VIII. Der Schaden

Die Bezeichnung „Niederlande“ deutet bereits an, dass es hier kein Hochgebirge gibt. Keine Erhebung beträgt mehr als 350 Meter, und rund ein Viertel des Landes liegt unterhalb des Meeresspiegels. Anders formuliert: Gäbe es keine Deiche, Dünen oder Dämme, dann stünden bei jedem normalen Tidehochwasser oder extrem hohem Flusswasserstand rund 60 Prozent der Niederlande bis zu sechs Meter tief unter Wasser. In diesem von Überströmung bedrohtem Gebiet wohnen ungefähr acht Millionen Menschen und wird 70 Prozent des nationalen Bruttosozialproduktes verdient. Zum Schutz und Erhalt gibt die niederländische Regierung jährlich Milliarden aus, um Deiche, Dünen und Damme zu verstärken. Die Folgen eines Durchbruchs entlang der Flüsse und des Meeres können katastrophal sein.

Aber auch das Wasser in den regulierten Wassersystemen wie Kanälen und den Wasserabführenden „boezemwatersystemen“ (dt. „Busenwassersystemen“) können, wie der Deichbruch in der Gemeinde Wilnis zeigte, zu beachtlichem Schäden führen. Dort verrutsche in 2003 ein Teil des auf Moorboden stehenden Deiches aufgrund von Trockenheit. Ungefähr 230.000 Kubikmeter Wasser strömten in einer Nacht in das dahinter liegende Wohngebiet. Der geschätzte Materialschaden lag bei zwölf Millionen Euro, die Reparatur des Deiches kostete weitere zwölf Millionen Euro.

Building with nature

Durch den erwarteten Klimawandel wird die Gefahr, dass die heutigen Sicherheitsmechanismen versagen, immer größer. Neue Maßnahmen werden erforderlich sein. In den letzten Jahren setzt sich ein Trend durch, bei erforderlichen Maßnahmen die Kräfte der Natur zu nutzen, um die gewünschten Ziele zu erreichen. Dieser Denkansatz wird in den Niederlanden „building with nature“ genannt und wird auch im Rahmen des Delta-Programms – zum Beispiel beim Erhalt der Küste – erprobt.

Entlang der niederländischen Küste werden jährlich 20 Millionen Kubikmeter Sand entlang der Küste verteilt, um das Küstenfundament zu erhalten. Das Küstenfundament besteht aus den Dünen und läuft unter dem Meer bis zur -20 NAP-Grenze durch.

In 2011 wurde zum ersten Mal eine neue Technik eingesetzt, um die Küste zu schützen: der „zandmotor“ (dt. Sandmotor). Vor der Küste von Ter Heijde und Kijkduin wurde eine riesige Menge Sand angeschüttet und so entstand eine Halbinsel von 128 Hektar, so groß wie 256 Fußballfelder. Durch Wind, Wellen und Strömungen wird sich dieser Sand, in den nächsten 20 Jahren entlang der Küste verteilen. Zwischen Hoek van Holland und Scheveningen werden so neue Strände und Dünen entstehen, die nicht nur das Land vor der Gefahr des Meeres schützen, sondern gleichzeitig auch Natur- und Erholungsgebiete bilden werden.
Wird dieses Experiment ein Erfolg, ist hiermit vielleicht ein neuer Weg in die Zukunft in Sicht um die Aufgabe des Klimawandels entlang der Küste effizient und Natur schonend zu meistern.

Im Inland wird das Prinzip, „building with nature“ schon länger im Wasserschutz eingesetzt. Bereits in den 1990er Jahren begann dort das Programm „ruimte voor de rivier“ (dt. Raum für die Flüsse). Dabei war der Gedanke ausschlaggebend, dass es klüger, ist die Flussdeiche in extremen Hochwassersituationen durch breitere Auen zu entlasten. Die Flüsse bekommen so Bewegungsfreiraum, wodurch weitere Sedimentation zwischen den Deichen vermindert wird. Weitere Deicherhöhungen werden so erst zu einem späteren Zeitpunkt nötig.

Im Rahmen des Delta-Programms wird nun untersucht, ob die bisher getroffenen Maßnahmen ausreichen, um die Zukunft zu meistern. Die erwartete Häufung von heftigen Regenfällen führt statistisch zu einer immer größeren Wahrscheinlichkeit, dass das Flusshochwasser höher steigt als die Norm, die heute als Grundlage für die Berechnung der Deiche benutzt wird. Folglich müssen die Deiche angepasst werden, um der neuen Norm zu entsprechen. Um dies zu erreichen, hat man mehrere Möglichkeiten: Entweder macht man die Ränder des Flussbeckens höher oder breiter, man fängt das Wasser im oberen Teil des Flusslaufes auf oder man verteilt das Wasser in Extremsituationen anders über die unterschiedlichen Flussarme. Dadurch würde man nur entlang eines Flussarmes eine neue Norm benötigen. Bei der Entwicklung der Strategie zur Lösung des Hochwasserproblems will man auch raumplanerische Entwicklungswünsche mit einbeziehen. Um dies zu erreichen, arbeiten der Staat, alle betroffenen Wasserschaften, die Kommunen und die Provinzen eng zusammen.

Autor: Dagmar Keim
Erstellt: Mai 2014