Deutsch-Niederländische Fußballrivalitäten


V. WM 1974: Geburtsstunde einer Fußballrivalität

Logo der WM 1974
Logo der WM 1974, Quelle: Wikimedia Commons

Im Jahr 1974 konnten sich die Niederlande erstmals seit 36 Jahren wieder für ein WM-Turnier qualifizieren. Das Turnier in Deutschland geriet zur eigentlichen Geburtsstunde der niederländischen Nationalmannschaft, die zwar beim Anpfiff des Turniers bereits seit 69 Jahren existierte, aber auch im eigenen Land nur geringes Interesse genoss. Auf Deutschland übertragen, ist der Mythos um das niederländische „WK 74“-Team mit den „Helden von Bern“ vergleichbar. Sieben Auftritte auf deutschem Boden genügten, um die Elftal von 1974 zu dem Team der siebziger Jahre zu machen. Eine ganze Generation verguckte sich in einen Haufen langhaariger und vor Selbstbewusstsein strotzender niederländischen Kicker, die die Herzen der Fußballfans im wahrsten Sinne des Wortes im Sturm eroberten.

Offensivgeist

Johan Cruijff
Johan Cruijff (links) 1974 vor dem WM-Spiel gegen Argentinien, Quelle: Wikimedia Commons

Nach der WM 1970 hatte der Fußball eine stete Defensivorientierung erfahren. Auch Deutschland folgte diesem Trend. Die EM 1972 gewann die DFB-Elf noch mit attraktivem und offensivem Fußball, der englische Journalist Brian Glanville verwendete den Begriff „total football“ sowohl für Deutsche wie für Niederländer. Tatsächlich stürmten auch bei den Deutschen die Verteidiger (namentlich Paul Breitner), und Positionswechsel praktizierte man ebenfalls. Der Unterschied zwischen beiden Nationalmannschaften war ein anderer. Der niederländische Autor Auke Kok: „Das wirklich Beeindruckende an Holland 1974 war die absolute Orientierung auf Angriff. Als man befürchtete, der Fußball würde immer defensiver werden, kam eine Mannschaft und spielte konsequent offensiv. Das war unglaublich und ist auch noch heute sensationell.“[1]

Die „Guten“ auch im Fußball

Niederländische Elftal während der Nationalhymne bei der Weltmeisterschaft 1974
Niederländische Elftal während der Nationalhymne bei der Weltmeisterschaft 1974, Quelle: Bert Verhoeff/Anefo/NA (927-3110)/cc-by-sa

Aber Cruyff und Co. waren in den Augen vieler Menschen – innerhalb wie außerhalb der Niederlande – mehr als nur Fußballer. Der „König“ und sein Gefolge verkörperten zugleich das Konzept vom „nederland gidsland“ (dt. „Niederlande Führungsland“), eines kleinen Landes, das sich dem Rest der Welt moralisch überlegen fühlt und dies permanent demonstrieren muss. In einem Weltsystem, in dem sich Macht bis dato auf militärischer und wirtschaftlicher Kraft wie Bevölkerungsgröße begründete, versuchten die Niederlande, Einfluss und Macht durch „moralisches Gutsein“ zu entwickeln.

Die Fußballer standen hierbei nicht abseits, im Gegenteil. Johan Cruyff: „Wir Holländer sind eigensinnig. Selbst am anderen Ende der Welt erzählen wir den Leuten immer, wie sie ihren Kram zu machen haben.“[2] Cruyff und die Elftal prägten auch die Außenwahrnehmung ihres Landes, insbesondere durch das WM-Turnier 1974.

Nach der WM 1974 verband man niederländische Liberalität und Progressivität mit technisch exzellenten, angriffslustigen und selbstbewussten Kickern, die mit flatternden Haaren und dem Hemd aus der Hose über das Fußballfeld jagen. Aber auch die in Deutschland weit verbreitete Betrachtung der niederländischen Nachbarn als „arrogantes Volk“ hat im Turnier von 1974 ihren Ursprung – genauer: im Finale des Turniers.

Michels übernimmt

Der Neue Bondscoach Rinus Michels während einer Pressekonferenz im Teamhotel in Münster-Hiltrup
Der Neue Bondscoach Rinus Michels während einer Pressekonferenz im Teamhotel in Münster-Hiltrup, Quelle: Bert Verhoeff/Anefo/NA (927-2699)/cc-by-sa

Nach der erfolgreichen WM-Qualifikation wechselte der KNVB den Bondscoach. Feyenoords Wim von Hanegem und einige Ajax-Spieler waren der Auffassung, dass František Fadrhonc mit einer WM überfordert sei. Anstelle des Tschechen übernahm nun Ex-Ajax-Coach Rinus Michels die Betreuung der Nationalelf, zu dieser Zeit auch Trainer des FC Barcelona. Michels blieb nur wenig Zeit, um sein Team zu formen und auf die WM einzustimmen. In dieser Situation baute er vorwiegend auf Akteure von Ajax und Feyenoord – und natürlich seinen Schüler und Barca-Star Johan Cruyff.

Auf dem Feld überwogen dann die „Ajaciede“. Während die Ajax-Spieler mehr für Kreativität und Technik standen, brachten die Feyenoord-Akteure, allen voran ihr Kopf Wim Hanegem, kämpferische Elemente ein. Trotzdem gelang es Michels, den Akteuren eine gemeinsame Spielidentität zu vermitteln. Die Mannschaft agierte geschlossen und als Ganzes, ihr Vortrag grenzt häufig an Perfektion. Die Medien sprachen von einem „Uhrwerk Orange“.

Nach Deutschland reist eine Weltklassemannschaft, die jung und ehrgeizig sowie technisch perfekt war, aber auch hart spielen konnte, wenn es die Situation erforderte. Es war aber auch eine Mannschaft, die wegen ihrer Dispute mit dem Verband und wegen des kurzfristigen Trainerwechsels als Außenseiter galt.

Auf Weltniveau

Die erste Finalrunde meisterten die Niederlande problemlos. Zwei Siege gegen Uruguay (2:0) und Bulgarien (4:1) sowie ein Remis gegen Schweden (0:0) bedeuteten den Gruppensieg. In der zweiten Finalrunde musste sich Michels Elf mit Weltmeister Brasilien, Argentinien und der DDR messen, die im deutsch-deutschen „Bruderkampf“ Beckenbauer und Co. zuvor mit 1:0 besiegt hat. Dem DFB-Team blieb dadurch nur Platz zwei, was man aber problemlos verschmerzte. Denn so ging man den mittlerweile furchteinflößenden Niederländern erst einmal aus dem Weg.

Wim van Hanegem im Vorrundenspiel gegen Argentinien in Aktion
Wim van Hanegem im Vorrundenspiel gegen Argentinien in Aktion, Quelle: Bert Verhoeff/Anefo/NA (927-2832)/cc-by-sa

Die gaben sich gegenüber Beckenbauer und Co. extrem selbstbewusst. Nach den ersten Vorrundenspielen, in denen das DFB-Team gegen Chile und Australien glanzlose Siege einfuhr, tönte Libero und Beckenbauer-Gegenstück Arie Haan: „Diese Deutschen können uns nie schlagen.“[3] Und Johan Cruyff auf die Frage, wer von den Deutschen in der Elftal einen Platz finden könnte: „Eigentlich nur Beckenbauer, Torwart Maier, Verteidiger Breitner und allenfalls Hoeneß würden bei uns aufgestellt werden.“ Und Goalgetter Gerd Müller? „Der muss noch lernen, im Mittelfeld unterzutauchen und auf die Flügel auszuweichen.“[4] Eben genau so spielen wie Cruyff.

Im ersten Spiel der zweiten Finalrunde trafen die Niederlande auf Argentinien, das im Gelsenkirchener Parkstadion mit 4:0 abgefertigt wurde. Eine harmlose DDR-Auswahl wurde mit 2:0 besiegt.

Wachablösung

Neeskens bezwingt den brasilianischen Torwart Leao und schießt das 1:0 beim Aufeinandertreffen zwischen den Niederlanden und Brasilien in Dortmund
Neeskens bezwingt den brasilianischen Torwart Leao und schießt das 1:0 beim Aufeinandertreffen zwischen den Niederlanden und Brasilien in Dortmund, Quelle: Bert Verhoeff/Anefo/Bert Verhoeff/Anefo/NA (927-3019)/cc-by-sa

Am 3. Juli 1974 kam es im Dortmunder Westfalenstadion zum heiß ersehnten Showdown mit dem amtierenden Weltmeister Brasilien. Das Spiel hat den Charakter eines Halbfinales, denn auch die von Mário Zagalo trainierte Selecao hat ihre ersten beiden Gruppenspiele gewonnen. Aufgrund des deutlich besseren Torverhältnisses (6:0 gegenüber 3:1) genügte der Elftal allerdings ein Remis zum Einzug in das Finale.

Die Niederlande schlugen Brasilien durch Tore von Neeskens und Cruyff mit 2:0, was einer Wachablösung gleichkam. Cruyff und Co. zeigten der Selecao ihre Grenzen auf und beendeten damit die Ära des „schönen, unverfälschten Fußballs“[5]. Seit der WM 1974 werden die Niederländer häufig als „Brasilianer Europas“ bezeichnet, was sich nur auf ihre technischen Qualitäten beziehen kann. Denn das Spiel der Elftal von 1974 war kein brasilianisches. Cruyff und Co. zelebrierten attraktiven und technisch perfekten Angriffsfußball, der aber nicht verspielt war, sondern geradlinig, zielstrebig und effektiv – bis zum Finale.

Hennes Weisweiler schrieb später über die 90 Minuten von Dortmund: „Was sich in 36-jähriger WM-Abstinenz an Druck angestaut hatte, und was mit der Schubkraft der Europapokalsiege der holländischen Spitzenvereine Ajax Amsterdam und Feyenoord Rotterdam noch angereichert worden war, entlud sich am 3. Juni im Tribünengeviert des Westfalenstadions in Dortmund als eine geballte Ladung Fußball: Holland ließ dem Weltmeister und dreimaligen Rimet-Pokalgewinner Brasilien keine Chance und gewann in einer alles hinwegfegenden Offensive mit 2:0. Es war Fußball hoch drei: Fußball mit Tempo, Technik und Temperament. Kalt gespielt von Holländern mit heißen Herzen. [...] Was seit der letzten WM-Teilnahme 1938 in Frankreich nicht möglich, einfach nicht zu schaffen war, gelang in knapp drei Wochen in Deutschland: Hollands Fußballfreunde entdeckten ihre Nationalmannschaft.“[6]

Vom Außenseiter zum Favoriten

Nach dem wohl besten, intensivsten und unterhaltsamsten der 38 Spiele des Turniers standen die Niederländer erstmals in einem WM-Finale. Einen derartigen Shooting Star hatte es in der Geschichte des Turniers noch nie gegeben – und gab es auch bis heute nicht wieder. Der Sieg über die Fußballweltmacht Brasilien war erst Oranjes achtes WM-Spiel.

Jubel und Umarmung von unter anderem Krol und Neeskens nach dem zweiten Treffer der Niederländer gegen die Brasilianer
Jubel und Umarmung von unter anderem Krol und Neeskens nach dem zweiten Treffer der Niederländer gegen die Brasilianer, Quelle: Bert Verhoeff/Anefo/NA (927-3017)/cc-by-sa

Mit Uruguay, Argentinien und Brasilien hat Rinus Michels Team binnen 19 Tagen die drei führenden Fußballnationen Südamerikas geschlagen, die immerhin fünf der bis dahin neun ausgespielten WM-Titel auf sich vereinigen. Mit einer Gesamtbilanz von fünf Siegen, einem Unentschieden und 14:1 Toren zog Oranje als Favorit ins Finale von München. Bundestrainer Helmut Schön betrachtete „die Holländer als erste Anwärter auf die Krone. Wir brauchen jetzt sehr viel Glück!“[7] Der spätere englische Nationaltrainer Bobby Robson, zur Zeit des WM-Finales Coach von Ipswich Town, befürchtet sogar: „Die Holländer werden die Deutschen ermorden.“[8]

Den Niederländern bereitete ihre Favoritenrolle spürbar Spaß. Allen voran Libero Arie Haan: „Wir wollen den Deutschen ihr großes Mundwerk stopfen. Mit Ajax haben wir Bayern München vom Platz gefegt, aber die fühlten sich dann immer noch als die Größten. Dem wollen wir ein Ende machen.“[9] Außenverteidiger Wim Suurbier war sich sicher, dass die Deutschen „furchtbare Angst vor uns haben“.[10] Und Ruud Krol gab schon mal die Argumentationslinie für den Fall einer Niederlage vor: „Die Deutschen stehen unter Erfolgszwang, aber wir sind schon Weltmeister – denn wir haben den besten Fußball der WM gespielt. Wir sind die wahren Weltmeister – auch wenn wir verlieren sollten. Was wir in sechs Spielen gezeigt haben, macht uns keiner nach.“[11]

Rockstars in München

Ort des Finales war das Münchner Olympiastadion, der passende Ort für das Aufeinandertreffen dieser beiden Mannschaften, die beide auf ihre Weise eine Modernisierung und Liberalisierung ihrer Länder verkörpern. Dem Stadionarchitekten Günter Behnisch schwebte bei der Konzeption der Arena eine „demokratische Sportstätte“ vor. Behnisch: „Wir wollten nicht die anonyme, die dumpfe Masse. Für uns war das Individuum ganz wichtig, das sich in seinem Handeln frei fühlt und doch aufgehoben ist in einer großen Gemeinschaft.“[12] Das Ergebnis war ein radikaler Gegenentwurf zum Olympiastadion in Berlin, das für die „Nazi-Spiele“ 1936 errichtet worden war.

Bereits im Tunnel zum Spielfeld ließen die Niederländer die Deutschen ihre Überlegenheit spüren. Bernd Hölzenbein: „Wir nahmen uns vor, ihnen in die Augen zu schauen und so zu zeigen, dass wir genauso groß waren wie sie waren. Sie hatten das Gefühl, unschlagbar zu sein – man konnte es ihren Blicken ansehen. Ihre Haltung uns gegenüber war: Mit wie vielen Toren Unterschied wollt ihr heute verlieren, Jungs.“[13] Johan Cruyff und Co. zogen wie Rockstars in die Arena ein.

Das Gift der schnellen Führung

Johann Cruyff im Zweikampf mit Berti Vogts kurz vor dem Foulspiel durch Uli Hoeneß
Johann Cruyff im Zweikampf mit Berti Vogts kurz vor dem Foulspiel durch Uli Hoeneß, Quelle: Rainer Mittelstädt/BArch (183-N0716-0314)/cc-by-sa

Nach nur 63 Sekunden lagen die Niederländer mit 1:0 in Führung. Nach dem Anstoß hatte die Elftal den Ball erst einmal locker und souverän durch ihre eigenen Reihen laufen lassen. Als Cruyff dann mit dem Ball in den deutschen Strafraum eindringen wollte, holte der von hinten herbeieilende Uli Hoeneß ihn von den Beinen. Das Foul ereignete sich kurz vor der 16-Meter-Linie, doch der englische Referee John Taylor entschied auf Strafstoß.

Johan Neeskens schnappte sich den Ball und hämmerte ihn halbhoch und fast in die Mitte des Tores zum 1:0 ins Netz. Als Sepp Maier das Leder aus seinem Kasten holte, war dies die erste deutsche Ballberührung im Finale. Nach der schnellen Führung begingen die Niederländer den Fehler, den Gegner vorzuführen, statt ihn „nur“ zu besiegen. Die deutschen Spieler wurden mit Beinschüssen und Übersteigern der Lächerlichkeit preisgegeben.

Hochmut kommt vor dem Fall

Johan Cruyff diskutiert nach einem Foul mit dem Schiedsrichter John Taylor
Johan Cruyff diskutiert nach einem Foul mit dem Schiedsrichter John Taylor, Quelle: Bert Verhoeff/Anefo/NA (927-3086)/cc-by-sa

Die niederländische Arroganz provozierte die Deutschen zu trotziger Gegenwehr. In der 26. Minute brachte Wim Jansen Bernd Hölzenbein im Strafraum zu Fall. Oder auch nicht. Spätestens seit dem DFB-Pokalhalbfinale Eintracht Frankfurt gegen Bayern München im April 1974, das die Eintracht dank eines von Hölzenbein herausgeholten Strafstoßes mit 3:2 gewannen, verfolgte den Linksaußen der Ruf eines „Elfmeter-Schinders“ und „Schwalben-Königs“. Karl-Heinz Huba schrieb später in seiner „Fußball-Weltgeschichte“ diplomatisch: „Hölzenbein fiel, als er zu fallen hatte.“[14] 1997 gestand Taylor in einer TV-Dokumentation, dass sein Elfmeterpfiff eine Fehlentscheidung war.

Paul Breitner schickte Elftal-Keeper Jan Jongbloed in die falsche Ecke und verwandelt zum 1:1. Beckenbauer und Overath trieben nun ihr Team in Richtung niederländisches Tor, und kurz vor dem Halbzeitpfiff gelang den Deutschen durch Gerd Müller die 2:1-Führung.

„Deutsche Willenskraft“ besiegt „niederländische Eleganz“

Paul Breitner setzt sich gegen Jan Jongbloed durch und verwandelt den Elfmeter zum 1:1
Paul Breitner setzt sich gegen Jan Jongbloed durch und verwandelt den Elfmeter zum 1:1, Quelle: Bert Verhoeff/Anefo/NA (927-3075)/cc-by-sa

Die überlegen gestarteten Niederländer waren geschockt und genervt. Im zweiten Durchgang berannte die Elftal nahezu unablässig das deutsche Tor, wo Sepp Maier sein wohl bestes Spiel im Nationaltrikot zeigte. Rinus Michels bemängelte die Überlegenheit seines Teams, nicht dessen Torausbeute: „Nach der Pause haben die Holländer in einem Spiel zweier ausgezeichneter Mannschaften für meinen Geschmack zu stark dominiert. So sollte ein Finale nicht aussehen.“[15]

Am Ende hatten die Niederlande 18-mal auf gegnerische Tor geschossen und die Deutschen zehnmal. Ein noch klareres Übergewicht erreichten die Niederländer bei den Flanken in den Strafraum: 31 niederländischen Flanken standen zehn der Deutschen gegenüber. Zwei Drittel des Spiels wurden von den Niederländern dominiert. Aber der Weltmeister hieß Deutschland – glücklich, aber nicht unverdient.

Tim Jürgens und Philipp Köster in einer Nachbetrachtung des Spiels: „Die Oranjes haben ihre traumwandlerische Leichtigkeit, mit der sie durch das Turnier getänzelt sind, verloren. Am Ende triumphierte deutsche Willenskraft über niederländische Eleganz. Dabei hegt niemand Zweifel daran, dass die Elftal bei dieser WM den besten Fußball gespielt hat.“[16]

Das Finale von München war bereits das 20. Aufeinandertreffen zwischen Deutschen und Niederländern auf dem Fußballfeld. Aber erst im Olympiastadion erfolgte der Startschuss zu einer erbitterten Fußballrivalität. Zuvor hieß der „Erzfeind“ der Niederländer Belgien, während sich die Deutschen vor allem mit Österreich und England rieben.

Ursachenforschung

Enttäuschung Bondscoach Rinus Michels (Rechts) und Spielmacher Johan Cruyff (Mitte) verlassen das Spielfeld nach der Finalniederlage
Enttäuschung: Bondscoach Rinus Michels (Rechts) und Spielmacher Johan Cruyff (Mitte) verlassen das Spielfeld nach der Finalniederlage, Quelle: Bert Verhoeff/Anefo/NA (927-3077)/cc-by-sa

Nach der Niederlage von München wurde eine intensive Ursachenforschung betrieben. Unterm Strich bleiben der Vorwurf der Arroganz, eine gewisse Disziplinlosigkeit und eine „mentale Müdigkeit“ Johan Cruyffs. In Paris fragt die Zeitung L’Aurore nach dem Finale: „Vielleicht haben die Holländer die Sünde des Stolzes begangen. Glaubten sie, durch den Sieg über Brasilien bereits den Rest der Welt bezwungen zu haben?“[17] Wim Van Hanegem: „Es störte uns nicht, wenn wir nur mit 1:0 gewannen, so lange wir sie demütigen konnten.“[18]

Ruud Krol gestand ein Motivationsproblem: „Wir hatten Weltmeister Brasilien geschlagen. Vielleicht waren wir damit schon zufrieden. Jedenfalls waren wir im Endspiel nicht mehr so motiviert.“[19] Der Spiegel-Journalist Klaus Brinkbäumer schrieb 34 Jahre nach München: „Cruyff, Neeskens, Rep, Rensenbrink waren die Besten der Welt, und leider wussten sie es.“[20]

Wilde Pool-Party in Münster-Hiltrup

Zur Niederlage von München soll aber auch ein Artikel in der „Bild“-Zeitung beigetragen haben, der einige Tage vor dem Finale erschien und dessen Inhalt mit einer kleinen zeitlichen Verzögerung auch in den Niederlanden seine Runde machte. Unter der Schlagzeile „Cruyff, Sekt, nackte Mädchen und ein kühles Bad“ berichtete das Boulevardblatt über eine wilde Pool-Party im Hotel Krautkrämer in Münster Hiltrup, wo die Niederländer ihr Quartier hatten.[21]

Besuch der Spielerfrauen im Quartier in Münster-Hiltrup Wim Suurbier, Ruud Krol, Spielerfrauen Suurbier und Keizer sowie Danny Cruyff (v.l.n.r.)
Besuch der Spielerfrauen im Quartier in Münster-Hiltrup: Wim Suurbier, Ruud Krol, Spielerfrauen Suurbier und Keizer sowie Danny Cruyff (v.l.n.r.), Quelle: R. Mieremet/Anefo/NA (2793)/cc-by-sa

Bondscoach Rinus Michels vermutete eine Kampagne, sprach von „Krieg“ und vergaß auf den Pressekonferenzen seine Deutschkenntnisse. Johan Cruyff beschäftigte sich die Tage vor dem Finale nicht mit seinem Gegenspieler Berti Vogts, sondern mit seiner Frau Danny, mit der er viele Stunden telefonierte.[22] Im Finale war Cruyff dann „mental todmüde“, wie er später bekannte. So wurde zum Helden des Finales nicht der geniale Offensivstratege Johan Cruyff, sondern der biedere Abwehrrecke Berti Vogts.

Das schwedische Aftonbladet schrieb anschließend: „Der lebende Rasenmäher Vogts schaffte das Unmögliche und brachte Cruyff aus dem Gleichgewicht.“[23] Und der Amsterdamer De Telegraaf: „Die entscheidende Phase dieses grandiosen Fußballspektakels lag zwischen der zweiten und der 45. Minute. Berti Vogts gelang es, Johan Cruyff, der in diesem Spiel zum weltbesten Fußballer gekürt werden sollte, an seiner Regieführung zu hindern.“[24]

Ein Verlierer für die Ewigkeit

In der Geschichte der WM ist 1974 das einzige Turnier, in dessen Nachbetrachtungen nicht der Sieger dominiert, sondern der Verlierer. Die niederländische WM-Elf avancierte zu einer noch heute verehrten Pop-Ikone des Fußballs, die den Gewinner des Turniers, die deutsche Nationalelf um Franz Beckenbauer, klar in den Schatten stellte. „Der Pokal ging nach Deutschland, der Ruhm jedoch an die holländische Mannschaft“, schrieb der Corriere dello Sport nach dem verlorenen Finale von München.[25]

Auf der Website des Fußball-Weltverbands FIFA heißt es über den Vizeweltmeister von 1974: „Obwohl die Mannschaft im Finale Gastgeber Deutschland mit 2:1 unterlag, gehören Michels und seine niederländische Nationalmannschaft mit Sicherheit zu den größten Teams, die nie einen FIFA-Weltpokal erringen konnten. Wäre es an jenen berühmt-berüchtigen Tag in München als Sieger vom Platz gegangen, würde man das niederländische Team von 1974 noch heute in einem Atemzug mit Brasiliens großartiger Elf von 1970 nennen.“[26] Erst 2010, als Spanien die WM gewann, sollte ein Weltmeister wieder einen solchen Einfluss ausüben und derart nachhaltigen Eindruck hinterlassen wie der Vize-Weltmeister von 1974.

1974 und die Folgen

Der Zweite Weltkrieg spielte bei den Endspielteilnehmern von 1974 zunächst keine Rolle. Mit der Ausnahme von Wim van Hanegem, der dem anschließenden Bankett fern blieb. Van Hanegem: „Jedes Mal, wenn ich gegen Deutschland spielte, hatte ich ein Problem – wegen des Krieges. 80 Prozent meiner Familie starb im Krieg, mein Vater, meine Schwester, zwei Brüder. Jedes Spiel gegen Spieler aus Deutschland machte mich wütend.“[27] Der Rest der Elftal solidarisierte sich beim Bankett mit ihren deutschen Kollegen, als die verknöcherten DFB-Funktionäre deren Frauen aussperrten.

„Hollands größtes Trauma im 20. Jahrhundert – ausgenommen Sturmflut von 1953 und den Zweiten Weltkrieg“[28] wurde die Niederlage von München erst mit zeitlicher Verzögerung. 1974 fiel in eine Zeit, in der man sich in den Niederlanden wieder eingehender mit den Jahren der deutschen Besatzung beschäftigte. Bereits wenige Jahre nach Kriegsende war „eine gewisse Müdigkeit, vielleicht sogar Widerwillen (entstanden), sich weiterhin intensiv mit der Vergangenheit zu beschäftigen. (...) Tüchtigkeit, Wiederaufbaudenken und der Wunsch ‚nach vorne zu schauen’, wurden bestimmend, während die zunehmenden Ost-West-Spannungen und die Indonesien-Frage die Kriegszeit in den Hintergrund drängten. (...) Die unmittelbare Nachkriegszeit war zu Ende gegangen, und erst in den 1960er Jahren sollte das Interesse an der Besatzungszeit wieder zunehmen.“[29] 1965 erschien Jacques Pressers Buch „Ondergang. De vervolging en verdelging van het Nederlandse Jodendom 1940-45“ (dt. Untergang. Die Verfolgung und Vernichtung des niederländischen Judentums 1940-45“), das erstmals die Geschichte des Holocausts in den Niederlanden detailliert erzählte.

Hermann von der Dunk, ehemals Professor für Kulturgeschichte an der Universität Utrecht, über 1974 und die Folgen: „Manche begannen damals an der Existenz Gottes zu zweifeln. 1974 dachte jeder, dass die Holländer, die eine neue Form von Fußball eingeführt hatten, gewinnen werden. Aber es waren die Deutschen, die gewonnen hatten. So wurde auch die junge Generation mit einem Deutschland konfrontiert, das Holland besiegt hatte. Die holländische Jugend konnte sich jetzt leicht mit ihren Eltern identifizieren, die die Niederlage von 1940 erlebt hatten. Und sie stellte die Verbindung her.“[30]

Die Psychoanalytikerin und Schriftstellerin Anna Enquist schrieb 1990 über 1974: „Es ist ein sehr lebendiger Schmerz, wie ein ungesühntes Verbrechen. Wir können uns nicht eingestehen, dass etwas so wichtig sein kann. Aber es ist so wichtig. Es gibt immer noch ein tiefes, unverarbeitetes Trauma wegen 1974.“[31]


[1] „Es waren keine deutschen Tricks dabei.“ Interview mit Auke Kok in: Havekost, Folke/Stahl, Volker: Fußballweltmeisterschaft 1974 Deutschland, Kassel 2004, S. 102/103.
[2] Zit. nach Schulze-Marmeling, Dietrich: Der König und sein Spiel. Johan Cruyff und der Weltfußball, Göttingen 2012, S. 171.
[3] Zit. nach Der Spiegel vom 8. Juli 1974 (Ausgabe 28/1974).
[4] Zit. nach ebd.
[5] FIFA: Niederlande - Brasilien 1974, Onlineversion.
[6] Weisweiler, Hennes: Die Fußball-Weltmeisterschaft 1974, München 1974, S. 204.
[7] Zit. nach Havekost/Stahl, a.a.O., S. 89.
[8] Zit. nach ebd.
[9] Zit. nach ebd.
[10] Zit. nach ebd.
[11] Zit. nach Radtke, Armin: Olympiastadion München. Fußballgeschichten unter dem Zeltdach, Göttingen 2005, S. 188.
[12] Zit. nach Schulze-Marmeling, Dietrich: Der FC Bayern. Die Geschichte des Rekordmeisters, Göttingen 2009, S. 520.
[13] Zit. nach Schulze-Marmeling (2012), a.a.O., S. 188.
[14] Huba, Karl-Heinz: Fußball-Weltgeschichte, München 1999, S. 266.
[15] Zit. nach Havekost/Stahl, a.a.O., S. 94.
[16] Jürgens, Tim/Köster, Philipp: Die 100 besten Spiele aller Zeiten, München 2011, S. 115.
[17] Zit. nach ebd., S. 256.
[18] Zit. nach Schulze-Marmeling, Dietrich/Hubert Dahlkamp, Hubert: Die Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft 1930 bis 2010, Göttingen 2010, S. 238.
[19] Zit. nach Schulze-Marmeling (2012), a.a.O., S. 196.
[20] Der Spiegel vom 9. Juni 2008 (Ausgabe 24/2008).
[21] Bildzeitung vom 3. Juli 1974.
[22] Zur „Krautkrämer-Affäre“ und ihren Folgen vgl. Kok, Auke: 1974. Wij waren de besten, Amsterdam 2004.
[23] Zit. nach Kürten, Dieter (Hrsg.): Fußball-Weltmeisterschaft 74, Stuttgart 1974, S. 258.
[24] Zit. nach ebd.
[25] Zit. nach FIFA: die Helden von München, Onlineversion.
[26] FIFA: Disziplin plus Fantasie: Die Zauberformel des Rinus Michels, Onlineversion.
[27] Zit. nach Schulze-Marmeling, Dietrich: „Wir haben die Fahrräder zurück...“ Die Rivalität mit den Niederlanden, in: Ders. (Hrsg.): Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft, Göttingen 2008, S. 367-383, hier: S. 375.
[28] So der Dramatiker Johan Timmers. Zit. nach Winner, David: Oranje brillant. Das neurotische Genie des holländischen Fußballs, Köln 2008, S. 125.
[29] Wielenga, Friso: Die Niederlande. Politik und politische Kultur im 20. Jahrhundert, Münster 2008, S. 275/276.
[30] Zit. nach Schulze-Marmeling (2008), a.a.O., S. 374.
[31] Zit. nach Winner, a.a.O., S. 144.

Autor: Dietrich Schulze-Marmeling
Erstellt: August 2012


Links

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Weitere Informationen befinden sich im Kurzbeitrag David gegen Goliath auf dem Spielfeld

Weitere Informationen befinden sich im Kurzbeitrag Rezension 'Wij waren de besten'

Nld. Fußballverband Koninklijke Nederlandse Voetbal Bond (knvb)

Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Havekost, Folke/Stahl, Volker: Fußballweltmeisterschaft 1974 Deutschland, Kassel 2004.

Huba, Karl-Heinz: ußball-Weltgeschichte, München 1999.

Jürgens, Tim/Köster, Philipp: Die 100 besten Spiele aller Zeiten, München 2011.

Kürten, Dieter (Hrsg.): Fußball-Weltmeisterschaft 74, Stuttgart 1974.

Radtke, Armin: Olympiastadion München. Fußballgeschichten unter dem Zeltdach, Göttingen 2005.

Schulze-Marmeling, Dietrich: Der FC Bayern. Die Geschichte des Rekordmeisters, Göttingen 2009.

Schulze-Marmeling, Dietrich (Hrsg.): Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft, Göttingen 2008.

Weisweiler, Hennes: Die Fußball-Weltmeisterschaft 1974, München 1974.


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