II. Die „Herren“ des Wassers

Das Wasser in den Niederlanden kennt viele „Herren“. Der mächtigste ist Rijkswaterstaat, die Behörde des Ministeriums für Infrastruktur und Umwelt. Mit Recht kann man behaupten, dass Rijkswaterstaat die Entstehung der niederländischen Landschaft maßgeblich beeinflusst hat. Tausende Kilometer Deiche haben die Den Haager Zentrale und ihre im ganzen Land verstreuten Filialen bauen lassen, Meere und Seen trocken gelegt, Flüsse umgeleitet, Kanäle gebaut und Sturmflutwehre an den Horizont gesetzt.

Die heute rund 9.500 Mitarbeiter starke Regierungsorganisation verdankt ihre Existenz nicht zuletzt der französischen Besatzung der Niederlande unter Napoleon. Nachdem das Land auf Grund schlecht gewarteter Deiche von mehreren großen Überschwemmungen getroffen war, stiftete Napoleon 1798 den „Services des Ponts et Chaussées“ nach französischem Vorbild. Damit wurde ein übergeordnetes, zentralistisches Organ geschaffen, dass die bisher unabhängigen individualistischen Deichgrafe überwachen und kontrollieren konnte.

Seit seiner Gründung hat Rijkswaterstaat, bis 1848 das Bureau voor den Waterstaat, sich an die zeitlichen Veränderungen angepasst. Als der Transport sich vom Wasser auf die Schienen verlegte, bauten sie das dazu nötige Schienennetzwerk; als die Autos ihren Einzug nahmen, legten sie Autobahnen an, wurden zum Bauherren von Brücken und Aquädukten. Als sich in den 1970er Jahren in den Niederlanden das Verhältnis von Staat und Bürger änderte, passte Rijkswaterstaat sich auch an diesen Wandel an. Heutzutage tritt die Behörde nicht mehr als Bauherr auf, der die im Hinterzimmer angefertigten Baupläne ausführt, sondern versucht als Manager die Interessen von verschiedenen privaten und öffentlichen Interessenten bei der Planung zu koordinieren.

Das in der Vergangenheit oft wegen seiner rein ingenieurstechnischen Ansätze kritisierte Rijkswaterstaat hat so im Laufe der Zeit seinen Kernthemenbereich erweitert. Standen früher einzig die Realisierung von Sicherheit und die Schnelligkeit einer Verbindungen in der Planungs- und Ausführungsphase im Mittelpunkt, so setzt sich Rijkswaterstaat heute auch für die Schaffung und Erhaltung von Lebensqualität (insbesondere von Grünräumen) und für die Sorge von genügend sauberem Wasser ein. Ein Umschwung der mit dem Bau der Deltawerke in den 1980er Jahren begann.

Waterschappen

Neben Rijkswaterstaat sind die 24 waterschappen für die Wasserwirtschaft des Landes ein wichtiger „Herr“. Auch sie sorgen dafür, dass die Niederländer keine „nassen Füße“ bekommen und immer reichlich sauberes Wasser haben. Sie kümmern sich im Gegensatz zu Rijkswaterstaat vor allem um regionale und lokale Wassersysteme. Neben den Regierungsorganen des Staates, der Provinzen und der Gemeinden, formen sie ein autonomes staatliches Organ, mit einer eigenen Verwaltung, eigenem Wahlverfahren und einem eigenen Steuersystem. Eine Wasserschaft (nl. waterschap) oder auch hoogheemraad genannt, wird von einem Deichgrafen, einem allgemeinem Vorstand und einem Geschäftsvorstand geführt. Seit 1992 ist der Status und die Verantwortlichkeit der waterschappen im waterschapswet (dt. Wasserschaftengesetz) geregelt.

Die waterschappen stammen noch aus der Gründungszeit der niederländischen Siedlungsgeschichte. Schon kurz nach den ersten Trockenlegungen des moorigen Landes im 11. Jahrhundert bildeten sich in den Dörfern Gremien von Bürgern, die in einem bestimmten Gebiet gemeinsame, wasserwirtschaftliche Maßnahmen realisierten. So entwickelte sich im Laufe der Zeit eine Patchworkdecke von verschiedenen Gebieten mit unterschiedlichen Gremien (waterschappen), die ihre eigenen Regeln und Techniken hatten. Durch die Gründung von Rijkswaterstaat wurde die Wasserwirtschaft eine staatliche Aufgabe. Die Provinzen folgten dem Vorbild der zentralen Regierung und gründeten im Laufe der Zeit ihre eigenen waterschappen, die die vielen lokalen Ausgründungen ersetzen. So verschwanden viele der ursprünglichen waterschappen.

Für viele symbolisieren die waterschappen den starken Gemeinschaftsgeist der Niederländer und ihre Verbundenheit mit dem Wasser. Dieser symbolische Charakter der waterschappen ist vielleicht auch der Grund, warum das Fortbestehen der übrig gebliebenen unabhängigen waterschappen seit Jahren Thema der politischen Diskussion ist – ohne das es zu einer Eingliederung der waterschappen in die provinzialen Regierungsstrukturen gekommen ist.

Autorin: Dagmar Keim
Erstellt: Mai 2014