Freizeit - Kurzbeitrag


In der Hölle des Nordens


Die Elfstädtetour vom 18. Februar 1963 war das härteste Rennen aller Zeiten. 69 von 10 000 Läufern kamen an.

Mit letzten Kräften schleppte sich George Schweigmann über die Ziellinie. 23.45 Uhr, geschafft, am Ende. 18 Stunden hatte er auf Schlittschuhen gestanden. In 18 Stunden legte er die legendäre friesische Elfstädtetour von 1963 zurück. 200 Kilometer unter unmenschlichen Bedingungen: Schneestürme, minus 20 Grad, Dunkelheit, orientierungslos, zig Mal gestürzt und dem Einschlafen nahe. George Schweigmann kam am 18. Februar 1963 als Letzter ins Ziel. Und wurde ein holländischer Held. Über 10.000 Hobby-Läufer hatten sich eingetragen und warteten um 6 Uhr morgens euphorisch auf das Startsignal. Die Volkswagen-Werkshalle De Boer in Leeuwarden war übervoll, draußen froren tausende Starter. Endlich, nach sieben Jahren, sollte es wieder eine friesische Elfstedentocht geben: Von Leeuwarden nach Staveren, über Franeker nach Dokkum, unter der berühmten Brücke bei Bartlehiem hindurch und dann zum Ziel Groote Wielen in der Nähe von Leeuwarden. Auf Grachten und Kanälen, über gefrorene Seen und überschwemmte Wiesen, quer durch die Provinz. Von 6 Uhr morgens bis spätestens 24 Uhr musste die Strecke zurückgelegt sein.

Elfstedentocht 1963
Elfstedentocht 1963: Reinier Paping kommt in Leeuwaarden an, Quelle: Nationaal Archief (914-7247)

Ein Tag für Helden

Aber dieser Tag war nicht geeignet für eine Volkssportveranstaltung. Es war der kälteste Tag des 20. Jahrhunderts in Friesland, ein Tag für Helden. Von 10 000 Startern sollten nur 69 das Ziel erreichen. Der Rest brach vorzeitig ab, mit den Kräften am Ende, dem Kältetod nahe. Um die 69, die es schafften, hat sich in den Niederlanden ein Mythos aufgebaut. Darum geht es in dem Buch „Die Männer von 63“.Geschrieben haben es Marnix Koolhaas und Jurryt van de Vooren. Die beiden Amsterdamer Historiker baten 40 Jahre nach dem Rennen sechs Tourteilnehmer, dieses einzigartige Rennen Revue passieren zu lassen. Sie waren erstaunt: "George Schweigmann hielt wie in Trance einen stundenlangen Monolog. Er erinnerte sich an so viele Details. Es hatte den Anschein, dass diese 18 Stunden für ihn lebensbestimmend waren." Häufig hatte Schweigmann behauptet, dass sein Leben anders verlaufen wäre, wenn er am 18. Januar nicht um 23:45 Uhr, sondern 20 Minuten später ins Ziel gekommen wäre. Auch für alle anderen, die durchhielten, wurde die Elfstädtetour von 1963 zu einem Eckpunkt in ihrem Leben.

In dem Buch werden eindrucksvolle Episoden erzählt, die den unbarmherzigen Kampf gegen die Naturgewalten deutlich machen. Wie die Geschichte von Willem Augustin, der die Strecke in einer Kolonne zurücklegte: „Wo sind wir, wollte ein Tourkollege immer wieder wissen. Ich konnte es ihm nicht sagen. Ich sah selbst nichts.“ Überall nur Schnee.

Augustin erinnert sich: „Wenn wir in Dokkum sind, dann haben wir es geschafft. Der Rest bis Leeuwarden ist ein Klacks, sagte ich. Wir fuhren und fuhren. Und wieder die Frage: Wie weit noch, Willem? Wo ist Dokkum? Verdammt, ich wusste es nicht. Wir fuhren weiter. Sahen einen Turm. Ist das Dokkum, Willem? Nein, das war nicht Dokkum. Ab und zu fiel einer hin, wir mussten warten. Dokkum, Willem?! Dieser Wind. Man wurde verrückt, verrückt! Man konnte sich nicht schützen. Es tat so weh. Da, da ist Dokkum! Wir kamen näher. Verdammt. Nein, wir sind gerade erst in Birdaard.“

Kampf um Leben und Tod

Gleichzeitig fassungslos und fasziniert schauten die Niederländer an diesem Abend die spärlichen TV-Bilder dieser „Elfstedentocht“. Dieses Rennen war kein Sport mehr, sondern ein Kampf auf Leben und Tod. Jurryt van de Voorden meint: „Der Begriff Hölle des Nordens ist Untertreibung.“ Reinier Paping hieß der Sieger 1963. Er zählt heute, wie Johan Cruyff, zu den Sportlegenden der Niederlande.

Noch heute ist die Elfstedentocht von 63 ein Begriff. Bei der Wahl des beeindruckendsten Sportereignisses haben die Niederländer diese Tour auf Platz zwei gewählt, knapp hinter die gegen Deutschland gewonnene Fußball-Europameisterschaft von 1988. Erst 22 Jahre später im Jahr 1985 sollte es eine weitere Elfstädtetour geben, die Evert van Benthem gewonnen hatte.

Autor: Andreas Gebbink
Erschienen: NRZ, 18. Februar 2003


Links

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Weitere Informationen befinden sich im Kurzbeitrag Eislauf-Fieber

Fotosammlung der Elfstedentochten Fries Fotoarchiv

Offizielle Homepage des nld. Eislaufbundes Koninklijke Nederlandsche Schaatsenrijders Bond (KNSB)

Informationen zur Elfstedentocht Vereniging 'De Friesche Elf Steden'

Literatur

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Koolhaas, Marnix / Vooren, Jurryt van de: De Mannen van 63. 2003.

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