Freizeit - Kurzbeitrag



"Zimmer frei”? – Deutsch-niederländische Urlaubsbegegnungen


”Empfangt die Deutschen freundlich. Lasst sie gut und reichlich trinken und seid vor allem nicht kleinlich, wenn die Damen und Herren gemeinsam baden wollen”, ermahnte 1953 der Generalvertreter der ”Allgemeinen Niederländischen Vereinigung für Fremdenverkehr (ANVV)” Vertreter der fünf niederländischen Watteninseln. Gastfreundschaft war acht Jahre nach Kriegsende noch nicht selbstverständlich, insbesondere wenn – wie beim gemeinsamen Schwimmen – Gepflogenheiten der Gäste nicht mit den eigenen Moralvorstellungen übereinstimmten.

Bereits Ende der vierziger Jahre setzten wechselseitige Urlaubsbesuche wieder ein. Durch den wirtschaftlichen Aufschwung in den fünfziger Jahren konnten sich immer mehr Niederländer und Deutsche einen Urlaub leisten, auch die bis Ende 1953 bestehende Visumspflicht hielt davon nicht ab. Die Niederlande schufen neue Ausflugsziele wie den 1949 eröffneten Keukenhof. Mit derartigen Attraktionen warb die Tourismusbranche gezielt um deutsche Besucher – mit Erfolg. So vermeldete die Niederländische Fremdenverkehrszentrale 1959 einen Rekordanstieg deutscher Übernachtungen von 800.000 auf knapp eine Million innerhalb des letzten Jahres. Eine ähnliche Reiselust packte die Niederländer ihrerseits in Richtung östliches Nachbarland. Während 1950 erst knapp 200.000 Übernachtungen von Niederländern in der Bundesrepublik Deutschland zu verzeichnen waren, verdreifachten sich diese bis 1953 und stiegen bis 1955 auf über eine Million.

"Liebe Landsleute, benehmt Euch im Ausland"

Deutsch-niederländische Urlaubsbegegnungen waren – insbesondere Anfang der fünfziger Jahre – noch stark geprägt durch die leidvollen Erfahrungen der Niederländer während der Besatzungszeit. So berichtete die niederländische Presse 1952 von einer ”Invasion” deutscher Touristen zum 1. Mai. Viele deutsche Besucher wussten nicht, dass die Tulpenblüte, derentwegen sie die Niederlande besuchten, mit den niederländischen Gedenk- und Befreiungsfeiern am 4./5. Mai zusammenfällt. An diesen Gedenktagen erwarteten die Niederländer eine ausgeprägte Rücksichtnahme und ein besonderes Schuldbewusstsein von deutschen Touristen. Im Mai 1954 sorgte eine Plakat- und Flugblattaktion für besonderes Aufsehen: Einige Niederländer fühlten sich durch die Besuche der Deutschen verletzt und demonstrierten dies durch Plakate mit dem deutschen Slogan ”Deutsche nicht erwünscht” – in Anlehnung an die nationalsozialistische Parole ”Juden nicht erwünscht”. Sie versahen deutsche Autos mit Aufklebern ”Heim ins Reich”, griffen also die nationalsozialistische Losung, die den Anschluss früherer deutscher Gebiete ans Deutsche Reich forderte, im umgekehrten Sinne auf, um die Deutschen zurückzuschicken. Der Amsterdamer Korrespondent des Nordwestdeutschen Rundfunks berichtete, ”das geräuschvolle und zuweilen auch taktlose Auftreten von Deutschen in Läden und Restaurants und nicht zuletzt das laute Sprechen in deutscher Sprache (habe) den Durchschnittsholländer gereizt“. Die deutsche Presse reagierte prompt. Zahlreiche Beiträge wiesen mit Überschriften wie ”Liebe Landsleute, benehmt Euch im Ausland” darauf hin, dass unangemessenes Auftreten dem Ansehen der Bundesrepublik Deutschland schade. Für die deutsche Tourismusbranche war diese mangelnde Sensibilität Anlass, ab Ende 1954 ”Allgemeine Richtlinien zum Verhalten im Ausland” über Reisebüros zu verteilen, in denen sie von einem Besuch der Niederlande während der ersten Maiwoche abrieten.

Die niederländische Tourismusbranche hingegen verstärkte ihre Werbung, da sie durch den Touristenschwund hohe Devisenverluste befürchtete. Pensionen und Privatpersonen stellten Schilder mit der deutschen Aufschrift ”Zimmer frei” in ihre Fenster und Gärten – um deutschen Gästen zu signalisieren, dass sie willkommen waren. Hinter vorgehaltener Hand allerdings wurde das Werben um deutsche Urlauber oftmals als „Kollaboration“ kritisiert.

Favoriten

Ratschläge und Ablehnung konnten jedoch die Reiselust der Deutschen nicht dämpfen: Ihre bevorzugten Reiseziele sind neben Tulpenfeldern, Watteninseln und IJsselmeer noch immer Städte wie Amsterdam, Den Haag, Rotterdam oder Utrecht. Da der Konsum weicher Drogen in den Niederlanden geduldet wird, zieht es manchen deutschen Urlauber nicht nur zu den Sehenswürdigkeiten, sondern auch in die Coffieshops. Absolute Spitzenreiter waren und sind jedoch die Badeorte an der Nordsee. Die vormals exklusiven Bade- und Kurorte entwickelten sich nach 1945 zu beliebten Familienurlaubsorten. Seit den siebziger Jahren erweitern zahlreiche neu errichtete Ferienbungalow-Anlagen das Angebot in Friesland und Zeeland. Seit Jahrzehnten sind die Deutschen die größte Urlaubergruppe in den Niederlanden. So kamen 1998 von insgesamt 9,3 Millionen Touristen 2,7 Millionen aus Deutschland, davon 21 Prozent aus dem nahe gelegenen Nordrhein-Westfalen – eine wichtige Einnahmequelle für den niederländischen Tourismus.

Umgekehrt übt Deutschland auf die Niederländer eine große Anziehungskraft aus: So stand es 1999 als europäisches Reiseziel für die Niederländer direkt hinter Frankreich an zweiter Stelle. Jeder zehnte europäische Reisegast in Deutschland ist ein Niederländer. Aufgrund der geografischen Nähe sind insbesondere Kurzurlaube beliebt.

Bevorzugte Ziele sind nach wie vor die schnell erreichbare Eifel, die deutschen Mittelgebirge – zum Beispiel der Harz oder der Schwarzwald – und Oberbayern. In der Wintersaison reisen Niederländer gerne in die Skigebiete, zum Beispiel für einige Tage nach Winterberg im Sauerland. Bei schönem Wetter bleiben Schiffsreisen auf Rhein, Main, Mosel oder Neckar entlang der Weindörfer attraktiv. Besonderer Magnet ist immer noch Königswinter mit dem ”höchsten Berg der Niederlande”, dem Drachenfels.

Sandburg und Wohnwagen

Klischees und Stereotypen prägen die deutsch-niederländischen Urlaubsbegegnungen. In den Köpfen der Niederländer baut der Deutsche Sandburgen am Strand und trotzt in einer gelben Regenjacke Wind und Wetter. Der Anspruch, sich während des gesamten Urlaubs möglichst in die gleiche festungsartige Sandgrube zu legen, ruft bei vielen Niederländern Befremden hervor. Die Werbeindustrie greift dieses Klischee immer wieder gerne auf. So geriet der niederländische Internet-Anbieter Scoot mit einem antideutschen Fernsehspot, in dem ein Deutscher am niederländischen Strand nach einer Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg gräbt, in die Schlagzeilen.

Auch die Deutschen haben ihrerseits ein ganz spezifisches Bild von ihren niederländischen Gästen. Hierzu gehören niederländische Wohnwagen auf deutschen Autobahnen während der Sommermonate, oft auf der Durchreise Richtung Süden. Mit 1,46 Wohnwagen pro 1000 Einwohnern im Jahre 1996 belegen die Niederländer weltweit den Spitzenplatz unter den Wohnwagenbesitzern. Ein anderes Urlaubsklischee machte sich der Elektro-Großhandel Media-Markt zu Nutze, indem er in einem Fernsehspot eine niederländische Familie an der A20 picknicken ließ und sich der vermeintlichen Sparsamkeit der Niederländer bediente. Als Indiz dafür gelten mitgebrachte Lebensmittel, die zugleich das Festhalten an Vertrautem dokumentieren – ebenso wie der Wohnwagen, der es erlaubt, zu Hause und doch unterwegs zu sein.

Deutsch-niederländische Reisen führten zwar an viele Orte, jedoch nicht immer zu ihren Bewohnern. Oder wie schon 1955 die Rheinische Post formulierte: „Sie (die Niederländer) anerkennen mit erfreulicher Offenheit, dass der Fremdenverkehr für sie ein Geschäft ist, aber sie sprechen ebenso und mit besonderem Nachdruck aus, dass sie in ihm ein Mittel sehen, zwei Völker einander näher zu bringen, von denen zwar jedes seinen eigenen Kopf habe, die aber doch in einem Boot säßen.“ 

Autorin: Sandra Hilbert
Erstellt: Februar 2004


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Literatur

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Hilbert, Sandra: "Zimmer frei?" - Deutsch-niederländische Urlaubsbegegnungen. In: Heiter bis Wolkig. Begleitbuch zur Ausstellung im Haus der Geschiche der Bundesrepublik Deutschland in Bonn vom 22. November 2000 bis 16. April 2001 und im Rijksmuseum Amsterdam vom 26. Mai bis 16. September 2001. Bouvier/Bonn. S. 78 bis 81.

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