XIII. Ein kurzer Überblick

Den Kampf gegen das Wasser führen die Menschen in dem Rhein-Maas-Schelde-Delta schon seit der Eiszeit. Als damals die ersten Menschen die heutigen Gebiet der Niederlande besiedelten, fanden sie dort eine morastige Landschaft vor, die regelmäßig durch Fluss- und Meerwasser überflutet wurde. Deshalb siedelten sich die ersten Bewohner auf höher liegenden Gebieten wie etwa den Dünen an. Je mehr das Flachland jedoch durch Entwässerung agrarisch nutzbar wurde, desto interessanter wurde es auch, dort zu leben. Man begann damit, „terpen“ zu bauen: künstliche aufgeschüttete Hügel, auf denen die Bewohner ihre Bauernhöfe vor den Fluten schützten. Sie wussten mit den Fluten zu leben.

Rund 1200 nach Christus begannen die Zisterziensermönche der Dünenabtei Ten Duinen in Belgien, in beschwerlicher Arbeit den Kampf gegen den Teufel und gegen die wilde Natur durch Deichanlagen aufzunehmen. Mit großen Anstrengungen und Rückschlägen eroberten die Mönche und später die Deichgrafen so große Stücke Land vom Meer. Eine systematische Trockenlegung des Innlandes begann. Die Flüsse wurden mit Deichen eingedämmt, Kanäle wurden gebaut und Seen wurden trockengelegt, bis fast das gesamte Land bewohnt und vor allem landwirtschaftlich genutzt wurde.

Hierdurch wurden jedoch die Folgen von Überströmungen immer folgenreicher. Anfang des 20. Jahrhunderts begann man mit der Entwicklung einer neuen Strategie, um der Bedrohung durch das Meer zu trotzen: die Begradigung der Küstenlinie durch eine Anzahl von Bauwerken. Die erste Phase der Ausführung dieser Strategie wurde mit dem Bau des „afsluitdijks“ (dt. Abschlussdeich) im Jahr 1926 realisiert. Nach einer Sturmflut 1916, bei der 51 Menschen starben und viele Deiche entlang der Zuiderzee brachen, beschloss man, die Zuiderzee von dem Gezeiteneinfluss des Meeres abzutrennen. 1953 überraschte erneut eine große Sturmflut das Land. Das war der Auslöser für die Fertigstellung der zweiten Phase: dem Bau der Deltawerken in Seeland.

In den 80er und 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts verlegte sich die Gefahr einer Überströmung von der Küste ins Inland. Das immer häufiger auftretende Hochwasser der Flüsse wurde zu einer neuen großen Herausforderung, die es zu meistern galt. Langsam reifte die Erkenntnis, dass es an der Zeit sei, anders als bisher mit dem Wasser umzugehen. Statt wie in den letzten Jahrhunderten gegen das Wasser anzukämpfen und den Wasserhaushalt künstlich zu regulieren, war es nunmehr an der Zeit, sich dem Wasser und den übrigen natürlichen Bedingungen anzupassen. Konkret bedeutet dies ein Verzicht auf intensive Entwässerung, eine Reduzierung der Grundwasserentnahme, ein Rückzug aus den Flussauen, die Anlegung von Speicherbecken und Flutpoldern entlang der Flussläufe und vor allem die Wiedervernässung besonders tiefgelegener und landwirtschaftlich weniger rentabler Polderflächen – also Rückgabe von Land an die Flüsse, denen man es einst mit viel Einsatz abgerungen hatte. Dies war die Geburtsstunde des Programms „Ruimte voor de rivier“ (dt. Raum für den Fluss).

Autorin: Ilona Schramm
Erstellt: März 2003
Aktualisiert: Dagmar Keim, Mai 2014