XIX. Beziehungen zu Nachbarstaaten

Die Niederlande sind ein Gezeitendelta, das im Westen von der Nordsee und vom Osten durch die Flüsse Rhein und Maas geprägt wird. Doch bevor Rhein und Maas die Niederlande erreichen, haben sie mehrere Nachbarländer durchflossen. In letzteren kann durch Schneeschmelzen oder Starkregen Hochwasser entstehen, das die Niederlande mit seiner geringen Reliefhöhe in besonderer Weise bedroht, in dem das Abfließen der Hochwassermassen erschwert ist. Weiterhin kommt es zu Schadstoffbelastungen durch Abwässer aus Städten und Industrie der durchflossenen Nachbarstaaten, was besonders die Trinkwasserversorgung in den Niederlanden betrifft, denn die Niederlande gewinnen einen Großteil ihres Trinkwassers aus dem Rhein. Die Niederlande sind also in hohem Maße von den Umweltbelastungen von Rhein und Maas sowie vom Wassermanagement der Anliegerstaaten, die eine große Verantwortung für Hochwasser und Wasserqualität tragen, abhängig.

Landnutzung und Gewässerausbau in den Anrainerstaaten von Rhein und Maas haben zu einer Verschärfung der Hochwassersituation geführt, in dem der Oberflächenabfluss erhöht und der Hochwasserrückhalt in den natürlichen Überflutungsflächen (Auen) verringert wurde. Schon im 19. Jahrhundert begannen die Flussbegradigungen des Rheins. Die Auen als natürliche Retentionsreserven verschwanden aus einem komplexen Ökosystem. Diese lineare Regulierung führt zu erhöhten Hochwassergefahren. In neuerer Zeit kommt die Sorge um die globale Erwärmung, deren Einfluss auf das Hochwassergeschehen noch gar nicht einzuschätzen ist, hinzu. Maßnahmen zum Hochwasserschutz für Unterliegerstaaten wie die Niederlande müssen im zwischenstaatlichem Einvernehmen und Respekt getroffen werden.

Umweltbelastungen von Rhein und Maas

In der Zeit ungetrübten Fortschrittglaubens gelangten die Abwässer von Industrie und Städten ungeklärt in die Flüsse Rhein und Maas. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb am 13. Juni 1958: „Die katastrophalen Auswirkungen der industriellen Abwässer bedrohen nicht nur die niederländische Trinkwasserversorgung, sondern auch die Existenz eines Teils der holländischen Wirtschaft.“ Am 15. März 1961 schrieb Die Welt: „Deutsche und holländische Wasserwerke haben seit Jahren große Schwierigkeiten, Rheinwasser in Trinkwasser umzuwandeln. Sogar das Vieh weigert sich oft, Wasser aus dem Rhein zu trinken.“ Zwei Vorkommen, die Geschichte schrieben, seien hier beispielhaft aufgeführt:

  • Oberelsässische Kaligruben in Frankreich leiteten große Mengen von Kalisalzen in den Rhein. Die Salzfracht des Rheins erhöhte sich dramatisch und gefährdete die Trinkwasserversorgung in den Niederlanden in erschreckender Weise.
  • Im Jahr 1986 brannte die Lagerhalle der Schweizer Firma Sandoz in Basel. Mit dem Löschwasser gelangten große Mengen an Phosphorsäureresten zusammen mit Quecksilberverbindungen in den Rhein und vernichteten große Teile des tierischen und pflanzlichen Lebens. Die Gesetzgebung reagierte mit einer Löschwasserrückhalterichtlinie. Auffangbecken wurden errichtet.

Ein Problem, das weiterhin große Sorgen bereitet, sind die Rückstände von Pflanzenschutzmitteln und Medikamenten, die in den Rhein gelangen. An der Grenze bei Bimmen (NL) und Kleve (D) wird die Pflanzenschutzfracht – etwa Atrazin – kontinuierlich gemessen. Alarmierende Meldungen über die Verschmutzung des Rheins führten zu einem Umdenken und der Entwicklung eines Umweltbewusstseins. Große Erfolge sind zu verzeichnen. Dennoch bleibt die Schadstoffbelastung ein aktuelles Problem. Regelmäßig wird die Übertretung von Normwerten konstatiert: zum Beispiel findet man am Ende des Jahres oft große Konzentrationen von Düngungsmitteln im Wasser. Die Reste von Medikamenten und Hormonen bleibt ein großer Sorgepunkt.

Dennoch ist der Trend positiv zu beurteilen. Heute leben wieder zahlreiche Fische im Rhein. Die Nachricht: „Es gibt wieder Lachs im Rhein“ soll die weltweit meistzitierte Nachricht gewesen sein. Trotz aller Erfolge muss sich weiterhin darum bemüht werden, die Schadstoffbelastungen von Rhein und Maas weiter zu senken.

Autorin: Dagmar Keim
Erstellt: Juni 2014