XIV. Die Provinz aus dem Meer

Wie Cornelis Lely die Zuidersee trockenlegte

Wer die Grenze zur niederländische Provinz Flevoland überquert, der sieht, dass sich die Landschaft rasch verändert: Keine Erhebung behindert den Blick, schnurgerade Wasserläufe durchziehen alle fünfzig Meter das Land, Wälder gibt es kaum. Ganz zu schweigen von den meterhohen Deichen, die Flevoland und die anderen Gebiete am IJsselmeer umgeben. Es ist trockengelegter Meeresboden, auf dem man blickt. Noch vor 80 Jahren stand das Salzwasser hier meterhoch und die Kräfte der Gezeiten konnte sich frei entfalten. Ebenso wie die Kräfte der Sturmfluten, die hier, in der ehemaligen Zuiderzee, immer wieder auftraten, viele Hektar Acker vernichteten und über die Jahrhunderte tausende von Menschenleben kosteten.

Statue von Cornelis Lely am Afsluitdijk
Statue von Cornelis Lely am Afsluitdijk
© Gouwenaar/Wikimedia Commons

Schon 1667 legte ein gewisser Hendric Stevin einen Plan vor, um den Meeresarm der Zuiderzee, der damals tief in die Niederlande eindrang, von der Nordsee abzutrennen. Stevin wollte zwischen den westfriesischen Inseln und dem Festland Deiche bauen und so einen riesigen Binnensee schaffen. Amsterdam, das damit seinen Meerzugang verloren hätte, sollte nach Stevins Plänen über einen neuen Kanal mit der Nordsee verbunden werden. Das Vorhaben scheiterte allerdings sowohl am Geld als auch am nötigen Ingenieurwissen über die passende Technologie. Als 1825 bei einer Sturmflut weite Teile der Küste entlang der Zuiderzee überflutet wurden, gab es erneut Forderungen nach Schutzmaßnahmen, die über die teure Aufstockung von Deichen entlang der Küste hinausgehen sollten. Als die Trockenlegung des berüchtigten Haarlemmermeeres – dort liegt heute der Flughafen Schiphol – erfolgreich abgeschlossen worden war, wurden die Forderungen noch lauter. Denn das Projekt hatte gezeigt, dass Technologie und Erfahrung für einen Abschluss der Zuiderzee vorhanden waren. Außerdem benötigte man neues Agrarland und Arbeitsplätze für die schnell wachsende niederländische Bevölkerung.

Eindeichung der Zuiderzee

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelten etliche Wasserbauingenieure mehr oder weniger durchdachte Pläne zur konkreten Umsetzung des Projektes. Einige wollten auch diesmal Dämme zwischen dem Festland und den westfriesischen Inseln von Vlieland bis nach Ameland bauen um so einen Großteil des Wattenmeeres von der Nordsee zu trennen. Auch der als kompliziert geltende Wasserbauingenieur Cornelius Lely (1854 bis 1929) hatte einen solchen Plan ersonnen, der jedoch wie alle anderen bald wieder in der Schublade verschwand.

Im Jahr 1916 gab es wieder eine schwere Sturmflut. Sie war für die niederländische Regierung der Anlass, den alten Plan von Cornelis Lely, der inzwischen zum Verkehrsminister aufgestiegen war, aufzugreifen: Die Eindeichung der Zuiderzee und damit der Bau der größten Polder, die es in den Niederlanden je gegeben hatte. Anders als die früheren aufwändigen Pläne sah das Konzept von Lely nur einen Deich von 30 Kilometer Länge zwischen Holland und Friesland vor – allerdings einen großen, der mitten durch das Meer führte. Indem der 80 Meter breite Deich den Zugang der Zuiderzee an ihrem nördlichen Ende blockierte, trennte er den Meeresarm von der Nordsee ab. Sein Bau begann 1926 und endete 1932. Auf einen Schlag hatte sich damit die Küstenlinie der Niederlande um 300 Kilometer verkürzt. Ein gewaltiger Fortschritt in Sachen Hochwasserschutz.

Schutz für neues Land

Lelystad kurz vor der Vollendung: Bauarbeiter errichten 1967 ein Hinweisschild für eine Wohnsiedlung
Lelystad kurz vor der Vollendung: Bauarbeiter errichten 1967 ein Hinweisschild für eine Wohnsiedlung
© Ron Kroon/Anefo/NA/cc-by-sa

Kaum war das gewaltige Werk vollendet, da verwandelte sich der vom Meer abgeschnittene Teil der Nordsee in einen Süßwassersee – der Abschlussdeich hielt das salzige Meerwasser zurück, stattdessen floss nur noch Süßwasser aus der IJssel hinein. Nach diesem Rheinarm wurde die ehemalige See auch benannt: IJsselmeer. Das Süßwasser wird seitdem mit riesigen Schöpfwerken über den Abschlussdeich in die Nordsee geschafft. Von Anfang an war der Abschlussdeich allerdings nicht nur als Schutz für die bestehende Küste geplant worden, sondern auch als Schutz für neues Land. Das entstand hinter dem Deich auf eingedämmten Gebieten aus denen man mit Schöpfwerken das Wasser pumpte. Außerdem wurde in diesen Gebieten – den späteren Poldern – ein ausgeklügeltes System von großen und kleinen Gräben angelegt. Sie gewährleisten bis heute, das Grund- und Regenwasser schnell aus dem trockengelegten Land gepumpt werden kann, denn von alleine läuft das Wasser in einem eingedeichten Gebiet nicht ab.

Fünf Polder hatte Lely geplant, sie sollten 225.000 Hektar groß sein und zwei Drittel der ehemaligen Zuiderzee ausfüllen. Es wurden jedoch nur vier gebaut, mit einer Gesamtgröße von 165.000 Hektar: Noch vor der Fertigstellung des Abschlussdeiches wurde Wieringermeer fertig, das kleinste Stück Neuland. Der fest mit Friesland verbundene Nordostpolder war 1942 trocken, 1957 beziehungsweise 1968 folgten Ost- und Südflevoland. Anders als Wieringermeer und der Nordostpolder, auf dem weitgehend Landwirtschaft betrieben wird, sind diese Polder vor allem als Erweiterungsfläche für das aus allen Nähten platzende Amsterdam gedacht. Die Retortenstadt Almere liegt hier – und auch jener Ort, der dem geistigen Vater des Zuiderzeeprojektes geweiht ist – Lelystad. Während bei der Planung der Polder noch die Erinnerung an die Hungersnöte des Ersten und Zweiten Weltkrieges vorherrschten, wurde im Laufe der Zeit deutlich, dass die Aufgabe der Zukunft eher darin liegt, den Süßwasservorrat der Niederlande zu garantieren und weniger landwirtschaftliche Flächen anzulegen. Deshalb wurden 2003 die Pläne für den letzten Polder, Markermeerpolder, gestrichen.

Autor: Christoph Podewils
Erstellt:
Juni 2005
Aktualisiert: Dagmar Keim, Juni 2014