Freizeit - Kurzbeitrag


Die niederländische Plattbodenschifffahrt im Wandel der Zeit

Durch dichte Wolken dringt das erste Tageslicht, auf dem dunklen Wasser glitzern Strahlen der noch tiefstehenden Sonne. Die ehemalige Zuidersee ist übersät mit Segeln, die im Morgenlicht leuchten, während die Rümpfe darunter dunkel bleiben. Vor uns entfaltet sich ein unvergleichliches Panorama, das jahrhundertealte Bild. „Wenn man sich jetzt umschaut“, sagt die Skipperin, „dann sieht man, was dieses Land groß gemacht hat: Segel an Segel, Schiffe unter Segeln, segelnde Frachtschiffe und Fischerboote – der durch den Wind betriebene Transport übers Wasser“.

Plattbodenschiff
Wattenmeer: ‚Chartersegler' auf einem Plattbodenschiff in Aktion, Quelle: NBTC

Wer schon jemals ein niederländisches Hafenstädtchen am IJsselmeer, der früheren Zuidersee oder am Wattenmeer besucht hat, dem sind beim Spaziergang durch den Hafen sicherlich jene merkwürdigen Segelschiffe mit den großen, tropfenförmigen Holzbrettern an den Seiten aufgefallen. Später, im Anschluss an den Spaziergang, lässt sich dann beim Bier in der Hafenkneipe trefflich über die Funktion der merkwürdigen Bretter spekulieren. Sind es Gegengewichte, die bei Schieflage des Schiffes ausgefahren werden? Sind es spezielle Ruder, die bei Windstille eingesetzt werden, oder dienen sie als Bremse, bevor man in den Hafen einfährt? Sind es altertümliche Tragflügel, Laufstege, Picknicktische? Dienen sie zur Abwehr fliegender Fische oder einfach nur als Reserveholz?

Vermutlich wird man sich einiges an Spott gefallen lassen müssen, mit Sicherheit aber wird man sich als absolute Landratte zu erkennen geben, käme man auf den Gedanken, einen der braungebrannten Seebären nach der Bewandtnis jener Bretter zu befragen. Fragt man aber doch, dann wird man erfahren, dass diese Bretter ‚Schwerter‘ heißen und schlicht und einfach als verstellbare Kiele dienen, die sich an die Wassertiefe anpassen können und dafür sorgen, dass das Schiff vorwärts statt seitwärts segelt. Man wird erfahren, dass Plattbodenschiffe keinen Kiel haben und daher besonders geeignet sind, die untiefen niederländischen Binnengewässer zu befahren.

Entstehungsgeschichte des Plattbodenschiffs

Die Zuidersee war lange Zeit das wirtschaftliche Herz der Niederlande. Um 1900 noch war sie ein viel befahrener Wasserweg, der als Drehscheibe für den überregionalen Handel diente. Ihr großer Fischreichtum bot den Bewohnern der Küsten reichlich Nahrung und ein gesichertes Einkommen. Zum Befahren dieses für seine Untiefen, Gezeitenströme und Stürme berüchtigten Gewässers brauchte man Schiffe, die unter solch schwierigen Bedingungen navigationsfähig waren. Sie mussten für verschiedene Wassertiefen geeignet sein, gute Segeleigenschaften besitzen und gleichzeitig große Ladungen transportieren können. So entwickelten die holländischen Schiffsbauer einen speziell für diese Bedingungen ausgelegten Schiffstyp: das Plattbodenschiff.

Gaffeltakelung
Plattbodenschiff mit der typischen Anordnung der Masten - der Gaffeltakelung, Quelle: michielvw/cc-by-nc-sa

Zunächst aus Holz, später aus Eisen und Stahl gebaut, führten sie ein bis zwei Masten und waren oft gaffelgetakelt. Lemsteraken, Botter, Schokker und Jollen waren wendige Fischerboote mit langen schlanken Schwertern und großen Segeln zum Ziehen der Netze. Gefischt wurden Hering, Butt, Spiering, Aal und Sardellen. Die ‚Tjalk‘ hingegen war ein Frachtschiff mit ebenso ausgezeichneten Segeleigenschaften und einem charakteristischen runden Bug, ‚bolle kop‘ genannt, der zusätzlichen Stauraum bot. Diese Frachtschiffe waren in der Regel 15 bis 20 Meter lang und hatten ein Ladevermögen von drei bis fünf Tonnen. An Schiffsnamen wie Die Zwei Gebrüder‚ Die drei Schwestern oder Die Vier Geschwister lässt sich heute noch ablesen, dass diese ‚Transportunternehmen‘ Familienbetriebe waren. Man transportierte mit ihnen bis in die 1950er Jahre so gut wie alles über die Zuidersee und später das IJsselmeer: Steine und Torf aus Drenthe, flüssigen Kuhmist von Friesland nach Nordholland, Muscheln und Sardellen vom Wattenmeer, Steinkohle aus dem Ruhrgebiet, Passagiere und Vieh von den Inseln.

Bedeutungsverlust durch den Abschlussdeich

Die Zuidersee war jedoch nicht nur Segen, sondern auch Fluch für ihre Anwohner, denn sie zerstörte in regelmäßigen Abständen die Küsten durch Sturmfluten und forderte durch plötzlich aufkommende Stürme ihren menschlichen Tribut auch unter den Seeleuten. Nachdem bei einer dieser großen Sturmfluten im Januar 1916 erneut viele Küstengebiete heimgesucht wurden, entschloss man sich endlich, die schon länger bestehenden Pläne des Ingenieurs Cornelis Lely zum Bau eines Dammes in die Tat umzusetzen. 1932 wurde der Abschlussdeich vollendet. Die Abtrennung der Zuidersee vom Wattenmeer hatte weitreichende Konsequenzen für die Fischbestände und somit auch für die Fischereiflotte, die zunehmend an Bedeutung verlor. Zu Beginn der Industrialisierung wurden viele Plattbodenschiffe abgetakelt und zum Teil motorisiert, zahlreiche Schiffsrümpfe wurden jedoch in den 1950er Jahren ausrangiert und zum Teil eingeschmolzen. Die Schiffe, die den Hochöfen entkamen, rosteten in abgelegenen Häfen oder am Grunde eines Kanals vor sich hin.

Fast wären also diese Zeugen einer stolzen Vergangenheit sang- und klanglos von der Bildfläche verschwunden, hätte es da nicht in den 1970er Jahren ein paar Liebhaber gegeben, die sich dieser Fahrzeuge annahmen und einige der alten Botter, Aken, Tjalken und Klipper mit viel Hingabe restaurierten und somit vor dem glanzlosen Untergang retteten.

Nicht nur restaurierte man die Schiffe, auch wurde der alte Frachtraum mit einer neuen Innenausstattung versehen, die es ermöglichte, menschliche ‚Fracht‘, sprich: Passagiere, zu transportieren und zu beherbergen. So sind die alten Segler nunmehr wieder unterwegs, mit Touristengruppen in mehrtägigen Segeltörns über die ehemalige Zuidersee und das Wattenmeer.

Wiederentdeckung des kulturellen Erbe

Mittlerweile ist diese Charterflotte zu einem einzigartigen Ensemble von rund 450 historischen Schiffen angewachsen, die nicht nur auf der ehemaligen Zuidersee und in niederländischen Binnengewässern, sondern auch – nach seetauglicher Aufrüstung – auf hoher See zu finden sind. Speziell für die neue Berufsgruppe der ‚Chartersegler‘ wurden alte Hochsee-Segelpatente gesetzlich wieder eingeführt, nachdem 1938 aufgrund mangelnden Bedarfs alle Segeldiplome abgeschafft wurden. Heute bildet die Enkhuizer Seefahrtschule wieder Steuerleute und Kapitäne aus – in einem Beruf, der ebenso alt wie anspruchsvoll ist.

Durch die Rettung dieser Schiffe ist ein wichtiges kulturelles Erbe erhalten geblieben. Es waren diese Instrumente wirtschaftlicher Entwicklung, die die Niederlande groß gemacht – gleichsam über Wasser gehalten haben. Reid de Jong, Organisator der Workumer Strontrace Regatta, bezeichnet sie – vielleicht etwas allzu euphemistisch – gar als sakrale Bauwerke: „Die Schiffe sind größere Monumente als unsere Kathedralen. Mit ihnen haben wir alles zusammengetragen, mit ihnen haben wir unser Land dem Wasser abgerungen. Sie waren das wichtigste Werkzeug, das wir jemals hatten“.

Es sind vor allem deutsche Gruppen, die dieses schwankende Stück Freiheit auf niederländischen Gewässern zu schätzen wissen und sich, begeistert, für ein Wochenende oder auch zwei den Wellen und Gezeiten hingeben. Und so ist die Charterbranche auch ein bedeutendes Instrument deutsch-niederländischer Freundschaft geworden. Manch einer, Niederländer oder Deutscher, Männlein oder Weiblein, hat einen gutbezahlten Beruf an den Nagel gehängt, ein Studium abgebrochen oder eine Beziehung beendet, um sich berufsmäßig diesem intensiven, harten und zugleich so einfachen Leben auf einem alten Plattbodensegler zu widmen. Und Frauenquoten scheinen in dieser Branche überflüssig zu sein.

Autorin: Anne Breuer
Erstellt:
August 2012

Schwimmende Jugendherberge

Wenn Pieter gute Laune hat – und die hat er immer, wenn der Wind so richtig in das Großsegel über seinem Kopf fährt –dreht er die Anlage so richtig auf. „Wir sind die Seed und das ist unser Gebiet“, dröhnt es dann vom Steuerhaus über die Wellen, die die Antonia-Maria zerschneidet, so gut ein Plattbodenschiff das eben kann. Dass ausgerechnet ein deutscher Song das Lieblingslied des niederländischen Skippers ist – wer weiß, vielleicht hat das mit all den Gästen zu tun, die jedes Jahr auf seiner Tjalk zu Gast sind? Wie wir zehn, ein bunt zusammengewürfelter Haufen von Leichtmatrosen, der an Rhein und Ruhr zuhause sind. Vielleicht findet Pieter aber auch, dass er selbst ein bisschen wie Seed ist: Mit einer Bühne, die Achterschiff heißt, einer Steuerpinne anstelle eines Mikrofon auf einem Gebiet, das IJssel- und Wattenmeer heißt.

Von uns als Publikum ganz zu schweigen. Vom Dach des Mittelschiffs unter dem sich die schwimmende Jugendherberge befindet, die Pieter der Antonia-Maria in ihren ehemaligen Laderaum gezimmert hat, kann man einen ganz guten Blick auf den blonden Friesen hinter seinem Steuerhaus werfen. Und man bekommt – obwohl der April noch nicht vorbei ist – eine ordentliche Portion Sonne ab. Kein Wunder, dass alle Skipper so aussehen, als ob sie ein Leben unter dem Solarium führen würden.

Schwerstarbeit auf Deck

Irgendwo hinter dem umschäumten Achterschiff und dem Dunst am Horizont liegt Stavoren, der Heimathafen der Antonia-Maria und einer Flotte von drei Dutzend anderer liebevoll restaurierten Plattbodenschiffen. Am Mittag hatte Pieter uns hier zum ersten Mal das 140 Quadratmeter große, dunkelgrüne Segel setzen lassen. Das ist Schwerstarbeit an einer Winde. Mit jeder Kurbelumdrehung hebt sich das Segel vielleicht eine Handbreit. Bis es den ganzen Holzmast hochgeglitten ist, dauert es hundert Umdrehungen und sicher fünf Minuten – genau das Richtige für angehende Leichtmatrosen, deren Oberarme im Vergleich mit denen von Pieter ziemlich mickerig wirken. Trotzdem ist es gut, dass der Wind den Rest des Tages die Arbeit erledigt und die Mannschaft den Rest des Tages auf dem Dach des Mittelschiffs in der Sonne faulenzen kann. Unter der Dachpappe lag früher ein riesiger Laderaum, in dem die Antonia-Maria Sand, Kohle oder Getreide von einem Zuiderzeehafen zum nächsten transportiert hat. Heute liegen darunter sechs Doppelkabinen, eine Dusche, ein Klo und eine große holzgetäfelte Wohnküche.

Gemütliche Enge

Das alles ist etwas eng, aber wahrscheinlich gerade deshalb ziemlich gemütlich – jedenfalls, wenn kein Sturm über die See pfeift. Dann nämlich ist es hier nicht auszuhalten: Alles schwankt, das Geschirr poltert in den Schränken hin und her, von Zeit zu Zeit sackt einem der Boden unter den Füßen weg. Da ist es gut, dass bei solchem Wetter sowieso alle Hände an Deck gebraucht werden. Denn Pieter hat sich vorgenommen, gegen eine Strömung von vier Knoten gegen den Sturm in zum Hafen der Insel Terschelling zu segeln. Das bedeutet Kreuzen. Und dieses Zick-Zack-Fahren vor dem Wind bedeutet, dass die Segel alle zwei Minuten neu gesetzt werden müssen – sehr anstrengend. Auf Pieters Kommando gilt es, ein halbes Dutzend Seile zu lösen oder neu zu spannen oder das Segel ein bisschen höher ziehen, damit es strammer im Wind liegt. „Jeeeeetzt“, schreit er dann durch das Pfeifen des Sturms hindurch. Der richtige Moment ist wichtig, schließlich könnte der Sturm den Mast abknicken, wenn wir dessen Haltetaue nicht immer wieder rechtzeitig spannen würden. All das ist nötig, während die Gischt uns ins Gesicht peitscht, während immer mal wieder eine Welle über das Vorschiff rollt, um unsere Kleidung mit eiskalten Wasser zu tränken und während die Hanfseile so klamm sind, dass sie einem bei jedem Zug aus der Hand zu gleiten drohen. Immerhin hat Pieter heute Schwimmwesten ausgeteilt.

Belohnt wird unsere Mühe trotzdem nicht, Terschelling will einfach nicht größer werden. Als es schließlich dunkel wird, beschließt Pieter, dass sein Ehrgeiz heute einmal nicht fruchten wird. Nachdem wir die Segel eingeholt haben, drückt er einen kleinen schwarzen Knopf an seiner Kajüte und mit einem Jaulen springt der Schiffsdiesel an. Mit fünf Knoten tuckern wir schließlich dem Hafen entgegen. Auf die Musik verzichtet der Skipper diesmal.

Autor: Christoph Podewils, Juni 2005


Links

Wichtige Links im Bereich Freizeit finden Sie unter Institutionen

Weitere Informationen finden Sie in unserem Dossier Die Niederlande und das Wasser

Literatur

Alle bibliographischen Angaben im Bereich Freizeit finden Sie unter Bibliographie

Jochen Garrn: Handbuch für Decksleute auf Traditionsseglern, Hamburg 2005 [2004].

Jochen Garrn: Handbuch für Bootsleute auf Traditionsseglern, Hamburg 2007.

DSV-Verlag: Das Ijsselmeer. Häfen und Schleusen. Ijsselmeer - Markermeer - Randmeere, Hamburg 2006.


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