III. Die Indonesien-AG

Das 17. Jahrhundert wird in den Niederlanden das „goldene Zeitalter“ genannt. Grund dafür sind die wirtschaftlichen Erfolge, die das Land durch seinen auf den Weltmeeren beheimateten großen Handelsflotte erzielen konnte. Ohne die Seefahrt wäre eine derart florierende Wirtschaft zu seiner Zeit nicht möglich gewesen.

Als vor einigen Jahren im Hafen von Enkhuizen am IJsselmeer ein altes Lagerhaus renoviert wurde, entdeckten die Bauleute unter den Dielen des Gebäudes einige Pfefferkörner. Der Fund wäre kaum bemerkenswert gewesen, wenn das Lagerhaus nicht früher einmal der VOC, der Vereenigde Oostindische Compagnie (dt. Vereinigte Ostindische Kompagnie), gehört hätte – die Pfefferkörner waren wahrscheinlich der letzte Rest von Tausenden von Tonnen Gewürzen, die diese allererste Aktiengesellschaft der Welt zwischen 1602 und 1799 mit Segelschiffen von Asien nach Europa transportiert hatte – und sie sind Zeichen für den großen Wohlstand, den die VOC den Niederlanden gebracht hat. Schließlich fällt die Gründung der VOC in eine Zeit, da Gewürze derart kostbar waren, dass sie mit Gold aufgewogen wurden.

Das Lagerhaus ist mittlerweile ein Teil des Zuiderzeemuseums, wo auch die Geschichte der VOC erzählt wird – eine Geschichte, die die Niederlande bis heute prägt und gelegentlich sogar zu politischen Spannungen führt. Als sich 1602 Reedereien aus den holländischen Handelsstädten Amsterdam, Delft, Enkhuizen, Hoorn, Middelburg und Rotterdam zur VOC zusammentaten, legten sie den Grundstein für das erste weltumspannende Unternehmen. Sein Grundkapital betrug 66 Tonnen Gold, die sich theoretisch 2.153 Eigentümer hätten teilen können – denn so viele Aktien wurden ausgegeben. In Wirklichkeit verteilte sich die VOC auf deutlich weniger Aktionäre, von denen viele in Amsterdam wohnten und weshalb sie im Rest des Landes nur die „Pfeffersäcke von Amsterdam“ genannt wurden.

In dem in 2013 neu renoviertem Schifffahrtsmuseum in Amsterdam, wird die Geschichte der VOC mit Hilfe modernster Kommunikationsmedien sehr anschaulich vermittelt. Aber nichts ist so lebensecht, wie der Besuch auf dem im Original nachgebautem VOC-Schiff neben dem Museum. Wenn man Glück hat, trifft man dort selbst den Schiffskapitän in origineller Kleidung des 17. Jahrhunderts, der mit raunender Stimme von seinen Abenteuerreisen erzählt.

Kostbare Güter nach Europa verschiffen

Von niederländischen Häfen schickten die „Heren XVII“, der 17-köpfige Vorstand der VOC, jedes Jahr etwa vierzig Segelschiffe nach Indien, Ceylon – dem heutigen Sri Lanka –, nach China, Japan und Indonesien, um von dort kostbare Güter nach Europa zu holen. Ihre Eigentümer machte die Gesellschaft zu reichen Menschen, die Traumdividende von durchschnittlich 18 Prozent im Jahr erhielten – Großunternehmen wie Siemens oder DaimlerChrysler gelten heute als erfolgreich, wenn sie die Hälfte davon zahlen. Durch die VOC stiegen die Niederlande – vor England, Portugal und Spanien – zur mächtigsten Handelsnation auf. Der seeländischen Stadt Middelburg zum Beispiel sieht man diesen Reichtum noch heute an – obwohl sie im Zweiten Weltkrieg schwer zerstört wurde. So stehen am Marktplatz Häuser aus der VOC-Zeit. Sie sind gebaut aus Natursteinen, die es in Seeland gar nicht gibt, sondern die für viel Geld importiert werden mussten.

Auch in anderen Teilen der Welt ist die VOC vielerorts noch allgegenwärtig. Die indonesische Hauptstadt Djakarta beispielsweise hieß bis 1949 Batavia. Gegründet wurde sie im Jahr 1619 von einem gewissen Jan Pieterszoon , dem örtlichen VOC-Statthalter. Anders als in den Niederlanden werden die Buchstaben VOC in Indonesien jedoch nicht mit dem Stolz auf glanzvolle Zeiten verbunden. Denn die Statthalter der VOC führten in „ihren“ Kolonien ein Schreckensregime. Sie versklavten die Einwohner Indonesiens in Plantagen, sie raubten den Ureinwohnern ihr Land und legten so den Grundstein für eine 350 Jahre lange Kolonialisierung durch die Niederlande. Dieser Teil der Geschichte ist in den Niederlanden nur teilweise aufgearbeitet. Kein Wunder, dass die Beziehung zwischen den ehemaligen Kolonien und den Niederlanden bis zum heutigen Tag sensible Diplomatenarbeit erfordert.

Autor: Christoph Podewils
Erstellt: Juni 2005
Aktualisiert: Dagmar Keim, Juni 2014