XIV. Nur ein bisschen Stadt - Wie Rotterdam zum weltgrößten Hafen wurde

Wenn die Niederländer über Rotterdam sprechen, dann ziehen sie gerne einen Vergleich mit Amsterdam heran: Die Metropole an der Amstel ist eine Stadt mit Hafen, sagen sie. Rotterdam aber sei ein Hafen mit Stadt. Wie sehr diese Beobachtung zutrifft, kann man gelegentlich beim Anflug auf Rotterdams kleinen Flughafen sehen. Wälder von Kränen ziehen sich am Nieuwe Waterweg (dt. Neue Wasserstraße) entlang, umrahmen die Türme der petrochemischen Fabriken, die Berge aus Containern und die Kolonnen riesiger, weißer Öltanks, bei denen Supertanker aus aller Welt den Treibstoff für Europa anliefern. Dies geht über eine Strecke von 40 Kilometern so: vom Zentrum der Stadt bis weit in die Nordsee hinaus. Mit diesem Hafen steht Rotterdam europaweit einzigartig da – kein anderer ist größer. Weltweit liegt Rotterdam mit zuletzt 435 Millionen Tonnen Güter im Jahr 2011 unten den größten zehn.

„Neue Wasserstraße“

Obwohl die Stadt an der Rotte schon seit dem 14. Jahrhundert Stadtrechte hat und von dort einst das begehrte Delfter Porzellan in die damals bekannte Welt exportiert wurde, erlangte Rotterdam erst im späten 19. Jahrhundert jene Bedeutung, die es noch heute hat: Im Jahr 1872 wurde der Nieuwe Waterweg fertiggestellt, die Neue Wasserstraße. Das ist eine künstlich angelegte Maasmündung, die schnurgerade vom alten Hafen im Rotterdamer Zentrum zur Nordsee führt, etwa 300 Meter breit– und vor allem tief genug – für die großen Dampfer ist, die Ende des 19. Jahrhunderts allmählich aufkamen.

Bevor es den Nieuwe Waterweg gab, war es ein mühsames Unterfangen, vom offenen Meer in den Rotterdamer Hafen zu gelangen. Vor allem die großen Schiffe mussten manchmal tagelang durch die verschlungenen Wasserwege der Provinz Seeland fahren, deren Nordseite an Rotterdam grenzt. Weil die Häfen von Hamburg und Antwerpen deutlich einfacher anzufahren waren und sich das seit Mitte des 19. Jahrhundert erstarkende Ruhrgebiet auch von dort aus mit Gütern wie Erz versorgen ließ, mieden immer mehr Reedereien den kleinen Hafen an der Rotte. Damit er auf Dauer nicht in Bedeutungslosigkeit versinken würde, beschloss die Regierung in Den Haag die Errichtung eines direkten Zugangs zur Nordsee und ließ den Nieuwe Waterweg graben.

Musterbeispiel für eine moderne Stadt

Der neue Seeanschluss bescherte der Stadt in den Folgejahren eine völlig unkontrollierte Entwicklung. Innerhalb von nur 30 Jahren wuchs Rotterdam von 160.000 auf 516.000 Einwohner. Die meisten kamen vom Land, viele auch aus Deutschland und Skandinavien. Arbeit gab es im Hafen reichlich für sie, doch an Wohnraum mangelte es enorm. Rotterdam war grau, dunkel, dreckig – und unüberschaubar. Zeitweise durchquerten drei Eisenbahnlinien die Stadt, ohne, dass es allerdings eine Verbindung zwischen ihnen gegeben hätte.

Am 14. Mai 1940 wurde Rotterdams Zentrum von deutschen Bombern komplett zerstört, lediglich drei Häuser blieben stehen. Trotz des immensen Schadens hat die Stadt davon auch profitiert, denn endlich ließen sich Pläne aus den 1920er Jahren umsetzen, die Rotterdam an seine neue Bedeutung anpassen sollten: Die Eigentümer der Grundstücke in Zentrum wurden enteignet, es wurden breite Straßen gebaut, Industrie- und Wohngebiete getrennt, Parks angelegt. Mit ihren nüchternen Hochhaussiedlungen, einer der ersten Fußgängerzonen der Welt und einer lockeren Stadtanlage gilt die Stadt deshalb heute unter Architektur-Fans als das Musterbeispiel für eine moderne Stadt. Die Heimeligkeit von Amsterdam findet man allerdings allenfalls im historischen Delfshaven, der etwas außerhalb vom Zentrum liegt und den Bombenangriff einigermaßen unbeschadet überstand.

Maasvlakte II

Im Jahr 2013 wurde die erste Phase der „Maasvlakte II“ eröffnet. Sie ist eine 2.000 ha große künstliche Sandinsel am Hafeneingang von Rotterdam. Abhängig von der Nachfrage nach Industriegebieten, wird diese Insel langsam (maximal bis zum Jahr 2030) zu einem Industriegebiet entwickelt.

Die „Massvlakkte II“ hat – wie der Name schon andeutet – einen Vorläufer: die „Maasvlakte I“‘. In den 1960er Jahren wurde dorthin der Hafen von Rotterdam verlagert. Dies bot enorme städtebauliche Möglichkeiten für Rotterdam, um die alten Hafengelände zu entwickeln. Heute liegen hier die schönsten Wohngegenden der Stadt

Durch diesen Erfolg ist es nicht verwunderlich, dass immer wieder Ideen auftauchen, um noch mehr Inseln vor der Küste von Holland zu errichten. Welches städtebauliche Potential entstünde etwa für die Stadt Amsterdam, die sich wegen dem Flughafen Schiphol kaum noch ausbreiten kann, wenn der Flughafen ins Meer verlegt würde? Doch durch die Vertiefung des Seebodens entlang der Küste werden solche Pläne schnell zu teuer und verschwinden dann wieder vom Tisch.

Autor: Christoph Podewils
Erstellt: Juni 2005
Aktualisiert: Dagmar Keim, Juni 2014