VI. Land unter

„Utrecht aan Zee“ heißt ein in den Niederlanden recht erfolgreiches Buch – zu Deutsch: Utrecht am Meer. Es ist nur ein dünnes Bändchen – eine kleine Vision dessen, was passiert, wenn der Meeresspiegel in den kommenden hundert Jahren um ein bis zwei Meter steigt, so wie es von manchen Klimaforschern prognostiziert wird. Gegenwärtig liegt die Großstadt Utrecht rund 60 Kilometer vom Meer entfernt, in etwa an der Stelle, wo die Niederlande etwas ansteigen und deutlich über dem Niveau des heutigen Meeresspiegels zu liegen kommen.

Anders als das Büchlein glauben machen will, besteht das Risiko für die Niederlande gar nicht so sehr im Ansteigen des Meeresspiegels selbst – mit einem Meter mehr oder weniger Wasser vor dem Deich kann man umgehen, das zeigen die Erfahrungen der vergangenen Jahrhunderte. Die Gefahr lauert in hohen Sturmfluten, die bei bestimmten Wetterverhältnissen fatal sein können. Doch nicht nur das Meer bedroht das Land. Extrem hohe Flusswasserstände können die Niederlande in wenigen Tagen zerrütten. Das passierte zum Beispiel 1993, als 500.000 Menschen wegen drohender Deichbruchgefahr aus ihren Häusern evakuiert wurden.

Ein Deichdurchbruch entlang der Flüsse würde in manchen Orten des Landes zu Überschwemmungen von bis zu sechs Metern führen. Vor allem im westlichen Teil der Niederlande liegt der Pegel des Rheins und seiner Nebenarme über dem Niveau des Umlandes. Dies ist dadurch zu erklären, dass die Flussauen schon früh durch Deiche begrenzt wurden und die Ströme anschließend nur innerhalb der Deichgrenzen sedimentieren konnten. Dadurch wurden ihre Betten künstlich aufgehöht. Folglich müssen hier in regelmäßigen Abständen Deicherhöhungen vorgenommen werden. Der Höhenunterschied zwischen den Flussauen und dem Umland wird außerdem durch die Senkung des Bodens – auf der geschützten Seite des Deiches – immer größer.

Die massive Häufung von Flusshochwässern während der letzten 15 Jahre ist einerseits Folge klimatischer Veränderungen, andererseits sind die Hochwässer menschengemacht: Im Oberlauf des Rheins sind die Flussauen immer weiter beschnitten und so begradigt worden und weite Teile des Umlandes durch Bebauung versiegelt worden, so dass plötzlich anfallende Wassermassen nicht mehr gespeichert werden können und ungehindert stromabwärts fließen.

Die Sorge vor Überschwemmungen, sowohl durch Flüsse als auch durch das Meer, ist dadurch sicherlich eine der größten Herausforderungen der Niederlande. Angesichts des Klimawandels wird diese Herausforderung nur noch größer. Werden die Niederlande den Kampf gegen das Wasser gewinnen? Dieser Frage widmen sich tausende von Niederländern im Rahmen des „Delta-Programmes“. Sie untersuchen die Folgen des Klimawandels für die Niederlande bis zum Jahre 2100 und entwickeln für diesen Zeitraum Strategien, die dafür sorgen, das nicht nur die „Füße“ der heutigen Bevölkerung, sondern auch die ihrer Kinder und Enkelkinder, trocken bleiben.

Autor: Christoph Podewils
Erstellt: Juni 2005
Aktualisiert: Dagmar Keim, Mai 2014