Geographie der Niederlande: I. Einführung

Die Geografie der Niederlande wird vor allem durch zwei Faktoren bestimmt: die Lage im Rhein-Maas-Schelde Delta und die hohe Bevölkerungsdichte des Landes. Mehr als die Hälfte des Landes liegt unter dem Meeresspiegel. Der jahrtausendealte Kampf gegen Überschwemmungen hat eine Landschaft von Deichen und Dämmen, Poldern, Gräben, Schleusen, Brücken etc. hinterlassen. Angesichts des weltweiten Klimawandels, mit zunehmenden starken Regenfällen, hohen Hochwasserständen in den Flüssen und dem steigenden Meeresspiegel, wird dieser Kampf gegen das Wasser auch in der Zukunft eine große Herausforderung für die Niederlande bleiben.

Die „gefährliche“ Lage an der Mündung des Rheins, der Maas und der Schelde ist jedoch gleichzeitig die Basis des wirtschaftlichen Wachstums der Niederlande. Es entwickelten sich Hafenstädte, die in der Geschichte Europas eine bedeutende Rolle spielten und spielen.

Die Niederlande ist ein stark verstädtertes Land. Im Jahr 2011 wohnten ungefähr neun Millionen Einwohner innerhalb oder in der unmittelbaren Nähe der größten Ballungsgebiete der Niederlande.

Das ist bei einer Bevölkerung von 16,8 Millionen Einwohnern mehr als die Hälfte der Bevölkerung.

Die Städte sind vor allem in den letzten 50 Jahren enorm gewachsen. Um dieses Expansionsstreben der Städte zu lenken, hat sich in den Niederlanden eine starke, zentralistisch gesteuerte Raumplanung entwickelt, die für die heutige typische räumliche Struktur der Niederlande verantwortlich ist. Diese kann als ein Netzwerk von kompakten Städten beschrieben werden, die zum großen Teil, innerhalb städtischer Ballungsgebiete liegen. Diese Ballungsgebiete sind von ländlichen, sehr unterschiedlichen landschaftlichen Regionen umgeben.

Das größte und wirtschaftlich bedeutendste Ballungsgebiet der Niederlande liegt im Westen des Landes, die „Randstad“, „Randstad Holland“ oder „Deltametropool“ genannt. Dieses Gebiet zählt neben Paris und London – zusammen mit den Ballungsräumen Brüssel-Antwerpen-Gent und dem Rhein-Ruhrgebiet – zu einem der ökonomisch wichtigsten städtischen Ballungsgebiete in Nordwest-Europa.

Hier befinden sind einige der wichtigsten kulturellen, politischen, wirtschaftlichen und demografischen Zentren der Niederlande. Symptomatisch für die Bedeutung der „Randstad“ ist, dass sich fast die Hälfte der Niederländischen Universitäten, die Regierungshauptstadt und der internationale Gerichtshof (Den Haag) innerhalb der „Randstad“ angesiedelt haben.

Die Begrenzung der „Randstad“ ist geografisch nicht eindeutig festzulegen. Es ist eine polyzentrische Struktur, die Teile der Provinzen Nord- und Südholland, Utrecht und Flevoland umfasst. Hier befinden sich mit Amsterdam, Rotterdam, Den Haag und Utrecht die größten Städte des Landes.

Wirtschaftlich ist außerhalb der „Randstad“ noch die Region Nord-Brabant von großer Bedeutung für die Niederlande. Zusammen mit Nord- und Südholland werden hier mehr als 55 Prozent der Niederländischen Exportprodukte hergestellt. Mehr als 70 Prozent der in den Niederlanden getätigten ausländischen Firmen sind hier angesiedelt.

Seit einigen Jahren befinden sich die Niederlande in einer Wirtschaftskrise. Um das Land international wieder konkurrenzfähig zu machen, hat das Kabinett in 2012 beschlossen, die zwölf „Topsektoren“ des Landes besonders zu fördern. Dies sind die Sektoren, von denen man annimmt, dass sie zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage des Landes beitragen können: der Gartenbau, Logistik, Wasserwirtschaft, Hochtechnologie, Kreativwirtschaft, Energie, Chemie und Nahrungsmittel. Von diesen Sektoren gehören der landwirtschaftliche Sektor, die Lebensmittel- und die chemische Industrie, der Energie- und der logistische Bereich zu den wichtigsten fünf in Europa.

Räumlich sind diese „Topsektoren“ über die gesamte Niederlande verteilt. Sie konzentrieren sich vor allem auf den Hafen von Rotterdam, den Flughafen Schiphol, den Brain Port Südostniederlande, den Green Ports Venlo, Westland-Oostland, Aalsmeer, Noord-Holland Noord und Boskoop sowie das Blumenzwiebelanbaugebiet, den Energiehafen in Groningen, das Food Valley in Wageningen, das Health Valley in Nimwegen, das Maintenance Valley in West- und Midden Brabant, den Utrecht Science Park und die Nanotechnologie in Twente und Delft. Das Augenmerk der Politik richtet sich heute vor allem darauf, diese Sektoren – unter anderem durch die Raumpolitik – zu fördern. Damit wurde der frühere Kurs, der auf die Entwicklung von städtischen Netzwerken ausgerichtet war und die Formung einer „Randstadregion“ als besonderen Schwerpunkt hatte, aufgegeben.

Autor: Jan Smit
Erstellt: Januar 2004
Aktualisiert: September 2014, Dagmar Keim