XVII. Als Capelle unterging - Ein Augenzeugenbericht

Auf einmal war das Wasser da. Überall. Mitten in der Nacht. Es drang durch Türen, drückte Fenster ein. Wohnzimmer und Küche standen unter Wasser. Alles wurde zerstört, verdreckt. Was tun? Was tun? Panik. Ohnmacht. Ria Geluk und ihre Eltern flüchteten ins Obergeschoss. Die letzte Rettung vor der Naturgewalt. In jener Nacht vom 31. Januar zum 1. Feburar 1953 wird das Hab und Gut der Geluks auf immer vernichtet: Rinder und Schweine, Wohnhaus und Scheune. Die damals 12-jährige Ria wird diese Nacht nie vergessen, in der tausende Menschen verzweifelt auf Dächern, Bäumen und Telefonmasten saßen und mit ansehen mussten, wie das Wasser alles zerstörte.

200.000 Hektar waren überspült

Die größte Sturmflut in der niederländischen Geschichte überzog den Südwesten der Niederlande und bedeckte 200.000 Hektar Land. Diese Flut sollte vieles verändern. Der Kinderarzt hatte sie noch gewarnt. Zu nächtlicher Stunde war er in Capelle, einem kleinen Ort auf der Insel Schouwen-Duiveland, unterwegs und bekam als erster mit, was sich ereignete. Er schellte Sturm bei den Geluks. „Aufstehen, aufstehen! Eine Katastrophe!“ Aber die Warnung kam zu spät. Deichbrüche überall. Zuerst um halb drei bei Zeedijk und wenig später um halb vier auch bei Ouwekerk. Das kleine Nachbardorf von Capelle, wo Ria Geluk wohnte. Die Flut drang ungehindert ins Land. 100 Deichdurchbrüche in wenigen Stunden. „Es war ein hoffnungsloses Chaos“, erinnert sich Ria Geluk heute.

Verzweifelt versuchten Fischer mit ihren Booten Menschen zu retten. Auch die Geluks wurden evakuiert: „Wir wurden alle nach Zierikzee gebracht und mussten dort drei Tage in einem großen Auffanglager verbringen.“ Alles musste zurückgelassen werden, nichts konnte die kleine Ria mitnehmen. Ihr Vater fuhr immer wieder mit den Fischern zurück, um Tiere zu retten. Es half nichts. Den Bauernhof gibt es nicht mehr, das Dörfchen Capelle auch nicht. In jener Nacht verschwand es von der Landkarte.

1.835 Menschen ertranken

Die Katastrophe wurde damals vom Rest der Niederlande kaum wahrgenommen. Die Medien schätzten die Lage falsch ein. Es gab kaum Meldungen. Außerdem war Sonntag, viele Dienst- und Behördeninstanzen waren nicht erreichbar. „Schouwen-Duiveland war eine vergessene Insel. Erst nachdem Funkamateure Kontakt mit Kollegen in Middelburg aufnahmen, wurde der volle Umfang deutlich: Nahezu die gesamte Insel wurde vom Wasser verschluckt.“

Ria Geluk erzählt dies heute, fünfzig Jahre danach, mit viel emotionalem Abstand. Ihr ganzes Leben hat sich an diesem Tag verändert. Das dörfliche Leben wurde auseinandergerissen: „Von den Evakuierten sind viele erst nach Jahren zurückgekommen. Manche auch gar nicht mehr“, erzählt die heutige Landwirtin, die mit Freunden das erste Museum im Gedenken an die Flut errichtete: das Museum Watersnood 1953. Fast ein Jahr hat es gedauert, bis der letzte Deich gedichtet wurde. Am 6. November 1953 wurde mit ausgedienten Beton-Caissons (Senkkästen für Bauarbeiten unter Wasser) der britischen Armee bei Ouwekerk das Loch gestopft.

Unterdessen waren 1.835 Menschen ertrunken und noch mehr Tiere. Der Schaden betrug 1,5 Milliarden Gulden, 47.300 Gebäude wurden verwüstet. 10.000 davon konnten nur noch abgerissen werden. Die Sturmflutkatastrophe von 1953 war Auslöser eines bis heute beispiellosen Hochwasserschutzes: Die Deltawerke wurden gebaut, hunderte Kilometer neue Deiche angelegt und eine komplett neue Infrastruktur aufgebaut. Die Provinz Zeeland wurde neu entworfen.

Heute, 50 Jahre danach, hat sich die Flut ins nationale Gedächtnis geprägt. Sie steht für den ständigen Kampf der Niederländer gegen das Wasser. Unzählige Lesungen, Buch-Veröffentlichungen und Diskussionen werden sich in diesem Jahr dem großen Thema Hochwasser widmen. Der 1. Februar wurde zum nationalen Gedenktag ausgerufen. Königin Beatrix wird in Ouwekerk im Museum Watersnood 1953 von Ria Geluk der Opfer gedenken.

Autor: Andreas Gebbink
Erschienen in: NRZ vom 7. Januar 2003