X. Der Boden sinkt

Die aus dem Meeresspiegelanstieg und erhöhten Flusspegeln resultierende Hochwassergefährdung der Niederlande wird noch dadurch verstärkt, dass weite Teile der küstennahen Gebiete von massiven Bodenabsenkungen betroffen sind. An der Westküste ist dies zum einen darauf zurückzuführen, dass der Untergrund aus von Niedermoorlagen durchsetzten jungen Meeresablagerungen besteht, die immer mehr in sich zusammenfallen; zum anderen kommt der Moorboden mit Sauerstoff in Berührung, wodurch Oxidation eintritt. Er „löst sich auf“. Dies wird durch die Entwässerung des Landes, die meist zur Viehhaltung genutzt wird, verursacht. Diese Art der Bodenabsenkung findet vor allem im Westen des Landes statt, wodurch nicht nur die Bedrohung durch Hochwasser wächst, sondern auch die für die Niederlande typische holländische Landschaft Probleme bekommt. Diese flache, durch Wassergräben durchzogene Wiesenlandschaft mit ihren typischen Windmühlen vor einem unendlichen Horizont wurde durch die holländischen Maler des 17. Jahrhunderts berühmt. Nun droht der typische Moorboden, der zwischen 30 und 200 cm dick ist, in einem Tempo von ungefähr 1 cm pro Jahr zu verschwinden. Wenn man die Nutzung des Landes nicht anpasst, wird man im Westen der Niederlande in spätestens 200 Jahren keinen Moorboden mehr vorfinden.

Auch in anderen Teilen des Landes ist die Bodenabsenkung erheblich. In den noch recht jungen Seeklei-Polderflächen im IJsselmeer erwartet man durch das zusammenfallen des Bodens bis zum Jahr 2050 bis zu 70 cm Bodenabsenkungen. In den Provinzen Friesland und Groningen sackt der Boden durch die dort stattfindende Salz- und Erdgasgewinnung. Hier rechnet man bis zum Jahr 2030 mit Senkungen zwischen 40 und 60 cm.

Neben diesen meist durch das menschliche Handeln verursachte Bodenabsenkung wird das Problem noch durch tektonische Bewegungen verstärkt. Im Südosten führt das zu Senkungen, in Nordwesten zu Anstiegen von ungefähr 8 cm pro Jahrhundert. All diese Veränderungen haben sowohl auf den Süßwasservorrat als auch auf die Hochwassergefährdung des Landes einen Effekt.

Neue Zahlen

Angesichts der gefährdeten geografischen Lage des Landes ist zu erwarten, dass die niederländische Regierung das Problem des Klimawandel sehr ernst nimmt. Heute gilt das niederländische Delta als das sicherste Delta der Welt. Die Normen der Deiche liegen höher als in jedem anderen Land der Welt. Deichnormen bestimmen, wie hoch und stabil ein Deich sein muss. Diese Normen sind in den 1960er Jahren festgelegt worden. Heute sind viele dieser Deichnormen nicht mehr zeitgemäß. Zum einen kennt man heute – oft durch Vorbilder aus dem Ausland – neue Versagensmechanismen, die zu einem Deichbruch führen. Etwa durch „Piping“, wobei das Wasser unter dem Deich durchdringt, sacken Deiche zusammen.

In den vergangenen 60 Jahren hat sich die Geographie der Niederlande stark verändert. Die Städte sind explodiert, tausende von Kilometern neue Wege und Schienen wurden angelegt, die Bevölkerungszahl hat sich verdoppelt. Die Deichnormen bedürfen der Aktualisierung. Dabei werden Techniken eingesetzt, die vor 50 Jahr noch unbekannt waren. Heutzutage kann man mit 3D-Computermodellen genau berechnen, welche Gebiete durch einen Deichdurchbruch gefährdet sind. Man kann vorhersagen, wie schnell das Wasser kommt, wie tief es sein wird und wie lange es im Gebiet verbleibt. Man kann auch einschätzen wie schnell die Bevölkerung in der heutigen Situation evakuiert werden kann. Die Folgen einer Überflutung können relativ gut eingeschätzt werden.

Dieses Wissen führt dazu, dass man in den Niederlanden wahrscheinlich eine neue Methode zur Berechnung der Deichnormen einführen will. Mit Hilfe dieser Methode werden die Normen nicht nur die Wahrscheinlichkeit eines Deichdurchbruchs berücksichtigen, sondern es werden auch dessen Folgen in die Rechnung mit einbezogen. Die Folgen sind jedoch nur dann zu überblicken, wenn es wirklich möglich ist, die Menschen rechtzeitig aus den Gebieten zu evakuieren. Darum arbeiten nun alle Sicherheitsregionen des Landes daran, Evakuierungspläne für den Fall einer Überflutung auszuarbeiten.

Neu in der heutigen Wasserpolitik der Niederlande ist der Vorschlag, dass die Deichnorm nicht unbedingt durch Deichverstärkung oder -verlegung erreicht werden muss. Vielleicht wird es zum ersten Mal möglich, die Norm eines Deiches auch durch raumplanerische Maßnahmen (wie etwa einer sekundären Deichlinie) oder durch besonders gute Evakuierungsmöglichkeiten zu erreichen. Auf diese Weise könnten in Einzelfällen etwa kulturgeschichtliche Bauwerke vor dem Abriss gerettet werden.

Autorin: Dagmar Keim
Erstellt: Mai 2014