Deutsch-Niederländische Fußballrivalitäten


I. Einführung

Finale der Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland Johan Neeskens bring die Niederlande mit 0:1 gegen Deutschland in Führung. Das Spiel im Münchener Olympiastadion endete 2:1 für die DFB-Auswahl
Finale der Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland: Johan Neeskens bring die Niederlande mit 0:1 gegen Deutschland in Führung. Das Spiel im Münchener Olympiastadion endete 2:1 für die DFB-Auswahl, Quelle: Rainer Mittelstädt/BArch (183-N0716-0315)/cc-by-sa

Manchmal gibt es das im Sport. Duelle oder Rivalitäten, deren Ausgang dem einen Triumph und Gloria bescheren, dem anderen Trauma und Niedergang. Als Muhammed Ali und Joe Frazier in den 1970er Jahren gegeneinander boxten, ging das einher mit einer solchen Härte und Intensität, dass Frazier sich vom dritten Aufeinandertreffen, dem Thriller von Manila, nicht mehr erholte. Nichts war nach diesem Kampf wieder so, wie es einmal war. Und als Boris Becker am 7. Juli 1991 gegen seinen deutschen Erzrivalen Michael Stich fast schon sensationell das Wimbledon-Finale verliert, geht gleichzeitig seine Ära auf dem grünen Rasen in Londons Westen zu Ende. Nie wieder wird Becker an diesem vom ihm so geliebten Ort so nah vor dem Triumph stehen, sein ganz persönliches Trauma.

Diesen Erfolgen wird hinterhergetrauert. Es sind nur zwei Beispiele des Sports, und auch im Fußball ist das nicht anders. Spieler, die den entscheidenden Elfmeter verschießen und damit in einem Moment alles Dagewesene und alles Kommende ihrer Karriere verschwinden sehen, weil nur über diese eine Szene später geredet wird. Es gibt kein Vor und kein Zurück, das hat sich eingebrannt bis ins Mark. Wie für die Niederländer der 7. Juli 1974. Tatort Münchener Olympiastadion. Schwarz-Weiß bezwingt Weiß-Orange mit 2:1, nur ein Fußballspiel, halt das WM-Finale – nur bis heute ist das unterlegene Team, die dahinterstehende Nation mit dieser Schlappe nicht zurechtgekommen. Ein Makel für alle Ewigkeit.

Niederländische Fußball-Historie

1865: Fußballspiel in Enschede zwischen britschen Textilarbeitern und britschen Botschaftsangestellten

1869: Football Club Haarlem gegründet

1879: Niederländischer Fußball-Verband gegründet

1898: RAP, Klub aus Amsterdam, erster Niederländischer Meister

1900: Gründung Ajax Amsterdam

1905: erstes Länderspiel, Niederlande - Belgien: 4:1

1908: Gründung Feyernoord Rotterdam

1934: Erste WM-Teilnahme in Italien, Niederlande - Schweiz: 0:3 (erste Runde)

1970: Feyenooord Rotterdam erster niederländischer Europapokalsieger der Landesmeister

1971 bis 1973: Ajax Amsterdam dreimal in Folge Europapokalsieger der Landesmeister

1974: Niederlande Vize-Weltmeister (1:2 gegen Deutschland)

1978: Niederlande Vize-Weltmeister (1:3 n.V. gegen Argentinien)

1988: Niederlande Europameister (2:0 gegen UdSSR), PSV Eindhoven Europapokalsieger der Landesmeister

1995: Ajax Amsterdam Champions League-Sieger (ehemals Europapokal der Landesmeister)

2010: Niederlande Vize-Weltmeister (0:1 n.V. gegen Spanien)

Eine Niederlage 1974 – kein Drama

Die Frage ist erlaubt, was passiert wäre, wenn Deutschland das Endspiel verloren hätte. Es wäre anders, weniger dramatisch gewesen. Vermutlich. Die Dramaturgie wäre 1954 eine Vergleichbare gewesen. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Wiederaufnahme in die Staatengemeinschaft auch durch die Teilnahme an Olympischen Spielen oder der Fußball-Weltmeisterschaft dokumentiert. Als Trainer Sepp Herberger die deutsche Elf 1954 zum ersten Weltmeistertitel führte, wurde nicht von ungefähr vom „Wunder von Bern“ gesprochen. Nicht nur das die schier unschlagbare ungarische Auswahl – der war Deutschland in der Vorrunde noch mit 3:8 unterlegen – mit 3:2 bezwungen wurde, auch die Art und Weise und die Reaktion in der Bevölkerung demonstrierten die ungeheure Wucht dieses Sieges. Man war wieder wer, aus dem Nichts kommend, eine sensationelle Leistung bietend, plötzlich wieder ganz oben.

So oder so ähnlich muss es den Menschen vorgekommen sein. Seitdem hat die deutsche Elf einen Ruf wie Donnerhall. Genau aus diesem Spiel heraus entstand der Mythos oder auch das Klischee des nie aufgebenden Deutschen, der bereit ist, dem Sieg alles unterzuordnen – wenn es sein muss die Kreativität, Brillanz und Spielkultur. „Fußball ist, wenn zwei Mannschaften 90 Minuten gegeneinander spielen und am Ende Deutschland gewinnt“, sagte einst der britische Stürmerstar Gary Lineker irgendwann in den 1980er Jahren. Vermutlich stimmt das genauso, wie eine Nationalmannschaft, die sich für den Katalog von Dolce & Gabbana ablichten lässt, nicht eine Europameisterschaft gewinnen kann und darf – die Rede ist von Italiens Elitekickern im Jahr 2004. So etwas darf nicht sein. Zurück nach Bern: in diesem Jahr 1954 erlebte die Legende vom „deutschen Fußball“ ihre Geburtsstunde. Der Außenseiter, dem eigentlich keiner wirklich etwas zutraute, war selbst durch einen 0:2-Rückstand nicht zu stoppen und bezwingt Ungarn mit 3:2, eine Hollywoodstory um Kapitän Fritz Walter.

Und 20 Jahre später wiederholen sich die Dinge. Während die Niederlande durch das WM-Turnier spazieren, die DDR, Argentinien und Brasilien aus dem Turnier kegeln und eigentlich nur nach München fahren, um den Coupe Jules-Rimet abzuholen, erlebte das deutsche Team ein Turnier der Pleiten und Krisen – um dann doch die WM-Trophäe in den Himmel von München zu strecken. Das deutsche Fußballwunder wird fortgesetzt, das niederländische Trauma nimmt seinen Lauf, Oranje übernimmt für den Moment den Part Ungarns.

Zauberwort Raumdeckung

die Gegenpole Cruyff und Beckenbauer vor dem WM-Finale 1974 in München
Die Gegenpole Cruyff und Beckenbauer vor dem WM-Finale 1974 in München, Quelle: NA (927-3111)/cc-by-sa

Raumdeckung hieß 1974 das Zauberwort. Keine Mannschaft beherrschte diese neue, intelligente Verteidigungsform wie die Niederländer. Ajax Amsterdam gewinnt auch deshalb in diesen Jahren drei Mal den Landesmeister-Wettbewerb. Und weil sie Cruyff haben, Johan, den Göttlichen. Die Nummer 14. Er gibt dieser Mannschaft das besonders Etwas, Raumdeckung hin oder her. Es waren seit jeher die Stars, die aus einer guten Mannschaft eine besondere Auswahl formen konnten. Cruyff war der Gegenpol zu Franz Beckenbauer, das deutsche Abwehrgenius von Bayern München. Cruyff war filigraner, beseelt vom Offensivgeist, besessen vom Hunger nach Toren. Beckenbauer konnte auch glänzen, aber liebte eher die Souveränität aus der Abwehr heraus. Beckenbauer konnte kämpfen und auf eine elegante Art und Weise dreckigste Arbeit im Spiel verrichten. Zwei Hauptdarsteller im Finale von 1974.

Ja, es war ein Trauma, welches für die Niederlande am 7. Juli 1974 beginnt. Vier Jahre später stehen die Niederlande erneut in einem WM-Finale. Die 1:3-Niederlage gegen Argentinien hinterlässt bei weitem nicht den Eindruck von 1974. Dabei verliert man gegen eine Mannschaft, die sich durch Kokain hochgepusht haben soll, gegen eine Gastgeber-Elf, die von der Militärjunta als Instrument benutzt wird. Man verspricht sich eine positive Wirkung durch den WM-Titel auf internationalem politischem Parkett, ein fragwürdiger Versuch, sportlich aber ein voller Erfolg. Manchmal scheint es im Rückblick wichtiger für die Niederländer, dass der deutschen Mannschaft durch das 2:2 von Cordoba das entscheidende Beinchen auf dem Weg zur Titelverteidigung gestellt wurde, als die 1:3-Finalniederlage selbst. Eine komische Sicht der Dinge. Vielleicht aber doch ein Hinweis auf die Mentalität, der den Balltretern Oranjes seit 1974 immer wieder unterstellt wird – das große Ziel durch kleine Nachlässigkeiten zu verpassen. Schön, toll, schwungvoll, aber auch ohne die letzte Konsequenz, wie es andererseits deutsche Mannschaften intus zu haben scheinen.

Kein regelmäßiger Austausch

Ein wirklicher Rhythmus der deutsch-niederländischen Fußball-Beziehungen ist eigentlich über all die Jahre nicht wirklich zu erkennen. Immer wieder gibt es mehrjährige Pausen zwischen den Ländervergleichen der Nachbarn. Zum Beispiel nach dem 1:1 von Eindhoven im Freundschaftsspiel am 11. Oktober 1980. Erst sechs Jahre später trifft man sich wieder, in Dortmund beim 3:1-Erfolg der DFB-Auswahl.

Und es ist ein Irrglaube, dass am 21. Juni 1988 im EM-Halbfinale von Hamburg alle Rechnungen beglichen werden und die Schatten der Vergangenheit verschwinden. Natürlich gewinnen die Niederlande mit 2:1 gegen den deutschen Gastgeber, natürlich wird das gefeiert beim kleinen Nachbarn. Marco van Basten wird zum Albtraum des Jürgen Kohler, einer Art deutscher Eiche im Abwehrzentrum. Aber es ist „nur“ eine Europameisterschaft, und den verlorenen WM-Titel von 1974 bringt das nicht zurück. Die deutsche Seite sieht es vielmehr als gerechte Schlappe einer insgesamt uninspirierten DFB-Auswahl. Verdiente Niederlage, es kann nur besser werden. Obwohl der mittlerweile zum Teamchef erkorene Franz Beckenbauer, Spitzname Kaiser, von der „unverdientesten Niederlage überhaupt“ schwadroniert. Dass ausgerechnet in München, an der Stätte der größten Schmach, mit 2:0 gegen Russland die Europameisterschaft von den Niederlanden gewonnen wird, ist nicht mehr als eine Randnotiz.

Nonsens vom Kaiser

Denn es ist genau dieser Franz Beckenbauer, der zwei Jahre später im Überschwang der Gefühle ziemlichen Nonsens von sich gibt. Beckenbauer, damals 1974 auch individueller Triumphator im Duell der Giganten über Cruyff, führt Deutschland in Italien zum dritten WM-Titel. Zwischenstation Achtelfinale, als die Niederlande in einem der besten WM-Spiele mit 2:1 bezwungen werden. Der Europameister ist dabei nicht auf der Höhe seines Könnens, der EM-Titel von München ist in der Wahrnehmung schon irgendwie verschwommen. Alles, was vermeintlich Niederländer an Deutschen stört, kommt bei diesen Titelkämpfen zum Vorschein. Lothar Matthäus, so etwas wie das Feindbild der niederländischen Sportjournaille, schwingt sich zu Großtaten auf, gilt aber als Gernegroß im deutschen Dress. Deutschland erreicht auch mit der nötigen Portion Glück das Finale, gewinnt durch einen mal wieder fragwürdigen Elfmetertreffer von Andreas Brehme mit 1:0 gegen Argentinien.

Und Beckenbauer hat nichts Besseres zu sagen als: „Durch die Wiedervereinigung und die Spieler der DDR wird Deutschland auf Jahre unschlagbar sein.“ Das schürt Ängste in den Niederlanden, vermutlich auch andernorts. Fußball und seine Darsteller werden zum Stellvertreter politischer Ideologien, von blühenden Landschaften auf zwei Hektar rasen. Daraus wird nichts. Aber hatte nicht auch der niederländische Coach Rinus Michels 1974 schon vom „Fußballkrieg“ gesprochen? Lebten nicht immer wieder die stereotypen Vorurteile und Klischees gerade bei den Länderspielen zwischen Deutschland und den Niederlanden auf? Kann das sein? Wird das nie ein Ende haben? Auch beim dritten Schlüsselspiel nach 1974 und 1988 wurde Gift und Galle gespuckt. Keine Frage, die Rotzereien des Frank Rijkaard gen Rudi Völler bleiben beim WM-Achtelfinale unvergessen. Deutschland gewann mit 2:1 und wurde später Weltmeister.

Eine ernste Sache

Deutschland gegen die Niederlande ist eine ernste Sache. Wenn TV-Comedian Stefan Raab wochenlang auf der verpassten WM-Qualifikation der Niederlande für die Titelkämpfe 2002 herumhackt und dabei die Lacher auf seiner Seite hat, dann ist das mehr als ein „Running Gag“. Es spiegelt etwas von dieser gegenseitigen Hassliebe wieder. Wobei der niederländische Fußball hierzulande einen hohen Stellenwert hat. Dazu trugen über die Jahre Spieler wie Willi Lippens (Rot-Weiß Essen) oder Heinz van Haaren (Schalke 04) wie auch dessen Nachfolger im Knappen-Dress, Youri Mulder und Rene Eijkelkamp, bei.

Auch ein Trainer wie Huub Stevens steht für die gute niederländische Fußballschule, und warum sonst hätte ein Topverein wie Borussia Dortmund 2004 Bert van Marwijk von Feyernoord Rotterdam oder Bayern München 2009 Louis van Gaal vom AZ Alkmaar verpflichtet. Zu gerne würde man auch außer Ibrahim Afellay, Klaas-Jan Huntelaar und Rafael van der Vaartweitere niederländische Nationalspieler in Deutschland sehen. Bislang scheiterte das aber oft an den enormen Gehältern, die solche Akteure in Spanien oder Italien verdienen können.

Deutsche Trainer im grenzüberschreitenden Fußballverkehr sind dagegen eher rar gesät, Hans Meyer (Twente Enschede) und Herbert Neumann (Vitesse Arnheim) hatten gewisse Erfolge in der Ehrendivision. Vor allem viele Nachwuchstrainer suchen dennoch häufig den Weg in die Niederlande, um Praktika zu absolvieren. Die holländische Nachwuchsförderung gilt als vorbildlich, ist vermutlich sogar die Beste in Europa.

Revanche von Aachen – Freude bleibt aus

Man bemüht sich mittlerweile um Gelassenheit, man spricht von einer Normalisierung der Verhältnisse. Denn schließlich waren auch die deutsch-niederländischen Vereinsspiele der 1980er und 1990er Jahre im Europacup häufig von besonders gewalttätigen Ausschreitungen begleitet. Immer und immer wieder wurde betont, dass dies auf die bestehende besondere Rivalität zurückzuführen sei, das müsse stückchenweise abgebaut werden. Und so wurde das Projekt 1974 gestartet, der Versuch, die grenzüberschreitende Fußballerei auf ein vernünftiges Niveau zu bringen, eine Art Knigge in kurzen Hosen. Regelmäßige Länderspiele von den Nationalteams bis in den Jugendbereich, Fußballturniere auf beiden Seiten, Fanprojekte und einiges mehr wurden in den vergangenen Jahren veranstaltet. Was aber nichts daran ändert, dass oftmals mehrere Hundertschaften der Polizei und ein enormes Sicherheitsaufgebot die so genannten Freundschaftsspiele zwischen Deutschland und den Niederlanden begleiten mussten.

Irgendetwas ist dran an der Rivalität. Das ist Fußball, die allerwichtigste Nebensache der Welt. Und keinem hat die Revanche von Aachen 1995 wirklich etwas gebracht. Damals kehrten die Helden von 1974, mancher etwas runder, mancher etwas langsamer geworden, zur Neuauflage des WM-Finals auf den Rasen des Tivoli zurück. Das Spiel endete mit 2:1 für die Niederlande, große Freude darüber kam nicht auf.

Autoren: Alexander Heflik und Dietrich Schulze-Marmeling
Erstellt:
Juni 2004
Aktualisiert: September 2012


Links

Wichtige Links im Bereich Freizeit finden Sie unter Institutionen

Weitere Informationen befinden sich im Kurzbeitrag David gegen Goliath auf dem Spielfeld

Weitere Informationen befinden sich im Kurzbeitrag Rezension 'Wij waren de besten'

Nld. Fußballverband Koninklijke Nederlandse Voetbal Bond (knvb)

Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Kok, Auke: 1974. Wij waren de besten, Amsterdam 2004.

Wijckmans, Ron: "Wollt ihr den totalen Fußball?" - David gegen Goliath auf dem Spielfeld. In: Heiter bis Wolkig. Begleitbuch zur Ausstellung im Haus der Geschiche der Bundesrepublik Deutschland in Bonn vom 22. November 2000 bis 16. April 2001 und im Rijksmuseum Amsterdam vom 26. Mai bis 16. September 2001. Bouvier/Bonn. S. 74 bis 77. Online Version


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