VII. Stadt und Land

Die starke Verstädterung der Niederlande wird zum Beispiel deutlich, wenn man die hohe Durchschnittsbevölkerungsdichte (496 pro Quadratkilometer) oder die Konzentration von Ballungsgebieten – insbesondere im Westen des Landes, der „Randstad“ – betrachtet.

Diese Verdichtungszone erstreckt sich über die Provinzen Noord- und Zuid-Holland, Utrecht und Flevoland. Die „Randstad“ wird manchmal in eine nördliche Region (Randstad Nord/Nordflügel) mit vier Millionen Einwohnern und den wichtigsten Städten Amsterdam und Utrecht sowie in eine südliche Region (Randstad Süd/Südflügel) mit ungefähr die Millionen Einwohnern (inklusive Den Haag und Rotterdam) eingeteilt.

Der Einfluss dieses hufeisenförmigen Städtegebietes auf den übrigen Teil der Niederlande ist sehr groß, weil hier traditionell nicht nur die wichtigsten zentralstaatlichen Funktionen, sondern auch die wichtigsten Zentren von Handel, Industrie und Landwirtschaft ansässig sind und hier der Hauptanteil der Wirtschaftskraft des Landes steckt. Der Westen der Niederlande, hier also ausschließlich das erwähnte Städteband, war schon seit dem 17. Jahrhundert Schwerpunkt des Landes. Mit der Integration des Landes, insbesondere nach dem Verschwinden der Republik im Jahre 1795 und der darauf folgenden Zentralisierung der Staatsmacht während der französischen Zeit und des bis heute existierenden Königreichs, ist die nationale Bedeutung weiter angewachsen. In den letzten Jahren gab es jedoch eine Veränderung. Seit 1995 ist eine Verschiebung des ökonomischen Verhältnisses in den Niederlanden zu beobachten. Die Regionen – vor allem Nord-Brabant – wachsen wirtschaftlich, während die Randstad wirtschaftlich stagniert. Was diese Entwicklung für Konsequenzen hat, wird sich im Laufe der nächsten Jahre zeigen.

Zentrum-Peripherie-Modell

Die starke Integration von der Randstad und den weiteren Teilen des Landes hat sich nach dem Zentrum-Peripherie-Modell entwickelt. Dieses Modell beschreibt Abhängigkeitsbeziehungen zwischen Zentren und Peripherie auf unterschiedlichen Maßstabsebenen. Auf nationalstaatlicher Ebene bestehen solche Abhängigkeitsbeziehungen insbesondere zwischen Städten (Zentren) und benachbarten Regionen, meist ländlichen Räumen. Zentrum-Peripherie-Modelle werden daher insbesondere zur Erklärung räumlicher Disparitäten (wie zum Beispiel Einkommensunterschiede) herangezogen. Ob nun dieses Modell auf das Verhältnis von Randstad und weiteren Regionen der Niederlande anwendbar ist, bleibt dahingestellt. Räumliche Disparitäten sind zwar vorhanden, sie zeigen jedoch nicht nur die Randstad als Region mit den günstigsten Merkmalen. Manche Region außerhalb der Randstad weist niedrigere Arbeitslosenzahlen als die Randstad auf: die Provinz Nord-Brabant beispielsweise im Vergleich zu Süd-Holland.

Wegen der bereits erwähnten Machtkonzentration in der Randstad trifft das Modell als Denkmodell gewissermaßen zu, entspricht aber nur teilweise der geographischen Wirklichkeit. Hier ist die Bearbeitung des Modells durch den amerikanischen Geographen John Friedmann hilfreicher, das dieser bereits 1966 auf Venezuela angewandt hat. Friedman unterscheidet außerhalb des Kerngebietes (core area) vier weitere Gebiete:

  • Upward transitional areas: Entwicklungsregionen, die in Verbindung mit dem Zentrum zu Kerngebieten anwachsen können
  • Downward transitional areas: Regionen mit einer rückständischen Tradition (niedrige Einkommen, Abwanderung, dauerhaft geringe oder noch zurückgehende Nachfrage der örtlichen Produkte)
  • Resource frontier areas: Dünnbesiedelte Regionen mit günstigen Zukunftsperspektiven (durch Entwicklung von Hilfsquellen)
  • Special problem regions: Periphere Gebiete mit spezifischen Problemen: politische Instabilität, Grenzkonflikte, Zerstörung durch Ausschöpfung von Hilfsquellen.

Diese Friedmannsche Verteilung ist selbstverständlich nicht ohne weiteres auf die Niederlande anwendbar. Sie ermöglicht jedoch besser als der abstrakte Gegensatz zwischen Zentrum und Peripherie eine räumliche Anwendung: Die Kernregion ist deutlich die Randstad mit dem Grünen Herzen. Als upward transitional area zu betrachten sind die Gebiete, die sich in Verbindung mit der Randstad wirtschaftlich entwickelt haben: Zu denken wäre hier an die Veluweregion und das Gebiet zwischen den Rheinflüssen in der Provinz Gelderland, das zentrale Städtegebiet der Provinz Noord-Brabant (von Breda über 's-Hertogenbosch Richtung Eindhoven) sowie an den nördlichen Teil der Provinz Noord-Holland. In allen diesen Gebieten haben sich Personen und Betriebe aus der Randstad angesiedelt – insbesondere um der Raumenge zu entfliehen – und haben sich doch in Verbindung mit der Randstad weiter entwickelt. Viele Angestellte der dort neu angesiedelten Betriebe arbeiten nach wie vor in der Randstad und pendeln tagtäglich gen Westen, viele der neu angesiedelten Betriebe haben ihren Hauptsitz noch immer in der Randstad.

Die von Friedmann genannten downward traditional areas können in Teilen des Nordens der Niederlande (Provinzen Friesland, Groningen und Drente) und vereinzelt in Teilen der Provinz Zeeland im Südwesten platziert werden. Starke Abwanderung, nicht nur aus den Kleindörfern, sondern auch aus größeren Siedlungen, verringern die Existenzmöglichkeiten der hier noch wohnenden Menschen. Der Umfang dieser Gebiete und die Intensität ihrer Rückständigkeit hält sich in Grenzen und kann nicht mit dem Umfang solcher Gebiete in vielen Teilen der östlichen Bundesländer Deutschlands verglichen werden (Abb. 7).

Resource frontier areas findet man in den Niederlanden eigentlich kaum mehr, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts konnte Südlimburg als solches bezeichnet werden: der Steinkohlenbergbau war zeitweilig eine strategische Energiequelle für das ganze Land, das Gebiet konnte jedoch nicht und kann immer noch nicht als dünnbesiedelt bezeichnet werden. Zur Zeit weist das kleine Gebiet der Erdgasgewinnung in Groningen möglicherweise Züge einer resource frontier area auf. Ein Wirtschaftsaufschwung dieser Region aufgrund der Gewinnung hat jedoch nicht stattgefunden, weil diese Tätigkeit arbeitsextensiv ist, das Erdgas durch Pipelines möglichst schnell in die Kerngebiete geführt wird und es deshalb nicht zur Grundlage einer industriellen Entwicklung vor Ort geführt hat.

Special problem regions gibt es zu Zeiten des „zusammenwachsenden Europas“ in den Niederlanden eigentlich nicht mehr. Früher konnte das Grenzgebiet am Rhein mehr oder wenig als eine solche strategische Passivzone eingestuft werden.

Dreiteilung der Niederlande

Eine weitere Beschränkung des Friedmannschen Modells liegt in der einseitigen Bestimmung von Regionen durch Kräfte von außerhalb. Stark vernachlässigt hat es die Möglichkeiten einer Entfaltung der Regionen aus eigener Kraft. Diese neue Regionalbetrachtung stellt eine Kombination der klassischen Länderkunde (Beschreibung von Regionen in ihrer Gesamtheit, d.h. aller physisch- und sozialgeographischer Strukturelemente innerhalb der Region) und der Analyse der aufgrund dieser Strukturelemente auszunutzenden Möglichkeiten dar. Diese Wiederentdeckung der eigenen Hilfsquellen einer Region begann im Laufe der 1980er Jahre mit der Entwicklung eines Konzeptes der so genannten „endogenen“ oder „eigenständigen“ Entwicklungsanalysen von Regionen. Damals ging es insbesondere um die Möglichkeiten von Entwicklungsländern, später wurden sie auf rückständige Gebiete in Europa und inzwischen auf alle Gebiete ausgeweitet. Eine Region – räumlich nicht immer genau begrenzt – ist durch bestimmte Strukturen und die Möglichkeiten, diese auszunutzen, kennzeichnet. Das Potential einer Region steckt also nicht nur in den vorhandenen Hilfsquellen, sondern auch in Personen, Gruppierungen, usw., die es verstehen, die Quellen der Region anzuwenden. Ein solches Potential braucht nicht nur in Form von wertvollen Lagerstätten vorhanden zu sein, es kann auch eine natürliche Wasserstraße, ein günstiger Standort in der Nähe anderer reicher Regionen oder ein bestimmtes Bildungsniveau der Bevölkerung sein. Die Vermarktung dieser Möglichkeiten ist Bestandteil der Ausnutzung der Potentiale.

Wenden wir nun dieses Konzept der Region auf die Regionalstruktur der Niederlande an, dann ergibt sich ein etwas nuancierteres Bild als zuvor skizziert wurde. Nach wie vor bleibt die Randstad – mit dem Grünen Herzen – das polyzentrische Kerngebiet des Landes. Innerhalb der Randstad – und selbstverständlich ebenfalls in den weiteren Landesteilen – machen sich Unterschiede bemerkbar: es gibt Wachstums- und Stagnierungsgebiete. Die Gemeinde Haarlemmermeer boomt, weil sich um den dortigen Nationalflughafen Schiphol viele Betriebe niederlassen und die Gemeinde die Chancen des Vorhandenseins des Flughafens ausgenutzt hat. Grenzregionen wie Südlimburg oder Twente entwickeln sich auch durch Initiatoren, die den Austausch mit angrenzenden Regionen fördern. Für Südlimburg trifft dies insbesondere zu, weil durch Wegfall der hemmenden Wirkungen der Landesgrenzen ziemlich leicht Verbindungen mit den angrenzenden Ballungsgebieten von Aachen, Lüttich und Hasselt aufgebaut werden können.

Als regionales Ergebnis für die Niederlande entsteht also eine Dreiteilung der Niederlande in Randstad (Polyzentrisches Kerngebiet), in Auslaufgebiete der Randstad und in die weiteren, unterschiedlich orientierten Landesteile. Sowohl die räumliche Ausdehnung dieser Zonen als auch ihre innere Strukturen sind einem ständigen Wandel ausgesetzt: Akteure und Strukturen ändern sich immer wieder, Regionen ebenso. Bis zum Jahr 2012 wurden – mehr als in anderen Ländern – Entscheidungen der zentralen Ebene getroffen. In 2012 warvor allem die Raumplanung zum größten Teil dezentralisiert. Die in den letzten Jahrzehnten aufgebaute europäische Gesetzgebung hat sich – wie vorher schon erwähnt wurde – räumlich insbesondere in den Grenzgebieten bemerkbar gemacht. Zu einer nachlassenden Orientierung auf den Westen der Niederlande hat sie bis heute kaum geführt.

Autor: Jan Smit
Erstellt: Januar 2004
Aktualisiert: September 2014, Dagmar Keim