XII. Wassermangel und Dürre

Wer nun meint, zur Regulierung des Wasserhaushaltes genüge es, Deiche zu bauen und von Zeit zu Zeit zu erhöhen, der täuscht erneut: Das anfallende Niederschlagswasser kann in den westlichen Niederlanden aufgrund der Depresssionslage nicht abfließen und muss daher laufend künstlich über Pumpwerke abgeführt werden. Die Trockenhaltung der niederländischen Poldergebiete (circa 5 Prozent der gesamten Landfläche) verschlingt jährlich Gelder in Milliardenhöhe. Hinzu kommt, dass die Grundwasser führenden Schichten in den Poldern ausgesprochen dünn sind und von einem Brackwasserkörper unterlagert sind. Diese Brackwasservorkommen, Überbleibsel aus einer Zeit, in der die Niederlande noch unterm Meer lagen, sind durch die Landgewinnungsprojekte und Trockenlegung der Seen in Bewegung geraten. Ein Prozess der unumkehrbar ist. In einem trockenen Sommer, wenn zu viel Grundwasser für die Bewässerung der Felder entnommen wird, strömt von unten Brackwasser nach. Die Folge: Versalzungserscheinungen.

Neben der Versalzung durch das aufsteigende Grundwasser versalzt das Süßwasser der Niederlande auch vom Meer aus. Die immer öfter vorkommenden niedrigen Wasserstände in den Flüssen und der steigende Meeresspiegel führen dazu, dass die Brackwasserzone sich immer mehr ins Inland verlagert. In Rotterdam führt diese „Salzzunge“ immer wieder dazu, das der Einzugsort für Süßwasser in Gouda nicht genutzt werden kann. Dieser Einzugsort versorgt die gesamte Landwirtschaftsproduktion im Westen des Landes. Auch andere Industrien, vor allem die Energieproduzenten, leiden unter Dürre und tiefen Flusswasserständen. Dann kann es vorkommen, dass es zu wenig Kühlwasser gibt. Bei extrem niedrigen Flusswasserständen können auch die Transportschiffe nicht mehr fahren. Verluste in Millionenhöhe entstehen.

Auch um den Wasserhaushalts in den höhergelegenen Teilen der Niederlande ist es nicht zum Besten bestellt: In weiten Teilen der von Sandböden eingenommenen Hochniederlande herrscht kein Wasserüberschuss, sondern Wassermangel. Bedingt durch erhöhten Wasserverbrauch und Drainierung von Agrarflächen sind hier rapide fallende Grundwasserspiegel zu verzeichnen. Auch dies wird durch den Klimawandel noch mehr zu einen Problem. Die Folge: Aussterben wasserliebender Pflanzenarten (vor allem im Bereich von Hochmoorgebieten) und Ernteschäden in trockenen Sommern, da Sandböden ohnehin eine geringe Wasserhaltekraft besitzen und Trockenperioden schlecht ausgleichen können.

Die Lösung des Süßwasserproblems versucht man sowohl im Osten wie im Westen des Landes durch eine gute Verteilung des Wassers in den Flussläufen, durch einem effizienteren Einsatz der regionalen Wassersysteme und durch weniger Verbrauch zu erreichen.

Ein neues Problem des Wassermangels zeigt sich in den letzten Jahren in großen Teilen der westlichen Niederlande. Traditionell wurden auf dem moorigen Boden des Westens Häuser auf hölzernen Pfählen gebaut. Diese Pfähle werden durch den nassen, moorigen Boden und durch das Grundwasser vor Verrotten geschützt. Bei extremer Trockenheit sinkt jedoch der Grundwasserstand. Die Folge: die Pfähle fangen an zu verrotten. Wahrscheinlich sind rund 400.000 Häuser hiervon betroffen. Der dadurch entstehende Schaden wird auf etwa 24 Milliarden Euro geschätzt. Fast alle historischen Innenstädte im Westen des Landes sind hiervon betroffen.

Städte reagieren auch noch in anderen Hinsichten besonders empfindlich auf extreme Wettersituationen, wie sie wahrscheinlich durch den Klimawandel häufiger eintreten werden. Im Rahmen von Hitzewellen wird ein deutlicher Anstieg von Todesfällen, zumeist unter älteren Menschen, registriert. Bei starken Regenfällen reichen die Abwassersysteme der Städte nicht mehr aus. Durch die Verdichtung der Bebauung und die starke Versiegelung von Flächen wird das Regenwasser nicht mehr im Boden gespeichert. Die Folge: Überströmungen.

Gemeinsam mit mehreren Kommunen arbeitet das Delta-Programm daran, die Städte in den nächsten Jahren auf den möglichen Klimawandel vorzubereiten. Mögliche Maßnahmen, die die Städte treffen können, sind zum Beispiel der Bau von öffentlichen und privaten Grünanlagen, die Verwendung von reflektierenden Farben beim Bau von Häusern sowie eine gute Planung von Straßen und Kabelsystemen, so dass Raum für Baumalleen erhalten bleibt. Diese Maßnahmen sollen den Regen auffangen und die Hitze mildern. Die Planung des städtischen Wassersystems als ein zusammenhängendes System – bestehend aus Oberflächen-, Grund- und Abwasser – scheint sinnvoll, ist durch die Verteilung der Verantwortlichkeit auf verschiedene öffentliche Organe oft jedoch leider keine Selbstverständlichkeit.

Autorin: Ilona Schramm
Erstellt: März 2003
Aktualisiert: Dagmar Keim, Mai 2014