V. Städtische Siedlungsentwicklung

Die Gründung der niederländischen Städte wurde oft durch die natürlichen Gegebenheiten bestimmt, ihre Entwicklung jedoch wurde fast immer von anderen Faktoren (Wirtschaft, Verteidigung) beeinflusst. In den Niederlanden sind die meisten Städte erst im Mittelalter entstanden. Die damals schon vorhandenen Städte lagen nicht wie heute im Westen, sondern über das ganze Land zerstreut. Wichtige Beispiele: Nimwegen, Maastricht, Groningen, Deventer, Middelburg oder Utrecht.

Die Verbindung mit dem Meer war damals weniger wichtig als die Verbindungen über die großen Flüsse. Nur in Flandern (Brügge) orientierte man sich damals am Meer. Die städtische Entwicklung setzte ab dem 12. Jahrhundert ein. Die Bedeutung des Meeres und damit auch das Aufblühen von Städten im Westen des Landes wuchs vor allem im 14. und 15. Jahrhundert sprunghaft an. Die Intensivierung der Landwirtschaft ermöglichte die städtische Entwicklung zusätzlich. Das Übergewicht der holländischen Städte entstand also erst im 14. Jahrhundert. Ab dem 17. Jahrhundert wurden diese Städte zusätzlich durch die Vorteile des kolonialen Besitzes begünstigt.

Zuvor war die Blüte der Städte des Südwestens (Sluis im Zusammenhang mit Brügge, Veere, Zierikzee oder Den Briel) und entlang der Flüsse (Hansestädte Kampen, Deventer oder Groningen) von größerer Bedeutung gewesen. Obwohl seitdem manche Rückschläge zu verzeichnen waren, ist die Vormachtstellung der holländischen Städte und die Orientierung auf das Meer bis heute ununterbrochen. Natürliche Nachteile konnten diese Entwicklung nicht aufhalten. Amsterdam konnte beispielsweise im 17. und 18. Jahrhundert immer wieder auf natürlich ungünstigen Gebieten erweitert werden. Man baute eine neue Gracht um die bereits existierende Stadt, rammte Pfähle in den schlaffen Moorboden und baute darauf Häuser.

Stadttypen

Grob gesagt kann man folgende Stadttypen nach ihren Hauptfunktionen unterscheiden:

  • Seehafenstädte: ab dem Mittelalter in Zeeland, ab dem 15. Jahrhundert im Norden (Friesland: Dokkum und Stavoren; Nord-Holland: Enkhuizen und Amsterdam), ab dem 19. Jahrhundert Rotterdam
  • Altindustriestädte: Leiden, Haarlem (Textilien). Allerdings hatten solche Städte von Anfang an auch weitere Funktionen: Leiden ist die älteste Universitätsstadt des Landes.
  • Flusshafenstädte an den Rheinverzweigungen (oft weit vor dem Mittelalter entstanden): Nimwegen, Tiel, Gorinchem, Wijk bij Duurstede, Zutphen, Deventer oder Maastricht (an der Maas).
  • Festungsstädte: ab dem 16. Jahrhundert im Osten (Groenlo und Wesel[1]); im Süden (Willemstad, Woudrichem und ‘s-Hertogenbosch) zur Verteidigung der reichen holländischen Städte; Viele dieser Städte waren Teil verschiedener Festungslinien wie zum Beispiel der „Grebbelinie“, „Oude Hollandse Waterlinie“ und später auch der „Nieuwe Hollandse Waterlinie“. Die erste Linie lief zum Beispiel vom Dollard über Bourtange nach Coevorden, von dort nach Zwolle, entlang der IJssel nach Arnheim, entlang der Maas in Brabant (über Grave und Heusen), entlang der Brabantse Wal (Steenbergen) nach Bergen op Zoom und von dort durch Zeeuws-Vlaanderen (Hulst, Sluis und Retranchement).
  • Neuindustriestädte entstanden mit dem Aufblühen der Industrie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Wichtigstes Beispiel ist die „Brabantse stedenrij“, die damals in einer fast ausschließlich landwirtschaftlichen Umwelt entstand: Tilburg und Helmond als Textilstädte und Eindhoven durch die Elektroindustrie auf Initiative von Philips. In Twente blühte die schon existierende Kleinstadt Enschede auf und es entstanden – anfangs im Zusammenhang mit Initiativen im benachbarten Preußen (Nordhorn und Gronau), später als Verarbeitungsstätten der überseeischen (indonesischen, damals Niederländisch-Ostindien) Baumwolle – Städte wie Hengelo, Oldenzaal und Almelo.
  • Neustädte entstanden im 20. Jahrhundert in den neuen Poldern: Almere, Lelystad und Emmeloord; aber auch auf dem alten Land. In den Ballungsgebieten entwickelten sich einige kleinere Städte in der Umgebung von größeren Städten zu Satellitenstädten: Nieuwegein und Houten bei Utrecht. Kleinstädte wurden manchmal zu neuen Satellitenstädten – mit kleinem manchmal historischen Herzen – umgebildet: Hoorn und Purmerend nördlich von Amsterdam oder Zoetermeer bei Den Haag.

Die Siedlungsentwicklung in den Niederlanden zeigt insgesamt eine frühzeitige Loslösung von den natürlichen Gegebenheiten. Die heutigen Überlegungen gehen dahin, sich mehr als zuvor der Natur anzupassen und die Umwelt möglichst zu schonen. Dies bedeutet für die Niederlande – mehr als in vielen andern Ländern Europas – eine völlige Neuorientierung, sowohl auf dem Lande – wo sich die Landwirtschaft „auf einmal“ anzupassen hat – als auch in den Ballungsgebieten.


[1] also manchmal auch außerhalb der Landesgrenzen

Autor: Jan Smit
Erstellt: Januar 2004
Aktualisiert: September 2014, Dagmar Keim