XIII. Amsterdam: Eine Stadt auf Pfählen

Wenn die Deiche um Amsterdam brechen, stehen große Teile der Stadt unter Wasser. Ein Deichdurchbruch bei der Lek wäre verhängnisvoll. 500 Tote und ein bis fünf Milliarden Euro Schaden schätzt die Stadt Amsterdam in dem 2012 erschienen Rapport „waterbestendige stad“ (dt. „wasserbeständige Stadt“). Doch die Gefahr des Wassers kommt nicht nur von außen. Der Stadtteil „Watergrafsmeer“ und der Stadtwald „Amsterdamse Bos“ befindet sich zum Beispiel beinahe sechs Meter unter „Normal Null“, das in den Niederlanden NAP heißt. Wenn es nicht ein ausgeklügeltes System gäbe, das permanent das Wasser aus dem Amsterdamer Becken entfernte, würden diese Gebiete direkt unter Wasser stehen. Mit rund 75 Pumpstationen befördert das städtische Maschinenamt Tag und Nacht das Wasser aus den tief liegenden Teilen der Stadt in höher gelegene Kanäle und in den Nordseekanal, der Amsterdam über die Schleuse in IJmuiden mit dem offenen Meer verbindet. Ohne diese Entwässerungsmaßnahmen würden viele Viertel der Stadt langsam versumpfen, irgendwann in den Fluten untergehen und wieder Teil des IJmeers – der früheren Zuiderzee – werden.

Elf Meter in die Tiefe gerammt

Pfahlbau: Am Amsterdamer Hauptbahnhof wurde im Februar 1980 der erste Pfahl für ein neu entstehendes Kaffeehaus gesetzt
Pfahlbau: Am Amsterdamer Hauptbahnhof wurde im Februar 1980 der erste Pfahl für ein neu entstehendes Kaffeehaus gesetzt
© Rob Bogaerts/Anefo/NA/cc-by-sa

Ohne das Wasser aber gäbe es Amsterdam auch nicht. Nicht nur, dass die zahllosen Hausboote, die den Charakter der Stadt prägen, dann auf dem Trockenen lägen, dass die Grachten sich in öde Straßenzüge verwandeln würden, nein: selbst die berühmten Grachtenhäuser würden in sich zusammenstürzen. Denn die ganze Stadt ist auf hunderttausenden von Fichtenstämmen gebaut – 40 waren für ein einziges Haus nötig, 13.600 für den Königlichen Palast. Rund elf Meter tief wurden die Pfähle in den schlickigen Untergrund gerammt, denn erst dort gibt es eine Sandschicht, die stabil genug ist, um die Häuser zu tragen. Der Schlick darüber – ehemaliger Meerboden – hingegen hat die Konsistenz eines festen „Puddings“, auf dem kein Gebäude lange gerade stehen würde.

So sehr sich die Holzpfähle in den vergangenen Jahrhunderten bewährt haben, so sehr sind sie darauf angewiesen, immer zur Gänze in einem feuchten Boden zu stehen. An der Luft würden die hölzernen Gründungen innerhalb weniger Jahre verrotten. Damit die Stadt einerseits nicht absäuft, andererseits aber nicht in sich zusammenstürzt, weil die Holzpfähle vergammelt sind, muss der Wasserstand in den Grachten Amsterdams stets sehr genau überwacht und ausbalanciert werden. Diese Aufgabe erledigt das Stadswaterkantoor, das städtische Wasserbüro. Bei starken Regenfällen stellt es zum Beispiel sofort die Pumpen an.

Auffrischung des Grachtenwassers

Bis ins 19. Jahrhundert waren die Grachten von Amsterdam direkt mit dem offenen Meer verbunden. Das Auf und Ab von Flut und Ebbe war auch in den Grachten zu spüren – als pulsierende Strömung, die nicht nur vier Mal am Tag das Wasser austauschte, sondern gleich noch allen Unrat und die Abwässer der Einwohner entsorgte. Im Jahr 1872 aber wurde ein Schleusendamm gebaut, um die Grachten von der damaligen Zuiderzee zu trennen und so auch gegen Hochwasser zu schützen. Seitdem gelangt nur noch frisches Seewasser in die Grachten, wenn das Stadswaterkantoor es will: bis in die 1970er Jahre schaltete das Büro alle 24 Stunden ein gigantisches Schöpfwerk im Osten der Stadt ein, das während der Nacht 600.000 Kubikmeter Wasser aus dem Rijnkanaal in die Grachten pumpt. Über zwei Schleusen im Westen der Stadt strömte das Wasser wieder ab und nahm allen Unrat und auch alle Fäkalien mit, die aus den Häusern längs der Grachten noch bis vor 25 Jahren ungeklärt eingeleitet wurden. Etwa eine Woche dauerte es, bis auf diese Weise das gesamte Wasser der Amsterdamer Grachten einmal ausgetauscht worden war. Heutzutage verfügt auch Amsterdam über eine innerstädtische Kanalisation. Nur ein- oder zweimal in der Woche muss das Grachtenwasser daher noch aufgefrischt werden.

Autor: Christoph Podewils
Erstellt: Juni 2005
Aktualisiert: Dagmar Keim, Juni 2014