Deutsch-Niederländische Fußballrivalitäten


III. Bis in die 1950er: Vereint im Amateurgedanken

Wer in den Niederlanden mit dem Fußball seinen Lebensunterhalt bestreiten wollte, musste bis in die 1950er ins Ausland wechseln. Ähnlich wie das Nachbarland Deutschland frönten die Niederlande einem ideologisch überladenen Amateurismus.

NVB-Offizieller Karel Lotsy nach einem Sieg der Niederländer gegen Irland 1934
NVB-Offizieller Karel Lotsy nach einem Sieg der Niederländer gegen Irland 1934, Quelle: KNVB/Nationaal Archief

Was in Deutschland Felix Linnemann war, der dem DFB von 1925 bis 1945 vorstand und in diesen Jahren eine regelrechte Hexenjagd auf tatsächliche und vermeintliche Profis veranstaltete, war in den Niederlanden Karel Lotsy. 1942 wurde Lotsy Vorsitzender des KNVB. Zuvor hat er dem Reichskommissar für die besetzten niederländischen Gebiete als Berater der Hauptabteilung Erziehung, Wissenschaft und Kulturpflege gedient.

Anders als in Mitteleuropa mussten die deutsche Fußballführung in den Niederlanden nach dem militärischen Einmarsch im Mai 1940 keine professionellen Strukturen zerschlagen und die deutsche Amateurideologie exportieren. Denn wie Felix Linnemann, der im Professionalismus „ein untrügliches Zeichen des Niederganges eines Volkes“ erblickte,[1] war auch Karel Lotsy ein glühender Verfechter des Amateurgedankens.

Generationswechsel

Nach der Befreiung und dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 wurde Lotsy sogar zunächst noch mächtiger, denn seine Rolle als Kollaborateur wurde erst nach seinem Tod im Jahr 1959 thematisiert. Während in vielen anderen Ländern Westeuropas der Profifußball weiter auf dem Vormarsch war, hielt Lotsy – wie seine Freunde in der DFB-Spitze – hartnäckig am „edlen und wahren Geist“ des Amateurwesens fest. Die im Ausland kickenden niederländischen Profis mussten wüste Beschimpfungen ertragen. So war von „dreckigen Profis“, „Geldwölfen“ und „Vaterlandsverrätern“ die Rede.

Erst als eine neue Generation von Spielern das Fußballfeld betrat, fand Lotsy zusehends weniger Gehör. Kees Rijvers, der von 1946 bis 1960 das Nationaltrikot trug: „Lotsy hatte mit seinen Donnerreden über Volk, Flagge und Vaterland in den dreißiger Jahren viel Erfolg gehabt, aber in den Vierzigern hatte sich die Welt verändert. Sie bedeuteten uns nichts mehr. Die meisten Spieler schwätzten miteinander, wenn Lotsy das Wort ergriffen hatte.“[2]

Auslandslegionäre

Aber Zunächst einmal zog es viele der begabtesten Kicker ins Ausland. Was für die deutschen Stars bis zur Einführung der Bundesliga Italien war, das war für ihre niederländischen Kollegen bis Mitte der 1950er Frankreich. Kees Rijvers wechselte 1950 von NAC Breda zum AS Etienne. In der Saison 1956/57 wurde Rijvers mit AS französischer Meister. Anschließend wurde der Niederländer auch noch mit der Étoile d’Or geehrt, eine Auszeichnung der Zeitschrift France Football für den beständigsten und besten Spieler der Liga.

Faas Wilkes, der berühmteste der niederländischen Auslandslegionäre und Idol des jungen Johan Cruyff, verließ 1949 Feyenoord Rotterdam und unterschrieb bei Inter Mailand. Dort stürmte die „fliegende Tulpe“ an der Seite von Stefano Nyres, einem Franzosen ungarischer Herkunft, und dem Schweden Lennart „Nacka“ Skoglund. In der Saison 1950/51 schoss ein angriffsfreudiges Inter-Team in der Meisterschaft 107 Tore, stand aber am Ende Saison trotzdem mit leeren Händen da, was einen Taktikwechsel hin zum Catenaccio zur Folge hatte. Als Inter 1952/53 mit nur 46 Toren Meister wurde, spielte Wilkes bereits beim AC Turin. Für Inter hatte Wilkes in drei Jahren und 95 Spielen 47-mal getroffen. Nach einem Jahr bei Juventus Turin verbrachte er noch drei Jahre in Spanien beim FC Valencia.

In der Elftal bildeten Rijvers und Wilkes mit Abe Lenstra den legendären „goldenen“ Innensturm, dem aber nur wenige Auftritte vergönnt waren. Schuld war der KNVB-Amateurismus, der die Auslandsprofis von der Nationalelf ausschloss.

Abe Lenstra

Abe Lenstra, der berühmteste der drei Innenstürmer, blieb im Lande. Der Friese war in einer sozialistisch geprägten Familie groß geworden, was auch der Grund war, warum er den zahlreichen Angeboten aus dem Ausland eine Absage erteilte. Lenstra, der in 47 Elftal-Einsätzen 33-mal traf, spielte von 1932 bis 1950 für den friesischen SC Heerenveen, dessen Stadion heute seinen Namen trägt.

Der AC Mailand bot 60.000 Gulden für einen Dreijahresvertrag und 325 Gulden Gehalt ohne Prämien. Auch Lokalrivale Inter bemühte sich um den Niederländer. Und der AC Florenz lockte sogar mit 125.000 Gulden und schickte einen Blankoscheck nach Heerenveen. Doch Lenstra war nicht interessiert. Er wolle sich nicht als „Sklave“ verkaufen. Ein reiner Amateur war aber auch Lenstra nicht mehr. In Heerenveens Gemeindeverwaltung verdiente er knapp 500 Gulden im Monat, fast das doppelte Salär eines normalen Arbeitnehmers.[3]

Deichbrüche

Flutkatastrophe 1953: Luftbild des Ortes Oude-Tonge
Flutkatastrophe 1953: Luftbild des Ortes Oude-Tonge, Quelle: Wikimedia Commons/usaid

In die Jahre, in denen die Elftal auf die Mitwirkung von Auslandsprofis verzichtete, fiel ein Benefizspiel, das historische Bedeutung erlangen sollte, da es für die weitere Entwicklung wie ein Katalysator wirkte. In der Nacht vom 31. Januar auf den 1. Februar 1953 wurden große Teile der niederländischen Küste von einer Sturmflut heimgesucht, die als größte Nordsee-Flut des 20. Jahrhunderts gilt. 1.835 Niederländer bezahlten die Katastrophe mit ihrem Leben. Die Regierung rief den Notstand aus, und überall im Land wurden Spenden gesammelt.

Auch der Fußball wurde aktiv. Am 7. März 1953 veranstaltete der KNVB in Rotterdam ein offizielles Spiel zugunsten der Stichting Nationaal Rampenfonds (dt. Stiftung Nationaler Katastrophenfonds), bei dem die niederländische Nationalelf Dänemark empfing. Im Feyenoord-Stadion De Kuip unterlag die Elftal vor 60.000 Zuschauern mit 1:2, den Anschlusstreffer erzielte Abe Lenstra. Wer auch sonst, die anderen niederländischen Stars spielten ja im Ausland.

Der letzte Sieg einer KNVB-Auswahl lag nun bereits zehn Spiele und fast zwei Jahre zurück. Die gesamte Nachkriegsbilanz der Elftal war niederschmetternd. Von den 36 Spielen, die die Niederlande im Zeitraum vom 10. März 1946 bis zum 7. März 1953 bestritten, gingen 18 verloren. Nur elf Begegnungen wurden gewonnen, sieben endeten mit einem Unentschieden. Und diese Negativserie sollte weiter anhalten. Von den neun Spielen, die die Elftal nach dem Benefizspiel und bis zum Ende des Jahres 1954 bestritt, gingen acht verloren. Nur gegen Belgien gab es einen Sieg zu verzeichnen.

Hilfe vom Prinzen

Nur fünf Tage nach dem Benefizspiel in Rotterdam sorgte ein anderes Spiel für Wirbel. Auch die niederländischen Auslandsprofis wollten Geld für die gebeutelte Heimat sammeln und vereinbarten ein Spiel gegen eine französische Auswahl, die vornehmlich aus Akteuren von Stade de Reims (unter anderem Raymond Kopa) und dem Racing Club Paris bestand. Am 12. März 1953 war es soweit.  40.000 Zuschauer kamen in den Pariser Prinzenpark, darunter einige Tausend Niederländer.

Dem KNVB war das Spiel ein Dorn im Auge und er drohte mit einem Verbot. Im Vorstand wollte nur Schatzmeister Lo Brunt das Amateurstatut auf den Misthaufen der Geschichte werfen. Brunt hatte eine prächtige Idee: Die Spieler sollten um die Unterstützung von Prinz Bernhard ersuchen, der im Katastrophenfonds den Vorsitz führte und folglich die Benefizaktion begrüßen musste. Nach einer Intervention des Prinzen gab der KNVB seine Verbotsbestrebungen tatsächlich auf. Stattdessen unternahm man nun alles, um den Eindruck eines offiziellen Länderspiels zu vermeiden. Das Abspielen der Nationalhymne wurde ebenso verhindert wie ein Auflaufen in Oranje-Hemden. Statt dem „Wilhelmus“ wurde vor dem Anpfiff die alte Nationalhymne „Wien Neerlands Bloed“ gespielt, statt Orange trug man die Farben der niederländischen Flagge – die Trikots rot, die Hose weiß und die Stutzen blau.

„Hollandais Pros“ schlägt Frankreich

Im Tor der Profis stand Frans de Munk vom 1. FC Köln. In Deutschland genoss der Spitzenspieler immerhin bereits den Status eines Vertragsspielers, der nicht mehr Amateur, aber auch noch kein richtiger Profi war. Leistungsträgern wurde allerdings häufig mehr gezahlt als offiziell gestattet. Der Rest der Akteure, die im Prinzenpark aufliefen, verdiente sein Geld in Frankreich: In Nantes (Gerrit Vreeken, Jan van Geen), Lille (Cor van der Hart), Bordeaux (Joop de Kubber, Bertus de Harder), Reims (Bram Appel), Rouen (Arie de Vroet), Paris (Rinus Schaap), St. Etienne (Kees Rijvers) und Nimes (Theo Timmermans). Es fehlte Faas Wilkes, dem sein Arbeitgeber AC Turin keine Freistellung erteilt hatte.

Die Auswahl niederländischer Profis schlug die Franzosen um Raymond Kopa und Roger Marche durch Tore von Bertus de Harder und Bram Appel mit 2:1. Cor van der Hart nach dem Abpfiff: „Wir haben die französische Nationalmannschaft besiegt, das ist fantastisch. Aber wir haben auch bewiesen, wozu wir Berufsfußballer in der Lage sind. Wird unser Amateurverband die Bedeutung dieses großartigen Erfolges begreifen?“[4]

Obwohl das als „Hollandais Pros“ angekündigte Sammelsurium noch niemals zusammengespielt hatte, bewies es doch eindrucksvoll, was der offiziellen Nationalelf durch den Ausschluss der Profis entging. L’Équipe machte dabei eine interessante Beobachtung, die bereits auf die weitere Entwicklung des niederländischen Fußballs verwies: „Die Franzosen streichelten den Ball. Die Holländer spielten ihn.“[5]

Eredivisie und Bundesliga

Die niederländische Zeitschrift Sportief hatte bereits zwei Monate vor dem Spiel die KNVB-Politik heftig kritisiert: „Wenn die Pariser Oper einem musikalisch begabten jungen Holländer einen Vertrag als Violinist anbietet, betrachten wir das als eine Ehre. Bei Fußballspielern sieht das ganz anders aus. [...] Die holländischen Profis in Frankreich werden als minderwertige Wesen angesehen, weil sie ihr Brot mit Fußball verdienen [...], obwohl sie doch durch ihre Fähigkeit wahrhaftig Talent nachweisen.“[6]

Die Begegnung von Paris bescherte dem niederländischen Fußball seinen eigenen Deichbruch. Schon unmittelbar nach dem Spiel verkündete KNVB-Vorstandsmitglied Lo Brunt, dass der Profifußball nun auch in den Niederlanden nicht mehr aufzuhalten sei. Im Januar 1954 gründete der Unternehmer Gied Joosten den Nederlandse Beroepsvoetball Bond (NBVB), der eine eigene Profiliga aus der Taufe hob, in der sich zehn Profivereine organisierten. Viele der niederländischen Auslandsprofis kehrten nun in die Heimat zurück, um sich einem dieser Klubs anzuschließen. Am 14. August 1954 wurde in Alkmaar erstmals offiziell professionell gespielt, als sich vor 13.000 Zuschauern Alkmaar `54 und der Sportclub Venlo gegenüberstanden. Die Spiele der Profiliga mobilisierten deutlich mehr Zuschauer als die höchsten Amateurligen des KNVB. Nach nur elf Spieltagen vollzogen NBVB und KNVB eine Fusion. Die Spiele der beiden Ligen wurde abgebrochen und mit der Kampioenscompetie eine neue nationale Liga gegründet, aus der 1956 die Eredivisie und erste niederländische Profiliga unter Aufsicht des KNVB hervorging.

In die Nationalmannschaft waren die Profis bereits am 13. März 1956 zurückgekehrt, und am 14. März 1956 besiegte die Elftal Weltmeister Deutschland vor 65.000 Zuschauern im Düsseldorfer Rheinstadion mit 2:1. In der Nationalelf wurden die Profis allerdings weiterhin wie Amateure behandelt – bis Johan Cruyff und sein Schwiegervater Cor Coster die Bühne betraten und eine Revolution auslösten.[7]

1963 – sieben Jahre nach den Niederlanden – führte auch Deutschland mit der Bundesliga eine nationale Profiliga ein. Auch hier war es ein Generationswechsel gewesen, der den Weg bereitet hatte.[8]


[1] Zit. nach Oswald, Rudolf: Fußball-Volksgemeinschaft. Ideologie, Politik und Fanatismus im deutschen Fußball 1919–1964, Frankfurt/New York 2008, S. 117.
[2] Zit. nach Mast, Johann: Levensverhaal van Nederlands eerste grote sportidool, Baarn 2007, S. 84.
[3] Zu Abe Lenstra vgl. ebd.; Wikipedia.
[4] L'Èquipe vom 13. März 1953.
[5] Ebd.
[6] Sportief vom 8. Juni 1953.
[7] Vgl. hierzu Schulze-Marmeling, Dietrich: Der König und sein Spiel. Johan Cruyff und der Weltfußball, Göttingen 2012.
[8] Vgl. hierzu Oswald, Rudolf: Fußball-Volksgemeinschaft. Ideologie, Politik und Fanatismus im deutschen Fußball 1919–1964, Frankfurt/New York 2008, S. 300-208; Heinrich, Arthur: Der Deutsche Fußballbund. Eine politische Geschichte, Köln 2000, S. 182-192.

Autor: Dietrich Schulze-Marmeling
Erstellt: Juni 2012


Links

Wichtige Links im Bereich Freizeit finden Sie unter Institutionen

Weitere Informationen befinden sich im Kurzbeitrag David gegen Goliath auf dem Spielfeld

Weitere Informationen befinden sich im Kurzbeitrag Rezension 'Wij waren de besten'

Nld. Fußballverband Koninklijke Nederlandse Voetbal Bond (knvb)

Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Driessen, Christoph: Geschichte der Niederlande. Von der Seemacht zum Trendland, Regensburg 2009.

Fox, Norman: Prophet or Traitor? The Jimmy Hogan Story, Manchester 2003.

Grüne, Hardy: WM-Enzyklopädie 1930–2006, Kassel 2006.

Hafer, Andreas/Hafer, Wolfgang: Hugo Meisl oder Die Erfindung des modernen Fußballs, Göttingen 2007.

Wielenga, Friso: Die Niederlande. Politik und politische Kultur im 20. Jahrhundert, Münster 2008.

Wilson, Jonathan: Revolutionen auf dem Rasen. Eine Geschichte der Fußballtaktik, Göttingen 2011.

Winner, David: Oranje brillant. Das neurotische Genie des holländischen Fußballs, Köln 2008.


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