II. Historischer Rückblick

Die Niederlande werden seit der ersten Eiszeit bewohnt. Die ersten Bewohner lebten in einem sumpfigen, nassen Gebiet, welches regelmäßig durch Flüsse und das Meer überströmt wurde. Trotz dieser für menschliches Leben unfreundlichen Bedingungen entwickelten sich in den Niederlanden bereits im 12. Jahrhundert erste Städte und mit ihnen der Handel und das Handwerk. Im Laufe der Zeit formten sich außerdem selbstständige Territorien, die sich 1648 zu der unabhängigen Republik der Vereinigten Niederlande zusammenschlossen. Durch den Handel mit Südostasien, Westafrika und Amerika erwarb die junge Republik in kurzer Zeit großen Reichtum.

17. Jahrhundert

Zu dieser Zeit wurde die Wirtschaft der westlichen Niederlande vor allem durch Amsterdam beherrscht. Die Stadt konnte ihre Position durch den Niedergang des Antwerpener Hafens und durch die Immigration aus Flandern, insbesondere aus Antwerpen, festigen. Amsterdam war im 17. Jahrhundert Knotenpunkt internationaler Fahrtrouten mit einem vielfältigen Stapelmarkt. Die Position der Stadt wurde durch den Besitz eigener Schiffe, die man selber baute, sowie und der Weiterverarbeitung der eingetroffenen Rohstoffe und Produkte gestärkt. Das Handels- und Industriegebiet Amsterdams erstreckte sich vom IJ bis in die nördlich gelegene Region entlang des Flusses „Zaan“ (an Zaandam vorbei) – dem sogenannten „Zaanstreek”.

Auch die Häfen und Flotten der Städte entlang der Zuiderzee – wie Enkhuizen, Hoorn, Edam und Monnickendam – waren Bestandteil des Handelskomplexes der Stadt Amsterdam. Die Vielseitigkeit Amsterdams gewährleistete im 17. Jahrhundert ein andauerndes Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum. Amsterdam war auch damals die bevölkerungsreichste Stadt der Niederlande – ihre Einwohnerzahl wuchs zwischen 1650 und 1750 von 175.000 auf 200.000 an – und war damit nach London, Paris und Neapel die viertgrößte Stadt Europas. Die zweitgrößte Stadt der damaligen Niederlande, Leiden, kam auf gut 60.000 Einwohner. Amsterdam war, wie die Städte Haarlem und Delft, eher industriell geprägt. Weitere Städte wie Rotterdam, Gouda, Alkmaar und Utrecht verfügten über ein gemischtes Wirtschaftsbild.

Im Westen des Landes wurde Landwirtschaft, insbesondere Viehwirtschaft betrieben, im Norden wurde auch Torf abgebaut. Vereinzelt wurden Landgüter gegründet: entlang des kleinen, abgedämmten Rheinflusses „Utrechtsche Vecht“ südlich von Amsterdam; zwischen den Städten Utrecht und Weesp; in Kennemerland (auf der Landseite der Dünen) und entlang der Amstel. Hier bauten wohlhabende Amsterdamer – hauptsächlich Geschäftsleute aus Amsterdam – Landgüter, die sie als Zweitsitz nutzten. Im Gebiet nördlich von Amsterdam, dem sogenannten „Kop van Noord-Holland”, beteiligten sich reiche Amsterdamer Kaufleute an der Trockenlegung von Seegebieten, zum Beispiel vom Beemster, Purmer und Schermer. Hier wurden neue landwirtschaftliche Gebiete – der Beemsterpolder gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO – geschaffen, die unmittelbar mit der Stadt Amsterdam verbunden waren. Auch hier wurden Ländereien gestiftet.

Der Einfluss der anderen holländischen Städte auf das umliegende Land war im 17. Jahrhundert viel geringer. Trotzdem waren die holländischen Städte durch Wasserverbindungen verhältnismäßig gut miteinander verbunden. Sogenannte Zugboote, von Pferden gezogen, verbanden nach festen Fahrplänen die Städte über die zahlreich vorhandenen Wasserverbindungen. Vielmehr als die eher dürftig ausgebauten Landstraßen stellten sie ein wichtiges Verkehrsnetzwerk dar. Weil im Osten und Süden der Niederlande solche Wasserverbindungen fehlten, waren die Kontakte zwischen den Städten dort viel geringer. Hier hatte sich die städtische Entwicklung weniger durchgesetzt. Ketten von Handelsstädten waren zum Beispiel entlang der großen Flüsse – wie Gorinchem, Tiel und Nijmegen an der Waal, und Kampen, Hattem, Deventer und Zutphen an der IJssel – entstanden. Auch im Norden, in Friesland und Groningen, war in Verbindung mit einer handelsorientierten Landwirtschaft im 17. Jahrhundert ein Netz von Handelsstädten entstanden, die wie in Holland durch ein Netz von Wasserstraßen miteinander verbunden waren. Im übrigen Teil des Landes gab es Festungsstädte, die zum Teil aus bereits bestehenden Städten entstanden, und oft Teil von militärischen Verteidigungslinien waren.

18. und 19. Jahrhundert

Dieser räumliche Aufbau der Niederlande blieb auch nach dem Goldenen Jahrhundert erhalten – trotz einer rückläufigen wirtschaftlichen Entwicklung. Insbesondere der Verlust der Funktion als Stapelmarkt wirkte sich auf Amsterdam und auf die mit der Amsterdamer Wirtschaft verbundenen Städte an der Zuiderzee nachteilig aus. Stadtteile verfielen, die Anbindung an den ländlichen Raum wurde schlechter. Dieser Rückgang verstärkte sich noch während der Besetzung durch Napoleon, als den niederländischen Kaufleuten der Zugang zum Meer verwehrt wurde. Was allerdings außerhalb der vier wichtigsten Städte des Landes Amsterdam, Den Haag, Rotterdam und Utrecht weniger gravierend war, weil man dort viel weniger vom Überseehandel abhängig war. Außerdem verlagerten sich Teile der im Westen des Landes vorhandenen Industriezweige, wie etwa die Textilindustrie, nach Overijssel in den Osten des Landes. Die Landwirtschaft wurde für den Handel von wachsender Bedeutung. Davon profitierte zum Beispiel Friesland, das auch im Goldenen Jahrhundert schon eine gewisse wirtschaftliche Bedeutung innehatte.

Eine Änderung der räumlichen Strukturen vollzog sich jedoch im 19. Jahrhundert, als durch Anwendung von Dampfenergie in Großbritannien, Belgien und später auch in Deutschland die Schwerindustrie aufzublühen begann. Zwar machten die Niederlande bis 1870 diese Industrialisierungswelle kaum mit, es bedeute aber nicht, dass sie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein armes Land waren: es gab nach wie vor eine Oberschicht, die vom Vermögen lebte, das im Ausland angelegt war. Vieh und Milchprodukte moderner Landwirtschaftsbetriebe aus dem Westen des Landes wurden in die stark heranwachsenden Industriestädte Englands exportiert. Auch aus den Kolonien – insbesondere aus Niederländisch Ostindien (dem heutigen Indonesien) – flossen ab 1830 immer mehr Einkünfte. Dennoch wurde, gerade durch die Verbindung mit den südlichen Niederlanden zwischen 1815 und 1830 und die darauffolgende Abtrennung von Belgien deutlich, wie gering die Wirtschaftskraft des nördlichen Teils geworden war. Trotz eines durchschnittlich nicht geringen Wohlstands waren die Einkommensunterschiede in den Niederlanden groß. Insbesondere in den wirtschaftlich „heruntergekommenen“ Handelsstädten im Westen des Landes war die Armut überall spürbar.

Die Energieerzeugung mittels Dampfmaschinen wurde in den Niederlanden bis etwa 1870 vor allem für den Eisenbahntransport benutzt. Der Bau von Eisenbahntrassen ging zudem nur langsam voran, so dass der Wassertransport, durch König Willem I. in der ersten Jahrhunderthälfte durch den Bau mehrerer neuer Wasserstraßen – insbesondere außerhalb der westlichen Landesteile – kräftig gefördert, wichtigstes Transportmittel blieb. Der Bau von Eisenbahnen war bis 1860 Privatsache. Eisenbahnen hatten nicht wie in Preußen, England und Belgien eine strategische Bedeutung: dort waren sie eng mit der für den Nationalstaat wichtigen aufblühenden Schwerindustrie und dem Bergbau verbunden. In den Niederlanden hatten sie diese Bedeutung nicht, sie waren vielmehr für den Personenverkehr zwischen den wichtigsten Städten bestimmt, als schneller Ersatz für den Transport zu Wasser oder auf der Straße, die noch von Muskelkraft abhängig waren. Niederländische Unternehmer hatten wenig Interesse am Ausbau des Eisenbahnnetzes, die ersten Bahnstrecken wurden hauptsächlich von ausländischen Unternehmen initiiert.

Industrialisierung

Um 1870 setzte jedoch auch in den Niederlanden die Industrialisierung ein. Die Grundlagen waren nicht mit denen der umliegenden Länder vergleichbar, weil es den Steinkohlenbergbau und die Stahlverarbeitung noch nicht gab. Wichtiger waren jedoch die aufblühenden staatlichen und privaten Initiativen. Durch den Ausbau des staatlichen Eisenbahnnetzes verwandelten sich die Niederlande für die bereits industrialisierten Anrainerstaaten von einer agrarischen Peripherie in einen günstigen Standort für die Ansiedlung spezifischer Industriezweige. Ziegeleien, Textil- sowie Nahrungsmittelunternehmen gehörten dazu. Verhältnismäßig geringe Lohnkosten spielten auch eine Rolle. Der Staat begünstigte diese Entwicklung zusätzlich durch eine Lockerung der gesetzlichen Bestimmungen für die Industrieansiedlung. Dadurch bekamen private Initiativen bessere Chancen als zuvor. Die Gründung und der weitere Ausbau der Elektroindustrie von Philips in Eindhoven ab 1880 ist ein richtungsweisendes Beispiel. Doch auch die Gründung der Heineken Brauereien, der Margarineproduzent van den Bergh in Rotterdam sowie der Gesellschaft zur Herstellung von Kunstfäden, Algemene Kunstzijde Unie (AKU) in Arnheim und Ede sowie die Ölgesellschaft Bataafsche Petroleum Maatschappij (BPM) in Rotterdam sind Ergebnisse dieser Öffnung.

Mehrere der neuen Industrien siedelten sich in neu erschlossenen Gebieten im Osten des Landes – vor allem in den Regionen Twente und Noord-Brabant – an. Im Westen entstanden zusätzlich zu den Industrieneuansiedlungen auch viele Betriebe im Dienstleistungsbereich wie etwa Banken und Transportunternehmen. Schwerpunkte wurden Rotterdam und Amsterdam. In die beiden Häfen wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in großem Umfang investiert, insbesondere in den Bau neuer Wasserverbindungsstraßen mit der Nordsee: Der „Nieuwe Waterweg“ für Rotterdam und der „Noordzeekanaal“ für Amsterdam, beide um 1870. Zuvor hatte man von und nach Rotterdam nur über die Seebusen von Zeeland fahren können; die Häfen von Amsterdam waren nur über die Zuiderzee, ab 1824 über den „Noordhollands Kanaal“ zu erreichen. Die Bedeutung Rotterdams wuchs schlagartig mit der wachsenden Bedeutung der Rheinschifffahrt und deren Absatzgebieten an Rhein und Ruhr. Um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert entstand durch den Beginn des Steinkohlenbergbaus im Süden Limburgs ein neues, industriegeprägtes Ballungsgebiet. In Verbindung mit der bereits modernen Landwirtschaft im Westen und Norden sowie mit der sich modernisierenden Landwirtschaft in den Geestgebieten im Süden und Osten wuchs die Bedeutung der Verarbeitung von Agrarprodukten. Insbesondere im Westen und Norden erhielten sie überregionale und internationale Bedeutung. Modernisierung des Gartenbaus im Westen förderte auch die Dienstleistung: Transportunternehmen und Auktionen (nl. veilingen) hier und in anderen Teilen des Landes die Viehmärkte.

Auf dem Weg zu neuen regionalen Wirtschaftsschwerpunkten

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war die erste Phase der Industrialisierung beendet. Mit der Wirtschaftskrise in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts geriet die sich gerade entwickelnde industrielle Wirtschaft jedoch wiederum ins Stocken. Der Staat probierte durch große Bauprojekte, wie zum Beispiel dem Bau des Abschlussdeichs, durch den die Zuiderzee von den Einflüssen der Nordzee getrennt wurde, der Arbeitslosigkeit Herr zu werden. Trotz der sozial schwierigen Situation innerhalb des Landes erholte sich die wirtschaftliche Lage durch den Grundstoffreichtum aus den niederländischen Kolonien in Ost-Indien und die starke internationale Orientierung niederländischer Unternehmen langsam. Aus dieser Zeit stammen einige der noch heute in ihren Bereichen führenden „Multinationals“ der Niederlande wie zum Beispiel die Steenkolen Handel Vereniging (SHV), die Koninglijk Nederlandse Petroleummaatschapij, die später mit dem englischen Unternehmen Shell fusionierte, Phillips, Volker-Stevin und Smit-Tak (ein Bagger- und Landgewinnungsunternehmen). Obwohl der Handel durch die Politik allen Raum bekam, konnte durch die Geldpolitik – der goldene Standard – kein Aufschwung für die breite Schicht der Bevölkerung erreicht werden und die Niederlande gingen mit einer hohen Arbeitslosigkeit in den Zweiten Weltkrieg.

Nach dem Krieg zog die Wirtschaft dank der finanziellen Hilfe, die die Niederlande im Rahmen des Marshallplans von den Vereinigten Staaten erhielt, jedoch schnell an. Regelmäßige Lohnerhöhungen von fünf Prozent, staatliche Investitionen in die Industrie und zunehmender Export (von unter anderem der billigen Energiequelle Erdgas) ließen die Wirtschaft weiter blühen. Um alle Teile der Bevölkerung an diesem Wachstum teilhaben zu lassen, begann der Staat in den 1950er Jahren mit dem Bau von Sozialwohnungen. Das Straßen- und Wasserwegenetzwerk sowie der öffentliche Personennahverkehr wurden ebenfalls weiter ausgebaut. Die wirtschaftlichen Zentren des Landes wurden durch Autobahnen, den Bau einer Hochgeschwindichkeitszugverbindung (HSL) zwischen Amsterdam und Paris sowie der Betuwelinie (eine Güterzugverbindung zwischen Rotterdam und dem Ruhrgebiet) (inter-)national erschlossen. Die Zuiderzeewerke wurden weiter ausgebaut. Nach dem noch während des Zweiten Weltkrieges angelegtem Nordostpolder, wurde in den 1950er Jahren der Flevopolder angelegt. Noch mit der frischen Erinnerung an die Hungersnot des Zweiten Weltkrieges wurde dieser Polder vor allem für landwirtschaftliche Zwecke eingerichtet. Heute ist die im Flevopolder liegende Stadt Almere, mit fast 200.000 Einwohnern, zur siebtgrößten Stadt der Niederlande ausgewachsen und ist Teil des Ballungsgebietes um Amsterdam.

1953 wurden die Niederlande durch eine große Überschwemmungskatastrophe getroffen, die vor allem die Provinz Zeeland betraf. Daraufhin wurden die Deltawerke gebaut, um das Land um die Meeresarme und die Stadt Rotterdam von den Tideeinflüssen des Meeres zu schützen. Dies führte zur Auslagerung des Hafens von Rotterdam in westliche Richtung, zum Meer hin, und es entstanden für die Stadt große städtebauliche Chancen.

All diese Entwicklungen haben zu neuen wirtschaftlichen Schwerpunkten geführt. Die Wirtschaft der Niederlande blieb jedoch sehr stark international orientiert, was zur Folge hat, das die Niederlande sehr stark auf Schwankungen des Internationalen Marktes reagierten. Nach dem wirtschaftlichen Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg kam es in den 1980er Jahren zu einer Rezession, die sich nach einem kurzen Hoch in den 1990er Jahren um die Jahrtausendwende wiederholte. Nach einem erneuten Aufstieg um rund 2006/2007 ist die Wirtschaft seit 2009 erneut durch die weltweite Wirtschaftskrise schwer getroffen. Steigende Staatsschulden und Arbeitslosenzahlen wurden zum Alltag der Niederlande.

Heute nehmen die Niederlande eine wichtige Rolle als europäische Transportader ein. Neben dem finanziellen Sektor gehören heute auch weltweit führende Top-Branchen wie die Wasserwirtschaft, Logistik, Hochtechnologie, Kreativwirtschaft, Energie, Chemie, Nahrungsmitteltechnologie und der Gartenbau zum industriellen Bild der Niederlande.

Autorin: Dagmar Keim
Erstellt: September 2014