IX. Raum für Flüsse und Maaswerke

Maas und Rhein sollen wieder breit werden dürfen, um Flutkatastrophen zu verhindern

Ohne Maas und Rhein gäbe es die Niederlande nicht: Die Flüsse haben im Laufe der Jahrtausende soviel Sand und Kies angeschwemmt, dass sich an ihrer Mündung in die Nordsee ein weiter, flacher Schwemmfächer bildete. Überschwemmungen gehören seit jeher zu diesem Vorgang. Bis 1960 traten sie auch in der südlichsten niederländischen Provinz, in Limburg, regelmäßig auf. Viel Schaden richteten sie nicht an, denn die Bewohner links und rechts des Stroms hatten die Wassermassen immer auf der Rechnung.

Dennoch wurden in den vergangenen 40 Jahren an der Maas zahlreiche Häuser gebaut, die Städte Venlo und Roermond hatten sich in das Flusstal ausgedehnt, Industrie und Landwirtschaft belegten das Überschwemmungsgebiet. Als Ende 1993 nach Jahrzehnten wieder einmal eine mächtige Hochwasserwelle den Fluss aus Frankreich und Belgien herunterrollte und ihn weit über die Ufer treten ließ, stand das Maastal plötzlich 1,5 Meter hoch unter Wasser. Sieben Prozent der Provinz Limburg wurde überflutet, 18.000 Menschen mussten evakuiert werden, es entstand ein Schaden von 250 Millionen Gulden (etwa 115 Millionen Euro).

Zwei Jahre später, noch waren die Folgen des Hochwassers nicht beseitigt, rollte eine neue Flut die Flüsse hinunter. Beinahe zwei Meter zeigte der Hochwasserpegel diesmal an. Die Behörden befürchteten insbesondere am Rhein, dass die Deiche nicht halten würden. Eine Viertelmillion Menschen wurde evakuiert, um eine Katastrophe zu verhindern. Auch wenn sich später herausstellte, dass nirgendwo ein Deichbruch drohte, hatten die Überschwemmungen Konsequenzen für den Umgang mit den Flüssen und ihren Hochwassern. Zunächst wurden die Flussdeiche erhöht, besonders gefährdete Siedlungen lässt die Wasserbauverwaltung Rijkswaterstaat gegenwärtig mit Dämmen umgeben – 222 Kilometer solcher Schutzdeiche werden in Limburg und der benachbarten Provinz Nord-Brabant gebaut. Die effektivste Maßnahme gegen Hochwasser aber erwies sich jedoch entlang der Maas undurchführbar: die Vertiefung des Flussbettes. Vor allem eine Sandschicht unter dem eigentlichen Flussbett aus Lehm machte die Vertiefung unmöglich. Der zwangsläufig freigelegte Sand hätte kein stabiles Flussbett tragen können.

Bruch mit der Tradition

Deshalb diskutierten die Wasserbauer immer lauter die Frage, ob höhere und stärkere Deiche eine Alternative zur Flussvertiefung sein könnten. „Nein“, lautete schließlich die Antwort – die Gefahr erschien zu groß, dass der Klimawandel immer extremere Wetterlagen mit immer extremeren Hochwassern in den Flüssen nach sich ziehen könnte. Und dass daher irgendwann auch der stärkste Deich zu schwach sein würde. Zugleich wuchs der gesellschaftliche Widerstand gegen die immer höher werdenden Deiche, die enorme Summen verschlungen. Ist es nicht möglich mit dem Geld, das man ausgeben musste um Deiche zu erhöhen, gleichzeitig raumplanerische Verbesserungen zu realisieren? Das Projekt „Ooijevaar“ (dt. Storch) von 1986, in dem agrarisch genutzten Auen zu einem Naturgebiet umgeformt worden waren, wurde als Vorbild herangezogen. Um ihre Ziele zu erreichen einigten sich Raumplaner und Wasserbauer darauf, Hochwasserschutz und die Schaffung von mehr Natur und mehr Naherholungsgebieten miteinander zu verbinden. Entlang der Maas wurden daraufhin im Rahmen des Programms „Maaswerken“ nicht nur das Flussbett erweitert, sondern gleichzeitig 3.000 Hektar neue Naturgebiete geschaffen.

Entlang des Rheins, der Lek, der Waal und der IJssel wurden im Rahmen des Programms „Ruimte voor de rivier“ (dt. Raum für den Fluss) beschlossen, an 30 Stellen Maßnahmen zum Hochwasserschutz zu treffen. Mit 2,1 Milliarden Euro will die Regierung die Gebiete an den Flüssen mit ihren vier Millionen Einwohner vor Überströmungen schützen. Dazu werden die Flussdeiche zurückverlegt, die Auen und das Flussbett ausgegraben und freigeräumt und manchmal müssen selbst Bewohner weichen. In dem größten Projekt „Noordwaards“ füllen sich im Falle von Hochwasser ganze Polder. Manche Gemeinde und Bürger sahen in den Hochwassermaßnahmen auch eine Chance, um andere Ziele zu realisieren – beispielsweise in dem Projekt „Overdiepsepolder“‘. Durch eine Deichverlegung wurden agrarische Flächen Teil der Flussauen. Statt jedoch umzusiedeln, entschieden sich die Bauern ihre Bauernhöfe auf nicht überströmbaren Erhöhungen wiederaufzubauen. Das Land wurde neu verteilt wodurch sich die betriebswirtschaftliche Situation ihrer Unternehmen verbesserte. In Nijmegen entstand im Rahmen des Programms eine neue Insel im Fluss. Diese bietet zusammen mit neuen Wohngebieten Raum für Natur, Freizeit und Kultur. Zum ersten Mal wurden in diesem Rahmen Maßnahmen zum Hochwasserschutz in integralen Stadtkonzepten verarbeitet. All diese Projekte sorgten dafür, dass sich der anfängliche Widerstand gegen die Verlegung von Deichen in Akzeptanz wandelte. Die Ausführung des Programms kommt nun langsam zu Ende. In 2015 sollen alle 30 Projekte fertig sein.

Autor: Christoph Podewils
Erstellt: Juni 2005
Aktualisiert: Dagmar Keim, Juni 2014