I. Einführung

Das Land zwischen Ems, Nordsee und den Deltaarmen der Schelde pflegt eine Beziehung zum Wasser, die weltweit einzigartig ist: Ein Viertel der Niederlande liegt unterhalb des Meeresspiegels. An nicht wenigen Orten führt das dazu, dass selbst Kanäle und Flüsse oberhalb der eigentlichen Landschaft verlaufen und deshalb von Dämmen eingefasst werden. 95 Prozent aller Polder Europas liegen in den Niederlanden. Wer zum Beispiel auf dem Amsterdamer Flughafen Schiphol landet, der betritt die Niederlande an einem Ort, der noch vor rund 150 Jahren vier Meter hoch unter Wasser stand. Wenn dort und an allen anderen tief liegenden Regionen des Landes nicht ständig Wasser abgepumpt und die Küsten nicht ständig mit Sand angereichert würden: Die niederländische Küste läge bald 60 Kilometer weiter östlich.

Es war keine Selbstverständlichkeit, dem Meer das Land abzuringen. Große Wasserbauprojekte waren dazu vonnöten: riesige Sperranlagen im offenen Meer – die Deltawerke – oder der Abschlussdeich, der seit den dreißiger Jahren quer durch die ehemalige Zuiderzee läuft, sind nur zwei herausragende Beispiele. Solchen Projekten vorausgegangen waren oft schwere Überschwemmungen.

Der erwartete Klimawandel stellt die Niederländer erneut vor große Aufgaben. Um nicht wieder erst zu reagieren nachdem es zu spät ist, arbeiten nun tausende von Niederländern an dem nationalen Delta-Programm, das die Sicherheit der Niederlande bis zum Ende dieses Jahrhunderts garantieren soll.

Von und mit dem Wasser leben

Genauso wie die Niederlande vom Wasser jenseits der schützenden Dünengürtel und Deiche bedroht sind, lebt das Land auch von und mit dem Wasser. Zur mächtigsten Handelsnation der Welt konnte Holland im 17. Jahrhundert nur aufsteigen, weil seine Einwohner der Kunst mächtig waren, stabile Segelschiffe zu bauen und zu fahren. Noch immer sieht man vielen alten Hafenstädten den Reichtum an, der damals im Handel mit Europa und Übersee erwirtschaftet wurde. Zahlreiche Museen setzen sich heute damit auseinander – beispielsweise das Zuiderzee-Museum in Enkhuizen und das Schifffahrtsmuseum in Amsterdam.

Noch heute ist der Transport über Wasser einer der wichtigsten Pfeiler der holländischen Wirtschaft. Nicht umsonst liegen in diesem kleinen Land zwei der größten Häfen Europas: die Häfen von Amsterdam und Rotterdam. Das macht deutlich, dass die Niederlande noch immer ein Land der Seefahrer sind, wie schon seit Jahrhunderten. Aber auch bei ausländischen Touristen ist insbesondere das Wasser sehr beliebt: Es gibt schließlich kaum eine holländische Stadt, die sich nicht über Flüsse und Kanäle per Boot ansteuern lässt. Oft braucht man nicht einmal einen Bootsführerschein, um die Kajütenkreuzer oder Hausboote fahren zu dürfen.

Über und unter den Flüssen

Was in Deutschland der Main ist, das sind in den Niederlanden die Rivieren, die Flüsse. Hier wie dort geht es gar nicht so sehr um die Gewässer selbst als vielmehr um das, was sie eigentlich darstellen: eine Grenze. In Deutschland trennt der Main die Bayern vom Rest des Landes – „Weißwurstäquator“ heißt er deshalb auch. In den Niederlanden trennen die Rivieren die Katholiken von den Protestanten. So ungefähr zumindest, denn um eine richtig scharfe Grenze zu sein, gibt es einfach zu viele Rivieren – Rhein, Maas, Waal und IJssel heißen die vier, die mal dichter, mal weiter nebeneinander her fließen.

Manche Niederländer, vor allem jene, die „boven de rivieren“ (dt. „oberhalb der Flüsse“) wohnen, finden das die Provinzen „beneden de rivieren“ (dt. „unterhalb der Flüsse“) – insbesondere der südlichste Teil der Provinz Limburg – schon fast „buitenland“, also Ausland ist. Dieses Gebiet ähnelt kulturell, gastronomisch, religiös und sprachlich eher den flandrischen Gebieten Belgiens als dem kalvinistischen reformierten und nüchterneren Norden des Landes.

Diese Unterschiede hat in der Vergangenheit zu großen Vorurteilen und Diskriminierungen geführt, die noch heute latent unter der Bevölkerung des Landes leben. So klingt beispielsweise die Sprache der Limburger, die das „g“ im Gegensatz zum Rest des Landes als „ch“ und nicht als „g“ aussprechen , in den Ohren der Niederländer „boven de rivieren“, als ob man eine heiße Kartoffel im Mund hat. Dagegen meint der Limburger, das der Holländer im Norden nicht wisse, was gutes Essen sei.

Autor: Christoph Podewils
Erstellt:
Juni 2005
Aktualisiert:
Dagmar Keim, Juni 2014