug reines Trinkwasser zu haben ist in den Niederlanden schon seit langem ein Grund der Sorge. Das Grundwasser ist salzig, die Flüsse und Seen sind verschmutzt. So begann man schon vor 135 Jahren Süßwasser aus den Dünen zu beziehen, um die schnell wachsenden Städte, die ihr eigenes Wasser verschmutzten, zu versorgen. In den Dünen befand sich ein natürlicher Grundwasservorrat. Dieser reichte jedoch schon in den 1940er Jahren des letzten Jahrhunderts nicht mehr aus, um den Anforderungen der schnell wachsenden Bevölkerung und des modernen Lebensstandards gerecht zu werden. So begann man das verschmutzte Polder- und Flusswasser zu den Dünen zu leiten und dort zu filtern. Noch heute ist das Dünenwasser eine der wichtigsten Trinkwasserquellen der Niederlande.

Im letzten Jahrhundert entstanden auch neue Quellen des Süßwassers: das IJsselmeer und das Grevelingermeer. Diese ehemaligen Meeresbecken wurden durch die Trennung vom Meer zu den wichtigsten Süßwasserspeichern der Niederlande.

Autor: Christoph Podewils
Erstellt: Juni 2005
Aktualisiert:
Dagmar Keim, Juni 2014