IX. Die großen Bauwerke

Im letzten Jahrhundert bauten die Niederländer einige gewaltige wasserbautechnische Meisterwerke wie zum Beispiel den „Afsluitdijk “ bei Den Oever und die Deltawerke, eine Gruppe von wassertechnischen Bauwerken in der Provinz Seeland und in Rotterdam. Ziel war es, die Küste der Niederlande zu verkürzen und so die Sicherheit des Landes zu garantieren. All die Bauwerke würden bei einem Anstieg des Meeresspiegels Probleme bekommen. Im Rahmen des Delta-Programms wird untersucht, welche Möglichkeiten bestehen, um die Bauwerke anzupassen oder Alternativen zu den heutigen Hochwasserschutzmaßnahmen zu planen. Dabei stellt sich die Frage, ob es möglich ist, die Maßnahmen des Hochwasserschutzes mit Maßnahmen in anderen Bereichen zu kombinieren. So wird zum Beispiel beim „Brouwersdam“ in Seeland über das Errichten eines Wasserkraftwerkes nachgedacht.

Ein anderes Beispiel ist der „Afsluitdijk“‘. Den Deich zu erhöhen ist dort technisch kein Problem. Ein Diskussionspunkt ist die Frage, ob man den Pegel des vom Meereseinfluss abgeschlossenem IJsselmeers mit dem steigenden Meeresspiegel ansteigen lässt. Heute wird das Wasser, das durch die IJssel ins IJsselmeer fliest, durch das Öffnen von Toren ins Meer hinausgelassen. Wenn der Meeresspiegel steigt ist das irgendwann jedoch nicht mehr möglich. Also steht man vor der Wahl, entweder das IJsselmeerbecken durch Deicherhöhung oder -verlegung zu vergrößern, oder das Wasser aus dem IJsselmeer zu pumpen. Die Niederlande hat sich für das Letztere entschieden. Die kulturhistorischen pittoresken Städte und Dörfer entlang des IJsselmeers sind zu wertvoll, um unter oder hinter riesigen Deichen zu verschwinden. Im IJsselmeergebiet spielt neben dem Hochwasserschutz auch die Frage eine Rolle, ob der Süßwasservorrat des IJsselmeers in Zukunft ausreichen wird. Diese Frage hat dazu geführt, dass das heutige Wassermanagement des IJsselmeers noch einmal gut überdacht wurde. Dabei wurde deutlich, dass eine flexiblere Einstellung des Wasserpegels des IJsselmeers große Möglichkeiten für die hier vorhandene, international einzigartige Natur bedeuten würde. In der heutigen Situation unterscheidet man zwischen einem künstlich stabil gehaltenem Winter und Sommerpegel. Indem man mit dem Wasserpegel flexibler umgeht, das heißt die tatsächlichen Wetterumstände und die Nachfrage nach Süßwasser berücksichtigt, könnten zum Beispiel an den Gewässerrändern Schilfflächen angelegt werden, die als Brutplätze für Fische und Wasservögel dienen können. Gleichzeitig wird die Möglichkeit, den Süßwasservorrat zu steuern, verbessert.

Die Unsicherheit der Zukunft

Die bisherige Geschichte des Hochwasserschutzes lehrt, das man beim Treffen von Maßnahmen stets mit einer sich verändernden Situation rechnen muss. Wie soll man da bis zum Jahr 2100 vorausplanen? Wer hätte noch vor 150 Jahren erwartet, dass heute so viele Menschen in dem vom Hochwasser bedrohten Teil der Niederlande leben. Noch vor 50 Jahren war das Wort Klimawandel so gut wie unbekannt. Um dennoch für die Zukunft planen zu können, hat das das meteorologische Institut der Niederlande KNMI zusammen mit dem niederländischen Institut für Raumplanung PBL vier Szenarien ausgearbeitet, die beschreiben, wie sich die Niederlande entwickeln könnten. Die Szenarien beschreiben vier möglichen Zukunftssituationen, indem sie zwei Klimaszenarien mit zwei sozialökonomischen Szenarien kombinieren. Die vier Zukunftsbilder variieren einerseits durch einen schnellen beziehungsweise langsamen Klimawandel, anderseits durch die Annahme von sozio-ökonomischem Wachstum beziehungsweise dem sozio-ökonomischen Rückgang. Alle Strategien des Delta-Programms werden auf Basis dieser Szenarien beurteilt. Letztendlich müssen alle Maßnahmen, die im Rahmen des Delta-Programms ausgeführt werden, in allen vier Szenarien funktionell und realistisch sein. So hofft man sich flexibel auf die Zukunft vorzubereiten und nicht die nächsten Generationen mit den falschen Entscheidungen von heute zu belasten.

Vier Klimaszenarien, ausgerichtet an einem Achsenkreuz
Vier Klimaszenarien, ausgerichtet an einem Achsenkreuz
© Deltacommissie/Dagmar Keim

Eine weitere Methode, um sich auf die Zukunft vorzubereiten, ist das „adaptief Deltamanagement“‘. Das Hauptziel des „adaptiven Deltamanagments“ ist es, dafür zu sorgen, dass es möglich bleibt, zukünftige Maßnahmen durchzuführen, sobald sie nötig sind. Heute getroffene Maßnahmen dürfen die Realisierung von zukünftigen Maßnahmen nicht erschweren oder gar unmöglich machen. Flexibilität, die Verbindung von kurzfristigen mit langfristigen Maßnahmen, das Arbeiten mit mehreren möglichen Strategien und das Verbinden verschiedener Haushaltpläne sind Kernthemen des „Adaptiven Deltamanagements“.

Es ist natürlich unrealistisch anzunehmen, dass man heute weiß, welche Maßnahmen in 50 oder gar 100 Jahren ausgeführt werden. Der Wissenstand und die gesellschaftlichen und physischen Umstände werden sich ändern. Da jedoch viele Maßnahmen eine lange Vorbereitungszeit benötigen, muss man schon heute mit der Planung von zukünftigen Maßnahmen beginnen – auch wenn diese vielleicht nie ausgeführt werden. Und manchmal muss man schon heute Maßnahmen treffen, um Maßnahmen in 50 Jahren ermöglichen zu können.

Autorin: Dagmar Keim
Erstellt: Mai 2014