Raumplanung in den Niederlanden: I. Einführung

Die Raumpolitik der Niederlande hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Die zentralistisch gesteuerten, nationalen raumplanerischen Konzepte der Anfangsjahre wurden durch eine Raumplanung der Maßarbeit auf lokalem und regionalem Niveau abgelöst, in der alle Interessensgruppen im Mittelpunkt stehen.

Der Glaube an eine ‚Machbare Gesellschaft‘ ist verschwunden und damit auch der Glaube an räumliche Konzepte, die die Zukunft der Niederlande dauerhaft positiv beeinflussen können. Die sich schnell verändernden gesellschaftlichen Entwicklungen und die Emanzipation des Bürgers erforderten neue raumplanerische Ansätze. In der aktuellen Raumpolitik werden daher große räumliche Konzepte wie z.B. die zentralistische Ausweisung von Neubaugebieten (VINEX) oder der Ausbau eines nationalen Autobahnsystems fallen gelassen. Die Arbeit der staatlichen Raumplaner löst bestehende räumliche Probleme und versucht nicht, die bestehenden räumlichen Strukturen zu verändern. Der Fokus liegt auf einer dynamischen, integralen Planung, die zwischen (inter-)nationalem, lokalem oder regionalem Niveau wechselt. Die Planer sehen sich als Teil einer vitalen Gesellschaft, in der die Formung von Koalitionen und nicht zentralistisch gesteuert raumplanerische Programme die Basis der Veränderungen sind. In sogenannten ‚living lab‘s‘ (dt. lebenden Laboratorien) arbeiten die Raumplaner zusammen mit betroffenen Partnern daran, die Entwicklungen der Zukunft und die sich daraus ergebenden Aufgaben gemeinsam anzupacken. Diese neue Arbeitsweise wird durch neue Finanzierungsmodelle und durch die Sanierung der großen Anzahl an Regeln und Gesetzte in einem ‚omgevingswet‘ (dt. Umgebungsgesetz) erleichtert. Um alle Partner zu vereinen und um auch kommerziellen Interessen eine stärkere Position in der Raumplanung zu ermöglichen, werden in Zukunft viele der zentralen Datenbanken für die Öffentlichkeit freigegeben. Auf diversen Websites erschließt der Staat Informationen zur Raumplanung für die Öffentlichkeit.

In dieser sich neu definierenden Raumplanung wird bewusst Design eingesetzt, um die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Partnern zu verbessern. Durch kreativen Einsatz von Design können für komplexe, räumliche Aufgaben schneller funktionale, attraktive, innovative und erschwingliche Lösungen gefunden werden. Um die Kraft von Design optimal benutzen zu können, hat das niederländische Ministerium für Infrastruktur und Umwelt eine Anzahl von Ateliers gegründet, die sich bei ihrer Arbeit diversen räumlichen Aufgaben widmen. Beispiele für solche Ateliers sind etwa das Delta-atelier, das im Rahmen des Deltaprogramms danach strebt, die Aufgaben des Hochwassermanagements mit anderen räumlichen Aufgaben zu kombinieren. Im Atelier Stad werden die Aufgaben der Städte mit ihrem dicht besiedelten Umland vor allem im ‚Südflügel‘ (der Region um Rotterdam, Delft und Den Haag) angepackt. Interessant ist auch das Atelier Making Projects, innerhalb dessen durch Städteplaner und Landschaftsarchitekten für verschiedene Aufgabenbereiche experimentale und innovative Lösungen entwickelt werden. Das Besondere dieser Arbeitsweise ist, dass diese Lösungen innerhalb des Kontexts einer internationalen Architekturausstellung entwickelt werden und so außerhalb eines politischen Kontexts entstehen können. Dadurch können neue Impulse für die Raumpolitik eines bestimmten Bereichs entwickelt werden.

Autorin: Dagmar Keim
Erstellt: Oktober 2014