Die Niederlande und das Wasser


XV. Die Sturmflut von 1953

Die Nordsee war hinterhältig in jener Nacht des 31. Januars 1953. Nicht von der Seeseite her kam sie, um sich das Land wiederzuholen, das ihr die Menschen über Jahrhunderte abgetrotzt hatten. Die Nordsee kam durch die Hintertür – über Maas und Rhein, deren Flussdeiche viel niedriger waren als die hoch ausgebauten, doch durch den Krieg teilweise vernachlässigten Dämme am Meer.

Rettungsaktion in Walcheren (Zeeland) bei der Flutkatastrophe 1953
Rettungsaktion in Walcheren (Zeeland) im Frühjahr 1953, Quelle: Rijkswaterstaat

Nur ein seltenes Zusammenspiel von Wetter und Gezeiten konnte es vollbringen, weite Teile der Niederlande zu überschwemmen: Für jenen Sonnabend kündigte der Gezeitenkalender eine Springflut an, zudem „tobte der schwerste Sturm, an den ich mich erinnern kann“, sagt Piet Gelhoed, der damals neun Jahre alt war. Der Nordwestorkan drückte die Nordsee mit der Kraft von 150 Stundenkilometern in die Flussmündungen. „Als abends Ebbe war, stand das Wasser am Kai so hoch wie sonst nur bei Flut“, erinnert sich Gelhoed. In der Nacht stieg die Flut in Seeland auf das Doppelte der normalen Höhe, an 60 Stellen brachen die Flussdeiche.

Fast 2.000 Menschen ertranken

„Das Wasser kam wie eine Mauer auf uns zu“, sagt Nelleke Verboom-van Dienst, die sich damals gerade noch auf einen Dachboden retten konnte. Am Morgen des 1. Februar hatte es eine Fläche anderthalbmal so groß wie Berlin überschwemmt. 1.835 Menschen starben, 70.000 weitere verloren ihre Häuser, 200.000 Tiere ertranken. An diese Katastrophe erinnerten noch 2013 – genau 60 Jahre nach der großen Katastrophe – zahlreiche Veranstaltungen in den Niederlanden. Dutzende von Büchern erschienen zum nationalen Gedenktag dem 1. Februar, mehrteilige TV-Dokumentationen wurden ausgestrahlt und viele Gedächtnisreden wurden gehalten.

„Das ist die letzte Gelegenheit gewesen, diesem Ereignis den Stellenwert zu geben, den es verdient“, sagt Albert Holland, der die Gedenkveranstaltungen seinerzeit koordinierte. Er meint damit nicht nur, dass am 75. Jahrestag nur noch wenige Augenzeugen leben werden. Viel wichtiger sei, dass sich die Seeländer erst seit einigen Jahren erinnern wollten. „Noch vor zehn Jahren weigerten sich die Menschen, darüber zu sprechen“, sagt Verboom-van Dienst, die als Ehrenamtliche in einem Sturmflut-Museum arbeitet, das im Jahr 2001 errichtet wurde. Im streng calvinistischen Seeland sahen viele in der Flut eine von Gott auferlegte Prüfung, der man sich eben stellen musste.

Todesangst vor Wasser

„Dabei ist es unvorstellbar, was die Menschen mitgemacht haben“, sagt Holland. Wie zum Beispiel Herbert Smit, der drei Tage auf einem Dachboden ausharrte: „Die Todesangst vor Wasser, die Angst zu ertrinken, habe ich nie verloren. Die Bilder von all dem toten Vieh und den herumtreibenden Möbeln sind wie in die Netzhaut eingebrannt.“

Andere Folgen der Flut sind für jeden sichtbar und eine technische Meisterleistung: Die niederländische Regierung hat das Mündungsdelta von Rhein und Maas komplett umbauen lassen und damit die Küstenlinie um 700 Kilometer verkürzt. Dort, wo die Nordsee 1953 ungehindert in die Meeresarme drücken konnte, stellen sich heute mächtige Dämme und Flutwehre den Wellen entgegen: die Delta-Werke, die mit Kosten von insgesamt sechs Milliarden Gulden (umgerechnet rund 2,7 Milliarden Euro) gut dreimal so teurer wie geplant wurden.

Weltwunder Delta Werke

Am bekanntesten ist das Osterschelde-Sperrwerk, das bei Sturmflut das komplette Mündungsdelta von der Nordsee abschneidet. Manche feiern dieses fünf Kilometer lange Bauwerk, das erst 1986 fertig gestellt wurde, als Weltwunder. Den Seeländern hat es größtenteils die Angst genommen, doch ein Restrisiko bleibt. Alle 4.000 Jahre, so die Statistik, droht eine Sturmflut, gegen die auch die riesigen Stahltore des Wehres nichts ausrichten können.

Den Ort Capelle betrifft das längst nicht mehr. Er war den Fluten im Weg, die noch Monate nach der Katastrophe zweimal am Tag durch ein hunderte Meter breites Loch kamen. Hilfe kam schließlich aus der Normandie, wo die Alliierten zehn Jahre zuvor Hafenanlagen aus schwimmenden Betonkästen gebaut hatten, um ihre Truppen an Land zu bringen. Diese hochhausgroßen Caissons wurden an der Schelde recycelt: Die Wasserbauingenieure versenkten sie vor den kaputten Deichen und schufen so einen neuen Schutzwall gegen die See. Das Land, auf dem Capelle lag, ist jedoch verschwunden. Drei tiefe Löcher hat die Flut dort hinterlassen. Unter dem nahe gelegenen Deich ist genug Wasser durchgequollen, um sie für immer zu füllen. Hier hat die Nordsee gewonnen und das Land zurückgeholt.

Autor: Christoph Podewils
Erstellt: Juni 2005
Aktualisiert: Dagmar Keim, Juni 2014


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