Rezension

Wir waren zu sehr damit beschäftigt gewesen zu zeigen, daß wir die Besten waren“, wird Oranje-Verteidiger Ruud Krol in Auke Koks Buch 1974.[1] Wij waren de besten zitiert. Die Besten – dass das bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland nur das Oranje-Team um Kapitän Johan Cruijff gewesen sein konnte, daran bestand für die meisten Niederländer in den vergangenen drei Jahrzehnten kein Zweifel. Kein Zweifel wurde auch daran geäußert, dass der Endspielgegner Bundesrepublik Deutschland nur mit unfairen Mitteln den Titel errungen hat, der normalerweise an die Niederlande hätte gehen müssen. Der Journalist Kok hat 30 Jahre nach der für die Niederlande so bittersüßen WM einen Bestseller publiziert, der noch mal das gesamte WM-Geschehen von der Vorbereitung von Cruijff & Co. bis zum begeisterten Empfang des Vizeweltmeisters in der Heimat nachzeichnet. Er konzentriert sich neben dem niederländischen besonders auf das bundesdeutsche Team, das als amtierender Europameister als Mitfavorit auf den WM-Titel ins Turnier gegangen war. Bei seinen Recherchen hat Kok ehemalige niederländische und deutsche Spieler beziehungsweise Trainer wie Arie Haan, Rinus Michels, Wolfgang Overath und Bernd Hölzenbein interviewt. Auch mit beteiligten Journalisten aus beiden Ländern hat er gesprochen. Anhänger beispielsweise der 1974 so hervorragenden polnischen Mannschaft oder diejenigen, die besonders das deutsch-deutsche Duell im Auge haben, werden wegen der Fokussierung auf die Rivalen aus der Bundesrepublik und den Niederlanden etwas zu kurz kommen.

Rückblende. Am 18. November 1973 qualifizieren sich die Niederlande erstmals seit 1938 wieder für eine WM-Endrunde, und das nur dank der im Vergleich zum Gruppengegner Belgien besseren Tordifferenz. Fast hätte noch in letzter Minute ein belgischer Treffer in Amsterdam die lange Reihe der gescheiterten Qualifikationsversuche verlängert. Doch das belgische Tor wird vom russischen Schiedsrichter nicht gegeben – zu Unrecht, wie Auke Kok schreibt. Und er wird in seinem spannend geschriebenen und gut recherchierten Buch noch mehrmals ein „zu Unrecht“ hören lassen.

Der Oranje-Kader reist am 12. Juni 1974 per Bus zur WM-Endrunde über die niederländisch-deutsche Grenze. ‚Basislager‘ wird das Hotel Krautkrämer im damals kurz vor der Eingemeindung nach Münster stehenden Hiltrup. Obwohl die Vereinsmannschaften Ajax und Feyenoord in den Jahren ab 1970 einen Europapokal nach dem anderen gewonnen haben, sind die Erwartungen an das Team von ‚Supervisor‘ Rinus Michels, der zeitgleich den FC Barcelona trainiert, nicht gerade hochgespannt. Dafür hat die Geschichte der niederländischen Nationalmannschaft bis dahin entschieden zu wenige Höhepunkte gekannt, wie Kok zurecht noch mal vor Augen führt.

Eine Wohltat für die niederländische Spielerseele sind die 25.000 meist spontan nach Hannover gereisten Oranje-Fans, die das Auftaktmatch ihrer Mannschaft am 15. Juni im Niedersachsenstadion gegen Uruguay sehen. Cruijff & Co. haben nicht annähernd mit so vielen Fans gerechnet. Die werden für ihr Kommen belohnt, sehen eine niederländische Nationalmannschaft, die den Gegner schwindelig spielt und ihn mit einem 2:0 noch ziemlich gnädig davonkommen lässt. Einem sparsamen 0:0 gegen Schweden folgt wieder ein überzeugender 4:1-Erfolg mit niederländischem ‚totaalvoetbal‘ gegen das hoffnungslos unterlegene Bulgarien.

Während die Niederlande angesichts ihrer herzerfrischend abwechslungsreichen Offensivspielweise auch in der deutschen Presse als Titelfavorit gehandelt werden, enttäuscht die Mannschaft des WM-Gastgebers zu Beginn des Turniers. Die Bundesrepublik Deutschland muss sich nach dem mageren 1:0 gegen Chile und dem 3:0-Sieg über Australien vom eigenen Publikum auspfeifen lassen. Während bei den niederländischen Vorrundenspielen ein ‚Oranjegevoel‘ entsteht, hat die Animosität des deutschen Publikums gegen das Spiel seiner Mannschaft zur Folge, dass Kapitän Franz Beckanbauer sich dazu hinreißen lässt, in Richtung Tribüne zu spucken. Das Team von Trainer Helmut Schön hat sich zwar vorzeitig für die Zweite Finalrunde qualifiziert, doch spätestens beim 0:1 im Prestigespiel gegen den kleinen sozialistischen Bruder DDR am 22. Juni im Hamburger Volksparkstadion wird klar: So kann der Gastgeber alle Hoffnungen auf den Titel begraben. Laut Paul Breitner, damals mit seinen 22 Jahren einer der Jüngsten der Auswahl, hat sich das 0:1 als eine der wichtigsten und positivsten Niederlagen in der Geschichte des DFB (Deutscher Fußball-Bund) herausgestellt, „weil wir ohne diese Niederlage niemals Weltmeister geworden wären.“[2] Nach dem Match reißt Franz Beckenbauer die Initiative an sich, und nun erst bildet sich eine richtige Mannschaft.

Deutsche Fußballfreunde können sich zu dem Zeitpunkt fürs niederländische, nicht fürs deutsche Spiel begeistern. Oranje-Fans, die eine deutsche Kneipe betreten, werden anerkennend beklatscht, weiß der Autor zu berichten. Die siegreiche Mannschaft wird bei ihrer Rückkehr ins Mannschaftshotel von freundlichen Hiltrupern erwartet. Und das Team des ganz im Gegensatz zum DFB WM-unerfahrenen KNVB (Koninklijke Nederlandse Voetbalbond) kann in der Zweiten Finalrunde die Begeisterung noch steigern. Zuerst wird Argentinien beim 4:0 in Gelsenkirchen nicht der Hauch einer Siegchance gelassen. Dann wird die nach dem Sieg gegen die Bundesrepublik sowieso schon saturierte DDR mit einem 2:0 nach Hause geschickt. Schließlich heißt es am 3. Juli mit einem überragenden Regisseur Cruijff auch gegen den amtierenden Weltmeister Brasilien 2:0.

Einen Tag zuvor hat die Bild-Zeitung einen Artikel mit der Überschrift Cruyff, Sekt, nackte Mädchen und ein kühles Bad veröffentlicht. Cruijff, Rob Rensenbrink, Piet Schrijvers und Pleun Strik sollen danach mit „drei knusprige[n] Mädchen“ sowie einigen Sektflaschen bis in die Morgenstunden nackt im Hotelbad „fröhliche[..] Wasserspiele“[3] veranstaltet haben. Und damit kommen wir zu dem, was Auke Koks Buch – das von April 2004 bis September 2005 beachtliche vier Auflagen erlebt hat – besonders interessant macht. Kok, 1974 achtzehn Jahre alt geworden, schaut genau hin, stellt bisher in niederländischen Augen als unumstößliche Wahrheiten erscheinenden Ansichten und Aussagen anderes entgegen. Das wird denen, die noch vom eigenen Erleben des 74er Endspiels traumatisiert sind, und denen, die überkommene Ansichten vertreten, oftmals nicht gefallen. Den Bild-Beitrag bezeichnet Kok als „auf jeden Fall bis zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts [...] meistzitierten und im Verhältnis am wenigsten gelesenen Zeitungsartikel in der niederländischen Sportgeschichte.“ Rinus Michels stellt den Artikel während der WM als deutsches Pressemachwerk dar, das bewusst gegen die Niederlande, den möglichen deutschen Finalgegner, lanciert worden sei und eine Kriegserklärung bedeute. Er reagiert darauf unter anderem damit, dass er auf den WM-Pressekonferenzen nicht mehr Deutsch redet. Johan Cruijff spricht der Berichterstattung jeglichen Wahrheitsgehalt ab. Auke Kok aber merkt kritisch an, dass von seiten niederländischer Journalisten so gut wie nicht nach den wahren Begebenheiten gefragt worden ist. Das Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen Spielern und Presse im niederländischen Lager war dafür nach Koks Darstellung schon zu tief. Als jetzt von deutscher Seite Schmutz über Teile dieser niederländischen Einheit ausgekippt wurde, richteten sich alle dagegen und hatten ihr (deutsches) Feindbild. Das war genau das, was Rinus Michels hatte bewirken wollen, und dank der zahlreich vorhandenen niederländischen Vorurteile gegenüber dem großen Nachbarn wurde dieses Ziel umso leichter erreicht. Der Autor demonstriert: Nicht die Schwimmbadgeschichte war erfunden, sondern die deutsche Kampagne gegen Oranje existierte nicht.

Während die Niederlande spielerisch begeistern, findet auch die deutsche Mannschaft zu ihrer Form. Nach einem wenig aufregenden 2:0 gegen Jugoslawien kämpft die deutsche Nationalmannschaft Schweden mit 4:2 Toren nieder. Jetzt muss mindestens ein Unentschieden gegen die starken Polen her. Die Bundesrepublik geht aus der ‚Regenschlacht‘ im Frankfurter Waldstadion dank einem späten Treffer von Gerd Müller als Sieger hervor und ist fürs Münchner Endspiel am 7. Juli 1974 qualifiziert. Als Finalgegner steht nach dem 2:0 gegen Brasilien definitiv das Oranje-Team fest.

Zweckmäßigkeit und Schönheit treffen im Endspiel im Münchener Olympiastadion aufeinander. Und das vor den Augen der Welt, in Anwesenheit zahlreicher Prominenter, darunter aus den beiden teilnehmenden Ländern Prinz Bernhard, Walter Scheel, Helmut Schmidt und Joop den Uyl. Dieses Finale ist die zweite Station, an der Kok mit klarem Blick Urteile, die sich in den Köpfen festgefressen haben, revidieren kann. Bereits in der zweiten Spielminute gelingt es den Niederländern, durch einen Elfmeter in Führung zu gehen. Zu dem Zeitpunkt hat noch kein deutscher Spieler den Ball berührt. Auke Kok hat sich nicht nur die bekannten Fernsehbilder angeguckt und kommt zu dem Schluß: Das Foul von Uli Hoeneß an Cruijff ist vor der Strafraumgrenze erfolgt. Johan Neeskens hätte mithin gar nicht schießen dürfen.

24 Minuten später – die Niederländer haben inzwischen statt ein weiteres Tor zu schießen den Ball hin- und hergespielt und damit ungewollt den deutschen Widerstandswillen angestachelt – fällt zuerst Bernd Hölzenbein, dann durch den Elfmeter von Breitner der Ausgleich. Für Niederländer war Hölzenbeins Fall immer ganz klar eine ‚Schwalbe‘. Der Mann ist nicht zu Fall gebracht worden, er hat sich fallen lassen – ein typisch deutscher Betrug! Wie wichtig die ‚Schwalben‘-Frage in den Niederlanden nach 1974 geblieben ist, zeigt zum Beispiel der Beitrag von Simon Kuper in der sehr lesenswerten, teils auch recht amüsanten zweisprachigen Ausgabe der Zeitschrift Hard gras von Juni 2004.[4] In diesem Band wird klar, wie emotional viele Niederländer mit dem Verlust des teilweise mit einem Weltkrieg gleichgesetzten Endspiels umgehen und wie schlimm es für sie sein muss zu merken, dass Deutsche den WM-Sieg 74 – im Gegensatz zum ‚Wunder von Bern‘ 20 Jahre zuvor – relativ indifferent betrachten. Auke Kok kann die in den Niederlanden weitverbreitete Auffassung, dass der deutsche Sieg tatsächlich eine Freveltat gewesen sei, nicht stehen lassen. Es gab nach Koks Ansicht tatsächlich eine leichte Berührung durch Wim Jansen – was von dem immer bestritten worden ist –, deren Effekt Hölzenbein übertrieben hat. Kok spricht von einer deutschen Dominanz in Teilen des Endspiels und stellt den von niederländischer Seite oftmals so geschmähten deutschen 2:1-Siegtreffer von Gerd Müller (nach einer Bonhof-Vorlage)[5] als Lohn harter Trainingsarbeit dar. Schließlich weist er sogar darauf hin, dass es für die DFB-Auswahl 4:1 hätte stehen können, wenn das Schiedsrichtergespann besser aufgepasst hätte: Ein reguläres Müller-Tor sei zu unrecht aberkannt worden und einen Elfmeter habe Schiedsrichter Jack Taylor den Deutschen vorenthalten – eine Darstellung, die manchem Niederländer als zu deutsch erscheinen könnte.

Mit Auke Kok können wir jedenfalls feststellen: Die Niederländer waren im Endspiel nicht die Besseren. Oranje hatte zwar im Gegensatz zur deutschen Nationalmannschaft in den begeisternden Spielen bis zum Finale Millionen Sympathisanten hinzugewonnen, das Endspiel selbst aber war ein Match zuviel gewesen. Wie die niederländische Mannschaft hat auch Koks Buch eine Menge Sympathien verdient. Es ermöglicht einem breiten sport- und geschichtsinteressierten Publikum einen erfrischend kritischen Blick hinter die Kulissen eines sportlichen Weltereignisses, das zu einem Stück deutsch-niederländischer Geschichte geworden ist.


[1] Kok, 1974. Wij waren de besten, Amsterdam 2004, S. 338.
[2] P. Breitner in W. Biereichels Dokumentarfilm Der Triumph von München aus dem Jahr 2004.
[3] Vgl. A. Hiller, Cruyff, Sekt, nackte Mädchen und ein kühles Bad, in: Bild, 02.07.1974, S. 5.
[4] Vgl. S. Kuper, Hong Kong Memories, in: Zij waren beter. Hard gras 39 (2004); M. van Nieuwkerk u.a. (Hrsg.), Der Rauch vieler Jahre. Deutsch-holländische Wahrheiten über das WM-Finale 1974, Amsterdam/Göttingen 2004, S. 7–16.
[5] Kok läßt Rainer Bonhof auf S. 136 seines Buches irrtümlicherweise in den Niederlanden auf die Welt kommen. Tatsächlich ist Bonhof gebürtiger Emmericher. Durch seinen niederländischen Vater hat er bis 1970 die niederländische Staatsbürgerschaft besessen. Mehr über Bonhof und zahlreiche andere Niederländer und Deutsche, die im jeweiligen Nachbarland gespielt/trainiert haben oder dies noch tun, Mitte 2006 in meinem Buch mit dem Titel Kicken beim Feind? Der ganz alltägliche Frieden hinter dem deutsch-niederländischen Fußballkrieg. Während die deutsch-niederlän­dischen Länderspielbegegnungen teilweise von einer feindseligen Stimmung geprägt wurden, herrschte bei der Zusammenarbeit in den Vereinen nach Walstra und Köster ein „unaufgeregte[r] Alltag“. H. Walstra/P. Köster, Die Erzrivalen, in 11 Freunde 35 (2004), S. 32–35, hier S. 35.

Autor: Ingo Schiweck
Erschienen: Jahrbuch 16,  2005, Zentrum für Niederlande Studien