III. Naturgeographie und humangeographische Bedeutung

Die NN+1m-Linie bildet in den Niederlanden die Trennungslinie zwischen dem sogenannten niederländischen Hoch- und Tiefland oder auch dem im Pleistozän bzw. Holozän geformten Teil des Landes. Im Tiefland bestehen die meisten Böden aus See- und Flussmarsch bzw. Tiefmoor. Das Tiefland wird durch holozäne Sanddünen vom Meer geschützt. Das Hochland im Osten und Süden des Landes hat hauptsächlich Geest- und Hochmoor-Böden, stellenweise Marsch (entlang der Rheinarme) und Löss/Lehm. Eine Sonderstellung im Hochland hat das weit höher liegende Südlimburg, das vor allem aus Lehm- und Lössböden und felsigen Oberflächen besteht.

Hochland

Die Geologie des Hochlandes ist unterschiedlich. Südlimburg hat wegen der großen Höhenunterschiede und Reliefwirkung eine Sonderstellung innerhalb der Naturlandschaften der Niederlande. Dieses Gebiet reicht nur bis zu dreißig Kilometer in die Niederlande und bildet landschaftlich eine der nördlichen Abhänge des Eifel- und Ardennenmassivs: Kreide- und Sandsteinablagerungen stammen aus geologischen Zeitperioden vor dem Pleistozän, insbesondere aus dem Tertiär. Zum Teil ist diese Landschaft als Hochebene gestaltet, die von Erosionstälern der Flüsse Maas und Geul durchzogen ist. Nach niederländischem Maßstab liegt Südlimburg (60 bis 320m über NN) sehr hoch.

Die weiteren Teile des niederländischen Hochlandes erstrecken sich in den Osten und Süden des Landes. Sie finden im benachbarten Münsterland, Emsland und Ostfriesland ihre Fortsetzung. Die meisten Teile sind im Pleistozän entstanden und erstrecken sich über die ganzen Niederlande. Allerdings sind sie im niederländischen Tiefland von jüngeren Erdschichten überlagert. Im nördlichen Teil des Landes, etwa bis zur Linie Haarlem–Nimwegen (auf deutscher Seite weiter über Kleve bis nach Xanten und danach sich in östliche Richtung ausdehnend) wurde das Hochland durch Eiswirkungen gestaltet, südlich dieser Linie durch Erosion und Ablagerungen der Flüsse Rhein und Maas. Im ganzen Norden und Osten haben sich in den niedrigeren Teilen Moore gebildet. Im heutigen Stromgebiet von Rhein und Maas bedecken holozäne Ablagerungen die pleistozänen Schichten. Die südlichen Flussablagerungen schließen im Süden an das tertiäre Hügelland Südlimburgs an, dehnen sich in östliche Richtung zum Niederrhein hin aus und im Westen zu den belgischen Provinzen Limburg, Antwerpen, Ost- und Westflandern.

Die letzten drei Provinzen wurden allerdings nicht von Rhein und Maas, sondern von Scheldeablagerungen gebildet. Zu Zeiten der Entstehung dieser Böden und der Bodengestaltung mündeten Rhein, Maas und Schelde nicht an den heutigen Stellen ins Meer, sondern – wegen der damals viel niedrigeren Meereshöhen – viel weiter nordwestlich, nahe der heutigen Doggersbank. Das Klima war viel kälter als heute, die Flüsse hatten eine viel größere Stromkraft und lagerten nicht nur Sand und Lehm, (wie üblich bei Tieflandflüssen), sondern auch Steine und Geröll ab. Diese pleistozänen Flussablagerungen im Osten und Süden Nordbrabants und in Nordlimburg sowie im Südosten von Zeeuws-Vlaanderen liegen heute zwischen 10 und 30m über dem Meeresspiegel. An niedrigeren Stellen sind hingegen Moorflächen entstanden, die manchmal, wie bei der „Peel” im Grenzgebiet der beiden Provinzen Limburg und Noord-Brabant, recht umfangreich sind.

In dieser Kälteperiode drangen die Eismassen aus dem Nordpolgebiet in südliche Richtung vor. Für die Zeit des Pleistozäns wurden insgesamt vier Kälteperioden festgestellt, die jeweils von wärmeren Zeitperioden abgewechselt wurden. Während der Kälteperioden drang nicht nur das Eis aus dem Nordpolgebiet in den Süden vor, auch die Vergletscherung der Hochgebirgsregionen – für Deutschland ist davon das Alpengebiet von Bedeutung – breitete sich aus. Im Süden Deutschlands, insbesondere im Alpenvorland von Bayern und Baden-Württemberg, breiteten sich die Alpengletscher bis in die Flusstäler aus. Die Nordpolgletscher, die sich weniger über die Flusstäler ausdehnten, sondern als geschlossene Landeisflächen immer stärker in den Süden wanderten, erreichten Norddeutschland zweimal, die Niederlande hingegen nur einmal. Die vorletzte Eiszeit, die so genannte Saal-Eiszeit, drang nur bis zur Hälfte der Niederlande vor und endete an der bereits genannten Linie Haarlem-Nimwegen. Die letzte so genannte Weichseleiszeit gelangte bis nach Schleswig-Holstein, ins nördliche Niedersachsen und bis nach Mecklenburg-Vorpommern. Den Norden der Niederlande erreichte sie jedoch nicht mehr. Die Niederlande wurden im Pleistozän folglich nur zur Hälfte vom Eis der Saal-Eiszeit überrollt.

Während der größten Ausdehnung des Eises gab es bis zur Linie Den Helder–Almelo eine geschlossene Eisdecke, südlich davon konzentrierte sich das Eis in bereits existierenden Tälern. Hier drückten die Gletscher die Sand- und Kiesmassen an beiden Seiten der Täler in die Höhe, wodurch sich die sogenannten Stauchmoränen bildeten. Nordwärts hatten diese früher auch existiert, wurden jedoch durch die heranrückenden Eismassen eingeebnet. Mit den aus dem Norden heran gleitenden Eismassen wurde auch Gestein aus Skandinavien mitgeführt. Es ist überall im Norden der Niederlande in Form von Findlingen und kleinerem Geröll wiederzufinden.

Durch die Eisbedeckung entstanden von Süd nach Nord folgende Naturlandschaften:

  • In den Provinzen Utrecht, Gelderland und Overijssel die Nord-Süd-Stauchmoränen (Utrechtse Heuvelrug: bis 20m über NN, Veluwe: bis über 100m über NN, Rijk van Nimwegen: bis 80m über NN, Sallandse Heuvelrug: bis 70m über NN)
  • Kleinräumige Sander (Eisschmelz- und Moorflächen zwischen den Stauchmoränen)
  • Endmoränen im Nordosten: Flächen mit niedrigen Hügelreihen (12 bis 25m über NN), z.B. Hondsrug und als Endmoräneninsel im Holozän (Gaasterland, Wieringen, Texel)
  • Hochmoore (Bourtanger Moor) und anmoorige Flächen (Achterhoek) (10 bis 20m über NN) die zwischen den Endmoränenflächen entstanden sind.

Im Hochland sind nicht nur pleistozäne, sondern auch holozäne Ablagerungen vorhanden. Die schon genannten Moorablagerungen wurden zum Teil im Holozän gebildet. Des Weiteren wurden nach der letzten Kälteperiode, also in der Frühzeit des Holozäns, Decksand- und Lößschichten abgelagert. Die Sandschichten überdecken die meisten Teile, Löss nur in unmittelbarer Nähe des Mittelgebirgsvorlandes. Außerdem entstanden im Holozän in der Nähe der Abflussgebiete von Rhein und Maas leichte und schwere Tonschichten und kleinräumige Moore. Entlang der Maas entstanden sie nördlich von Sittard, sie sind hier nur ein bis zwei Kilometer breit. In der Mitte des Landes, entlang der Rheinarme, erreichten diese Schichten von Gorinchem bis zur deutschen Grenze eine Breite von bis zu 20 Kilometer. Weil auch im benachbarten Deutschland der Rhein ein Tieflandfluss ist, setzt sich diese Zone dort noch bis Köln fort.

Tiefland und Dünen

Im Tiefland treten fast nur holozäne Ablagerungen an die Oberfläche. Sie sind nicht wie im Hochland von Ablagerungen durch Eis- oder Flussauswirkungen, sondern von Meeresablagerungen geprägt worden. Nach der letzten Saal-Kälteperiode stieg der Meeresspiegel und rückte die Küste aus dem Nordwesten wieder in Richtung der heutigen niederländischen Küste – etwa zehn Kilometer pro Jahrhundert. Vom Meer wurden zuerst sandige Bestandteile auf der pleistozänen Geest abgesetzt, weiter landeinwärts feinkörnigere Marsch. Vorher hatte sich, bedingt durch den vom heranrückenden Meer aufsteigenden Grundwasserspiegel, schon Moor abgelagert. Mit der nach Osten verlagerten Küste verschwanden manche dieser Schichten durch Meeresüberspülung wieder. Auch lagerten sich wieder neue Schichten ab. Heute können wir von West nach Ost folgende Böden unterscheiden:

  • Jungdünen am Meeresrand. Sie übersteigen das Tiefland und reichen bis fast + 60 m NN
  • Altdünen oder Strandwälle hinter den Jungdünen
  • Alt- und Jungmarschschichten
  • Alte und junge Tiefmoorschichten
  • Pleistozäne Restgebiete
  • Polder

Die Jungdünen sind nicht älter als zwei Jahrtausende. Sie wurden durch den Westwind zusammen mit Sandablagerungen entlang der Küste zwischen dem französischen Dünkirchen und dem dänischen Kap Skagen im Norden Jüttlands gebildet. In mehreren Reihen in Richtung Nordost-Südwest aufgebaut, erreichen die Jungdünen eine Breite von 5 Kilometern (wie zum Beispiel zwischen Scheveningen und IJmuiden), an anderen Stellen sind sie bis auf eine Reihe eingeschrumpft, wie südlich von Den Haag. Im Laufe der Zeit wurden diese Dünen an mehreren Stellen durchbrochen, wie in der Provinz Zeeland und dem anschließenden Teil Südhollands. Hier haben die Flüsse Rhein, Maas und Schelde im Mündungsgebiet ihren Weg durch die Dünen gefunden. Das niederländische, deutsche und dänische Wattenmeer entstand durch Durchbrüche vom Meer und Flüssen. Die Dünen erreichen an den breitesten Stellen eine Höhe von mehr als 50 Metern, die schmalen Streifen übersteigen manchmal nicht einmal die Grenze von 10m über NN. In den Niederlanden finden wir diese Dünen fast ohne Unterbrechung zwischen Hoek van Holland und Den Helder, im Südwesten sind sie von den Flussmündungen unterbrochen und im Norden bei den Wattenmeerinseln.

Hinter diesen jungen Dünen liegen die Reste der Altdünen oder Strandwälle. Sie sind erheblich niedriger, liegen ebenfalls in Richtung Nordost–Südwest und werden oft von kleinrahmigen Moorgürteln unterbrochen. Ursprünglich waren überall dort Altdünen vorhanden, wo auch Jungdünen sind, jetzt sieht man sie meistens in einem mehr oder weniger breiten Gürtel hinter den Jungdünen. Gleich östlich des Strandwallgürtels bildete sich ursprünglich ein ausgedehntes Marschgebiet, entstanden durch immer wieder zurückkehrende Überschwemmungen. Sie kamen in allen Teilen des Landes vor, die einmal vom Meerwasser überflutet waren, und reichen bis zum Hochland. Grob gesagt handelt es sich dabei um sämtliche Seeprovinzen (Zeeland, Zuid- und Noord-Holland, Friesland und Groningen). Allerdings sind wichtige Teile dieser Seemarsche von Moorschichten überlagert, die in den flachfeuchten Stellen an mehreren Orten entstehen konnten. Dieses Tiefmoor breitete sich insbesondere in den mittleren Teilen der Provinzen Noord- und Zuid-Holland sowie an den Geesträndern von Friesland und der Provinz Groningen aus. Schließlich bildeten die Flüsse zwischen den Tiefmoorgebieten Hollands und den pleistozänen Ablagerungen ausgedehnte Flussmarschzonen.

Autor: Jan Smit
Erstellt: Januar 2004
Aktualisiert: September 2014, Dagmar Keim