VI. Die Deltametropole

Der Metropolraum Randstad

Im westlichen Teil der Niederlande liegt der Metropolraum Randstad. Die Randstad besteht aus einer Gruppe historisch gewachsener Städte, die um ein primär landwirtschaftlich genutztes Grüngebiet angesiedelt sind. Der im Ausland meist unbekannte Name Randstad wurde Anfang des letzten Jahrhunderts vom ehemaligen Direktor des Flughafens Schiphol, Albert Plesman, geprägt. Beim Flug über die Niederlande waren ihm ein „Rand“ von Städten um ein zentral gelegenes Grüngebiet aufgefallen. Dieses Grüngebiet wurde später als das Grüne Herz der städtischen Agglomeration des Westens der Niederlande bekannt.

Die Begrenzungen der Randstad ist geografisch nicht eindeutig festzulegen. Der Metropolraum hat eine polyzentrische Struktur, die Teile der Provinzen Nord- und Südholland, Utrecht und Flevoland umfasst. Innerhalb dieser Grenzen befinden sich die vier größten Städte des Landes (Amsterdam, Rotterdam, Den Haag und Utrecht mit jeweils mehr als 300.000 Einwohnern) und zehn kleinere Städte (rund 100.000 Einwohner). Manchmal wird die Randstad in eine nördliche Region (Randstad Nord/Nordflügel) mit vier Millionen Einwohnern und den wichtigsten Städten Amsterdam und Utrecht sowie in eine südliche Region (Randstad Süd/Südflügel) mit ungefähr drei Millionen Einwohnern (inklusive Den Haag und Rotterdam) eingeteilt.

Internationaler Vergleich

Metropolräume gelten als „Wachstumsmotoren“ für die Entwicklung von Ländern oder ganzen Kontinenten. Sie haben als Standort für Wissenschaft und Forschung sowie als politisches und kulturelles Zentrum häufig eine herausragende Bedeutung. Im Jahr 2010 veröffentlichte das deutsche Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) eine Studie, worin die europäischen Metropolregionen miteinander verglichen wurden.[1] Man untersuchte erstmals flächendeckend für Europa wo und mit welchem Gewicht Metropolstandorte und -funktionen angesiedelt sind.

Aus dieser Studie wird die Position der Randstad im internationalen Vergleich deutlich: Pro Einwohnerzahl (8,5 Millionen) ist die Randstad mit dem Metropolraum Flandern-Brüssel zu vergleichen, hat jedoch weniger Einwohner als zum Beispiel das Ruhrgebiet. Städte wie Amsterdam, Rotterdam und Den Haag ähneln hinsichtlich der Größe Städten wie Bologna, Marseille, Antwerpen, Brüssel, Köln und Düsseldorf.

Im Transportbereich ist die Randstad die stärkste Region Europas. Dort befinden sich unter anderem die großen Häfen von Amsterdam und Rotterdam und der internationale Flughafen Schiphol. Der Hafen von Rotterdam verarbeitet jährlich rund 430 Millionen Tonnen Güter, der Hafen von Amsterdam rund 75 Millionen Tonnen, was zum Beispiel mehr ist als die 178 Millionen, die jährlich in Antwerpen verschifft werden. Die Landwirtschaft wird innerhalb der Randstad durch Gewächshauskulturen geprägt.

Allgemein ist die Randstad in den Bereichen Wirtschaft und Wissenschaft mit London zu vergleichen; beide Regionen werden von der Studie allerdings viel niedriger als Paris eingestuft. In den Bereichen Politik und Kultur wurde die Randstad eher durchschnittlich bewertet. Bei der Verteilung von Funktionsbereichen einer Metropole dagegen steht die Randstad nach Paris und London wieder auf dem dritten Platz. Und auch der Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftszweig der Randstad. Im Jahr 2011 besuchten mehr als elf Millionen ausländische Besucher die Niederlande – wovon die meisten die Städte der Randstad aufsuchten.

In raumplanerischer Hinsicht bestehen – im Vergleich mit dem Ruhrgebiet und Flandern – ziemlich große Kontraste zwischen den städtischen Regionen und der offenen Landschaft. Die holländischen Städte und Dörfer sind relativ kompakt. Um die Randstad herum liegen viele Natura 2000-Gebiete, das sind international einzigartige Naturgebiete, die durch internationale Verträge geschützt sind. Auch befindet sich dort eine große Anzahl an UNESCO Kulturerbstätten: der Grachtengürtel von Amsterdam, die Stellung von Amsterdam, die Mühlen von Kinderdijk, der Polder Beemster und das Rietveld Schröderhaus.

Staatliche Förderung der Randstad

Die derzeitige räumliche Struktur und wirtschaftliche Position der Randstad ist das Ergebnis gezielter staatlicher Maßnahmen. Räumlich musste die polyzentrische Struktur der Randstad mit ihrem Grünen Herzen erhalten bleiben. Es wurde außerdem in die Kommunikations-, Logistik- und Verkehrsinfrastruktur investiert, um die interne und externe Anbindung der Randstad zu verbessern. So wurden unter anderem Telefonleitungen durch leistungsfähige Glasfaserkabel ersetzt, der Rotterdamer Hafen unter Spezialisierung auf den vollautomatischen Containerumschlag weiter in Richtung der Nordsee ausgebaut, der Rotterdamer Hafen über eine leistungsfähige Güterzugtrasse (Betuweroute) mit dem Ruhrgebiet verbunden und der Flughafen Schiphol eröffnete noch im Jahr 2003 eine fünfte Landebahn und wird an das Hochgeschwindigkeitszugnetz Richtung Brüssel und Ruhrgebiet angebunden.

In diesem engen Raum müssen somit immer wieder Interessen miteinander im Einklang gebracht werden, wobei der Staat oftmals als koordinierende Partei auftritt. Ein Beispiel für solch einen Interessenskonflikt ist das Projekt SMASH (Structuurvisie Mainport Amsterdam Schiphol Haarlemmermeer): Der Flughafen Schiphol möchte sich ebenso wie die Stadt Amsterdam gerne ausbreiten. Private und öffentliche Verwaltungen müssen so ein Raumprogramm ausarbeiten, die beiden Wünsche optimal realisierbar machen. Doch trotz all der staatlichen Interventionen verwischt die Grenze zwischen städtischem und ländlichem Raum immer mehr, wodurch sich gerade die Ränder der Städte oft zu unstrukturierten, peripheren Räumen entwickelt haben.

Netzwerkstad, Deltametropol oder zwei Metropolregionen?

In 1998 errichteten die Bürgermeister von Amsterdam, Utrecht, Rotterdam und Den Haag – der vier größten Städte der Randstad – die Vereniging van de Deltametropool (dt. Vereinigung der Deltametropole) um die Metropolbildung des Westens unter Erhalt der bestehenden räumlichen Struktur und der ökonomischen und kulturellen Unterschiede zu fördern. Der Name Deltametropole weist auf die geografische Lage des Metropolraumes im Rhein-Maas Delta hin. Die Idee zur Gründung der Vereinigung wurde im Raumordnungsprogramm vijfde nota übernommen. Das Programm wurde allerdings nie zur offiziellen Raumordnungspolitik. Der Fokus des darauf folgenden Raumordnungsprogrammes Nota Ruimte richtet sich vor allem auf die Zusammenarbeit von privaten und öffentlichen Partnern. Ziel ist es, Projekte wie etwa den Ausbau der Greenports der Auktionshäuser rund um Aalmseer und die Entwicklung des Westlands zu realisieren. Und auch die Mainports Schiphol und Rotterdam sollten weiter wachsen.

Im Jahr 2006 brachte die Studie Vele steden maken nog geen Randstad (dt. Viele Städte machen noch keine Randstad)[2] des damaligen Ruimtelijke Planbureau (dt. Institut für Raumplanung) viel Diskussionsstoff in die Debatte um die Randstad. Die Studie zeigte, dass die Randstad entgegen der bisherigen Annahme nicht wie eine zusammenhängende Netzwerkstadt funktioniert. Der Spezialisierungsgrad der verschiedenen Städte hatte sogar abgenommen: „Die Städte ergänzen sich nicht, es ist keine starke Integration zu entdecken, sie fungieren als unabhängige Systeme“. Als Reaktion wurde 2007 die Metropolregion Amsterdam gegründet, womit sich erstmals verschiedene Gemeinden im Umkreis von 30 Kilometern um Amsterdam zusammenschlossen. Die Metropolregion Rotterdam–Den Haag verfügt seit 2012 über ein ähnliches System.

2008 präsentierte die niederländische Regierung die Structuurvisie Randstad 2040 (dt. Strukturvision Randstad 2040) als Ausführungsprogramm der Nota ruimte. Ziel dieser Nota war es, die Wettbewerbsfähigkeit der Randstad zu erhöhen. Durch dieses Raumplanungsprogramm wurde die Einteilung in den Nordflügel Amsterdam und Utrecht beziehungsweise den Südflügel Rotterdam und Den Haag als stark zusammenhängende Komplexe zur neuen Raumpolitik.

In dem seit 2011 geltenden raumplanerischen Leitbild wird der Begriff der Metropole – außer in einem Verweis auf die metropolische Kraft Amsterdams – nicht mehr erwähnt. Auch vom raumplanerischen Konzept der Randstad wurde sich verabschiedet. Dennoch wurde im Jahr 2012 noch ein Versuch gestartet, die bestehenden Provinzen und Gemeinden in einer gemeinsamen Randstadprovinz zu vereinen. Dieser Versuch, die politische Struktur der Niederlande zu ändern, scheiterte jedoch.


[1] BBSR (Hrsg.): Deutschland hat europaweit die meisten Metropolräume, 2010, Onlineversion.
[2] Ritsema van Eck, Jan et al.: Vele steden maken nog geen Randstad, Den Haag 2006, Onlineversion.

Autorin: Dagmar Keim
Erstellt: Oktober 2014