IV. Von der Naturlandschaft zu Kulturlandschaft

Hochland

Im Laufe der Zeit machten sich die Menschen die Naturlandschaften der Niederlande nutzbar und kultivierten diese. Daraus ist die so genannte Kulturlandschaft entstanden. Bis zum Mittelalter war sie stark von den natürlichen Gegebenheiten geprägt, und der Mensch richtete sich nach den natürlichen Möglichkeiten. Diese waren auf den pleistozänen Böden im Süden und Osten erheblich günstiger als im holozänen feuchten Gebiet des Westens und des Nordens. Vor dem Mittelalter waren der Osten und der Süden der Niederlande deshalb dichter besiedelt als der tiefe Westen oder der Norden. Allerdings beschränkte sich die Besiedlung damals weitgehend auf dörfliche Siedlungen, in der die Landwirtschaft (Viehwirtschaft und Ackerbau) ausschlaggebende Existenzgrundlage war.

Auf diesen pleistozänen Flächen ist das Eschdorf als Siedlungstyp am weitesten verbreitet. Dieser Siedlungstyp tritt in der Provinz Drenthe als Haufendorf vom höheren Ackerland (Esch) bis zum Brinkdorp (niedrigere Wiesen mit Bauernhöfen um den Dorfplatz) in Erscheinung. Letzteres ist auch auf der Geest im benachbarten Emsland und in weiteren Geestgebieten des norddeutschen Tieflandes bis zu der Weser zu finden. Im Osten der Provinz Gelderland (Achterhoek) sind Eschdörfer nur kleine Weiler, in Noord-Brabant und Utrecht eher langförmig. Die Moorgebiete des Hochlandes wurden weitgehend kultiviert. Reihensiedlungen sind vorherrschend und im Osten der Provinzen Groningen (Veenkoloniën), in Drenthe und dem westlichen Teil des niederländisch-deutschen Grenzmoorgebietes, dem so genannten Bourtanger Moor, sehr ausgeprägt.

Auf deutscher Seite wurde dieses Moor zumeist erst viel später kultiviert, weshalb die alten Reihensiedlungen, wie Alte Picardie, zahlen- und flächenmäßig weniger wichtig sind als die niederländischen. In diesem Teil des Emslandes fand eine Kultivierung erst ab 1940 statt. Es ist eine Reihe von modernen Dörfern entstanden und mehr Moorflächen als auf der niederländischen Seite sind unkultiviert geblieben. Auch im Peelgebiet im Süden der Niederlande, auf der Grenze zwischen den Provinzen Limburg und Noord-Brabant, wurden erst im 20. Jahrhundert Dörfer modernen Stils (wie Ysselstein oder Vredepeel) errichtet.
Ungenannt blieb bisher noch die Kultivierung des Hochlandes Südlimburg. Dies ist ein fruchtbares Gebiet, das schon in vorrömischer Zeit als Agrarland genutzt wurde und aus vielen engen Haufensiedlungen besteht, die oft nur wenige Kilometer auseinander liegen. Stadt und Land Südlimburgs werden nach wie vor intensiv genutzt.

Tiefland und Dünen

Im Marsch und Tiefmoor des Tieflands im Westen und Norden der Niederlande sind Reihensiedlungen vorherrschend. Diese schon im Mittelalter entstandenen Marsch- und Moorhufensiedlungen verdeutlichen die seit dieser Zeit vorherrschenden starken Eingriffe auf die natürliche Umwelt des Landes. Die natürlich günstigeren Wohnplätze hinter den Dünen (Haarlem, Den Haag) und an den Flussmündungen (Leiden, Amsterdam) waren zum größten Teil schon belegt. Maßnahmen über die Dorfgrenzen hinweg – insbesondere bei der Wasserregulierung – waren für die Gründung dieser Reihensiedlungen im Marsch und Moor erforderlich. Von Anfang an orientierten sie sich nicht nur an der eigenen Gemeinschaft, sondern auch an der weiteren Umwelt. Sie erstreckten sich damals über den größten Teil des heutigen „Grünen Herzens” sowie über einen Teil der Provinzen Noord-Holland und Friesland. Allerdings ist ihre Zahl im „Grünen Herzen” zurückgegangen, weil das Moor nicht nur für die Landwirtschaft, sondern auch für die Torfgewinnung genutzt wurde.

Im Hochmoor bewirkte diese Tätigkeit meistens nur eine Senkung der Oberfläche und eine Mischung des Restmoors mit dem unterliegenden Sand. Im Tiefland wurde durch die Torfgewinnung jedoch der Grundwasserspiegel erreicht, wodurch – begünstigt durch Wellenschlag – aus diesen Tiefmoorflächen neue Seen entstanden. Sie existieren zum Teil heute noch und an der Form solcher Seen kann man oft noch die ehemaligen Langstreifenparzellen der Reihensiedlungen erkennen. Ein Beispiel dafür sind die Vinkeveense plassen und die Loosdrechtse plassen südöstlich von Amsterdam. Ganze Dörfer konnten durch die Torfgewinnung verschwinden, wie zum Beispiel Jakobswoude nordöstlich von Leiden.

An der Stelle dieses Dorfes kann man erkennen, was später manchmal mit diesen Seen passierte: sie wurden trockengelegt und ein neues Siedlungs- und Parzellenmuster wurde aufgebaut. Auf den Marschböden der Provinzen Zeeland, Friesland und Groningen sowie hinter den Dünen von Noord- und Zuid-Holland hatten sich – manchmal schon vor der Gründung der vorgenannten Reihensiedlungen – kleine Haufendörfer mit blockförmigen Parzellen gebildet. Auf den Marschböden liegen diese Dörfer meistens auf künstlichen Anhöhen, auf Deutsch Warften, in den Niederlanden meistens „terpen“ genannt.

Die Jungdünen sind heute weitgehend unbesiedelt. Nachdem sie wie die Altdünen teilweise landwirtschaftlich genutzt wurden – was allerdings wegen der geringen Fruchtbarkeit wenig intensiv war – trat ihre Funktion als Schutzgürtel gegen das Meerwasser immer stärker in den Vordergrund. Deswegen wurden Früchte und Bäume angepflanzt, die wegen ihrer Wurzelfestigkeit ein Abwehen des Sandes verhindern sollten. Heute werden die Dünen auch noch zur Nah- und Fernerholung, insbesondere durch Fahrradtourismus, und zur Trinkwasserversorgung genutzt. Die meisten Jungdünen sind wegen ihrer Empfindlichkeitnicht für die Öffentlichkeit zugänglich.

Landgewinnung und Auen

Schon seit ungefähr 1.000 Jahren wurden entlang der Küste von Zeeland, Nord-Holland, Friesland und Groningen dem Meer durch Deichanlagen Land abgewonnen. Im 16. und 17. Jahrhundert erlebt die Neulandgewinnung noch einmal eine neue Dimension. Die durch die Torfgewinnung entstandenden Seen breiteten sich immer weiter aus. Es wurde befürchtet, dass sie mit dem Meer (der Zuiderzee) in Verbindung kommen könnten, wodurch die Existenz ganz Hollands und Amsterdams bedroht wurde. So begann man die Seen langsam systematisch trocken zu legen.

Bei den Neukultivierungsgebieten kann man zwischen Kultivierung des 16./17. Jahrhunderts (insbesondere in Noord-Holland: Beemster, Schermer und Purmer), des 19. Jahrhunderts (Veenkolonien Groningen und Haarlemmermeer) und des 20. Jahrhunderts (IJsselmeerpolder, also Wieringermeer, Noordoostpolder und Flevoland sowie Peel) unterscheiden. Die Trockenlegung der Seen des 20. Jahrhunderts war erst durch die Einführung dampfgetriebener Pumpen möglich. Die Polder des 16. und 17. Jahrhunderts sind bis heute in ihrem klassizistischen Entwurf erhalten geblieben. Diese Art von Neulandgewinnung ist einzigartig auf der Welt. Nicht umsonst wurde der Polder Beemster inzwischen zum UNESCO Welterbe ernannt. Der Nordostpolder wurde nur wegen des Wiederstands der lokalen Bevölkerung nicht für die Weltkulturerbeliste der UNESCO nominiert.

Seit dem 21. Jahrhundert hat sich ein neuer Landschaftstyp in den Niederlanden entwickelt, die Auenlandschaften entlang der großen Flüsse. Viele Teile der Auen, sind um die Überschwemmungsgefahr zu vermindern, zum Teil erweitert worden. Die traditionell intensiv genutzten Weiden wurden danach zu wilden Naturlandschaften umgeformt.

Autor: Jan Smit
Erstellt: Januar 2004
Aktualisiert: September 2014, Dagmar Keim