XVI. Immer weg fahren können - Warum die Familie Schaafsma aufs Wasser zog

Hunderttausende Menschen in den Niederlanden leben auf dem Wasser. Die meisten in Hausbooten, die sich über die Jahre in schwimmende Apartments verwandelt haben und schon lange nicht mehr vom Fleck bewegt wurden – vor allem in Amsterdam sind die schwimmenden Häuser ein probates Mittel gegen die Wohnungsnot. Doch es gibt auch Menschen, die gar nicht in einem Haus aus Stein und Mörtel leben wollen, Überzeugungstäter wie Brecht und Sijbren Schaafsma. Das friesische Ehepaar zog 1970 auf das Binnenschiff Liebje und lebte darin 33 Jahre glücklich.

„Das schönste war das Gefühl, immer weg fahren zu können“, erinnert sich Brecht. Nicht so eingemauert zu sein, wie in dem großen Haus, aus dem sie vor lauter Unglücklichsein habe flüchten müssen. Vor den neugierigen Nachbarn und ihren Erwartungen. Und vor dem Komfort, der sie der Natur entfremdet habe. „Das ganze moderne Zeug brauchten wir nicht“, sagt Brecht. Doch auf dem Wasser zu Leben, das habe sie sich schon als Kind wunderbar vorgestellt. Einfach fahren zu können, nach Frankreich zum Beispiel oder einfach nur in den Nachbarort, um näher an der Schule ihres ersten Sohnes zu sein.

Glückliche Erinnerungen

Brecht erzählt, dass es ganz am Anfang nicht einmal Strom auf Liebje gab, sondern nur Petroleumleuchten. Dass sie die Wäsche für ihren Mann und die drei Kinder all die Jahre von Hand gewaschen habe. Und sie erzählt davon, wie am Wochenende die ganze Familie über die friesischen Kanäle fuhr, von den Freunden ihrer Kinder, die oft mit an Bord waren und von den Urlaubsfahrten. Der Schein einer glücklichen Erinnerung überstreicht ihr rundes Gesicht, die großen Augen blicken versonnen. „Wir haben es nicht einen Tag bereut. Wenn wir könnten, würden wir sofort wieder an Bord ziehen.“

Die Freiheit hatte ihren Preis. „Du wirst von den Leuten als Paria behandelt. Sie glauben, dass es nicht sauber ist an Bord, dass man klaut“, berichtet Sijbren. Selbst die Obrigkeit habe sie wie eine Romafamilie behandelt. „Damit wir hier in Terwispel liegen durften, brauchten wir eine Genehmigung vom Kommissar der Königin. Ein Beamter von ihm war hier, um zu kontrollieren, dass wir nicht trunksüchtig sind und unsere Kinder zur Schule schickten“, ergänzt seine Frau. Selbst ihr Vater habe sich geschämt, als seine Tochter aus dem so anständigen neuen Reihenhaus auf das Hausboot gezogen ist. „Erst hat er uns verboten, ihn mit Liebje zu besuchen. Später hat er den Nachbarn erzählt, dass wir das Boot nur für den Urlaub gekauft haben.“ Nötig wäre das nicht gewesen, die Schaafsmas hatten ein gutes Auskommen. „Wir waren nicht in eine Schublade zu stecken“, sagt Sijben. Wie konnte er – ein Hochschullehrer in Amsterdam – nur auf dem Wasser leben? Das konnten sich die Menschen in dem kleinen friesischen Dorf Terwispel nicht vorstellen.

„Als wenn man ein Kind weggibt“

Vor zehn Jahren hat sich das Ehepaar entschieden, Liebje zu verlassen. „Es gibt immer etwas auf so einem Schiff zu tun und man weiß nicht, wie lange man das noch kann“, sagt Sijbren. „Dennoch war es, als ob man ein Kind weggeben würde.“ Und wie man von einem Kind Erinnerungen aufbewahren würde, so haben er und seine Frau Erinnerungen an Liebje behalten. Den Kaffee mahlt Brecht noch immer von Hand. Genau wie damals, als über den Dachluken des alten Binnenschiffs der Himmel anfing, scheint heute die Abendsonne durch die großen Fenster im Wohnzimmer des Ehepaars. Und mitten in dem hellen Raum steht auf den honiggelben Schiffsplanken ein alter Kanonenofen. Darin glüht ein Holzscheit. Genauso wie all die Jahre in dem schwimmenden Heim der Schaafsmas.

Autor: Christoph Podewils
Erstellt: Juni 2005
Aktualisiert: Dagmar Keim, Juni 2014