Freizeit - Kurzbeitrag


Eislauf-Fieber in den Niederlanden

Eislaufen ist für Niederländer, was Skifahren für Alpenbewohner ist. Denn der Frost verzaubert die weltweit einzigartige Wasserlandschaft der Niederlande in eine ebenso einzigartige Winterlandschaft: Tausende Kilometer Gräben und Kanäle frieren zu und bereichern das flache Land um ein engmaschiges Wegenetz aus Eis. Entlegene Landschaften sind plötzlich gut erreichbar und laden zu ausgedehnten Wanderungen ein – für viele ein unvergleichliches Naturerlebnis.

Eislauf
Langlaufschlittschuhe, Quelle: Martijn Kleingeerts/cc-by

Januar 2009: Elf milde Winter lang kribbelte es den Niederländern in den Füßen, ohne dass sie ihre Schlittschuhe anziehen konnten. Nun hat der Frost endlich ein Einsehen, für einige Tage sind die Gräben, Kanäle und Seen zugefroren. Nach so langer Zwangspause kennen die Niederländer kein Halten mehr. Schlittschuh-Schleifer machen Überstunden. Fachgeschäfte sind überall in den Niederlanden regelrecht geplündert, teilweise bilden sich Schlangen bis vor die Türen der Geschäfte. Nach Schätzungen der ING gehen in diesen Tagen Schlittschuhe im Gesamtwert von etwa 80 Millionen Euro über die Ladentheke. Am zweiten Januarwochenende 2009 gleiten schätzungsweise eine halbe Million Menschen auf Kufen durch das Flachland.

Tagelang hängt Euphorie in der klirrend-kalten Winterluft.

Wo es nur möglich ist, organisieren die landesweit mehr als 700 Eislaufvereine Wanderungen auf Natureis. Teilnehmen darf auf eigenes Risiko jeder. Überall bieten sich ähnliche Bilder: Am zugefrorenen Straßengraben sitzen Grüppchen aller Altersstufen, schnüren ihre speziellen Langlauf-Schlittschuhe, strecken sich und gleiten davon. Geübte Läufer erreichen auf diesen so genannten „Noren“ mit den langen Kufen mühelos Geschwindigkeiten von mehr als 30 Stundenkilometern. Dries Kost aus Bussum ist gerade die 25-Kilometertour gelaufen, anderthalb Stunden hat er gebraucht. In seinem Haar hängen Tröpfchen gefrorenen Nebels, die Wangen sind gerötet. „Das ist besser als alles was ich je an Sport gemacht habe. Es ist ein Kick, auf dem schwarzen Eis zu laufen. Das geht so schnell! Super! Das ist komplett anders, als Runden drehen im Eislaufstadion“, freut er sich.

Aus Hindernissen werden Wege

Bei den abgesteckten Wanderungen ist der klassische Abstand für die Kleinsten die 10-Km-Familientour. Die breite Masse macht 25 Kilometer. Mit dem Frost ist das Land viel größer geworden. Von den 41.526 km², die die Niederlande messen, zählen die staatlichen Statistiker 3.598 km² Binnengewässer, also etwa 8,6 Prozent. Mit der Eiseskälte als Verbündeter sind die Niederländer nun endlich Herr über das Wasser. Die ungezählten Drainage-Gräben in der Polder – viel zu klein für Boote – und die weiten Feuchtgebiete schränken normalerweise die Bewegungsfreiheit ein. Jetzt werden sie zu malerischen Wanderwegen. Und manch einer findet wunderbare Abkürzungen für den Besuch im Nachbardorf. Nicht umsonst waren Schlittschuhe und Schlitten während der strengen Winter von früher ein anerkanntes Verkehrsmittel. Ebenso Segelboote auf Kufen. Das Eissegeln hat sich heute zu einer Sportart weiterentwickelt.

Mehrere Tage muss es ununterbrochen frieren, dann schlägt die Stunde der „Eismeister“. Jeder hat sein eigenes kleines Gebiet, das er mit Bohrer und Zentimetermaß bewaffnet kontrolliert. Zwölf Zentimeter dickes Eis ist stark genug, um tausende Läufer zu tragen. Dann markieren die Eisklubs Touren durch die sonst so entlegenen Weide- und Schilf-Landschaften. Alle fünf Kilometer steht ein Stempelposten auf dem Eis. Brav reihen sich die Eisläufer in die Schlange, um ihre Kilometerkarte abstempeln zu lassen. Mit diesem Beweis dürfen sie sich – auch typisch niederländisch - am Ziel eine Erinnerungsmedaille abholen. Am beliebtesten sind natürlich die „Koek en sopie“-Büdchen, die niederländische Version vom Aprés Ski. Sie stehen entlang der Touren auf dem Eis und servieren heiße Getränke und „snert“, also Erbsensuppe.

Es ist ein kollektives Wintervergnügen: Eltern schieben ihre Babys in Schlitten oder ziehen den Nachwuchs auf Kufen an einem Besenstiel hinter sich her. Anfänger klammern sich an einen Stuhl, der ihnen Halt gibt. Könner in bunten hautengen Anzügen flitzen an ihnen vorbei, begleitet von dem metallischen Klicken ihrer „Klapschaatsen“. Bei diesen Schlittschuhen trennt sich die lange Kufe von der Hacke, um länger auf dem Eis zu bleiben. Dadurch können sich die Läufer besser abstoßen und werden noch schneller. Ausgefeilte Modelle kosten bis zu 900,- Euro. Fast alle Füße der Eisläufer stecken in Halbschuhen. So können sie tief in die Knie gehen, sich nach vorne lehnen und sich vor dem Wind klein machen. Gebogen wie ein „Z“, die Hände auf dem Rücken zusammengelegt, gleiten sie kilometerweit durch die Landschaft – schneller als manch ein Radfahrer. Oft bewegen sie sich synchron in langen Reihen hintereinander, um den Windschatten des Vordermanns auszunutzen.

Streckenweise ist es still. Allein die Kufen kleinerer Grüppchen kratzen über das Eis. Darunter schimmert schwarz das Wasser. Ab und zu hallt ein tiefes Knacken durch die weite Eisfläche, doch das ist normal. Aufpassen müssen die Eiswanderer dennoch: Natureis ist niemals gleichmäßig dick. Zum Beispiel unter Brücken oder an Pumpwerken liegt schon mal ein „Wak“, eine Schwachstelle. Bei organisierten Touren sind solche Löcher mit Ästen oder Bündeln Rietgras markiert. Professionelle Eiswanderer, die auf eigene Faust losziehen, tragen idealerweise ein kleines Rettungsset um den Hals. Es besteht aus einer Trillerpfeife, einem Seil und einem Eispickel. Damit kann sich der Eingebrochene im Eis festhaken und aus dem Loch zurück aufs Trockene ziehen. Ersatzkleider in einem wasserdichten Rucksack gehören ebenfalls zur Ausrüstung, denn die Gefahr lauert nicht im Ertrinken, sondern in der Unterkühlung.

An diesen Eislauftagen im Januar 2009 - den ersten nach 12 Jahren – haben die Ambulanzen allerdings wesentlich mehr mit Sturzverletzungen zu tun. Selbst Verteidigungsminister Eimert Van Middelkoop kommt mit gebrochenem Handgelenk ins Kabinett. Hunderttausende sind auf dem Eis unterwegs, da läppern sich die Stürze. Nach dem Wochenende melden die Krankenhäuser dreimal so viel „Interesse“ wie sonst. Selbst das Militär leiht Erste-Hilfe-Spezialisten an Krankenhäuser aus. Auch wenn die Niederländer im Allgemeinen souverän eislaufen - ein Riss im Eis oder ein eingefrorenes Stöckchen holt selbst den besten Läufer von den Kufen. Doch dieses Risiko geht man angesichts des unvergleichlichen Naturerlebnisses gerne ein.

Liebhaber von Natureis sind ganz und gar von der Gunst der Wettergötter abhängig. Mehr als ein bis zwei Tage im Voraus kann niemand sagen, ob die jeweilige Tour gefahren werden kann. Oft taut die schönste Eisfläche innerhalb von Stunden weg. Viele Niederländer nehmen sich daher extra "eisfrei". Dementsprechend groß ist der Ansturm auf die Touren. So entsteht beim Naturschutzgebiet Biesbos ein Verkehrschaos, weil die vielen Naturliebhaber doch mit dem Auto kommen. Im Radio laufen Meldungen von Verkehrsstörungen, weil Schlittschuh-Läufer über Straßen und Bahndämme krakseln.

Auf den 10 bis 150 Kilometer langen Touren ist schon mal eine Lücke im Eis oder auch eine Straße oder ein Bahndamm im Weg. Dann krabbeln die Eisläufer gleich pulkweise aus dem Gebüsch am Straßenrand, Helfer rollen Teppichreste auf dem Asphalt aus, um die Kufen zu schonen und halten den Autoverkehr an. Verkehrsschilder warnen: „Achtung, kluners!“ (sprich „klüners“) Dieser Fachbegriff kommt aus dem Friesischen. Die Friesen gelten als die fanatischsten Eisläufer überhaupt. Sie organisieren seit mehr als hundert Jahren den härtesten Eismarathon der Welt durch ihre elf historischen Städte, die berühmte fast 200 km lange Elfstedentocht. Der Gewinner ist ein nationaler Held.

Autorin: Anneke Wardenbach
Erstellt: Januar 2009


Links

Wichtige Links im Bereich Freizeit finden Sie unter Institutionen

Weitere Informationen befinden sich im Kurzbeitrag Elfstedentocht

Fotosammlung der Elfstedentochten Fries Fotoarchiv

Auf der Internetseite des niederländischen Eislaufbundes KNSB sind unter dem Begriff "Toertochten op natuurijs" alle offiziellen Touren gesammelt. Koninklijke Nederlandsche Schaatsenrijders Bond (KNSB)

Informationen zur Elfstedentocht Vereniging 'De Friesche Elf Steden'

Literatur

Alle bibliographischen Angaben im Bereich Freizeit finden Sie unter Bibliographie

Wardenbach, Anneke: Eilsauf-Fieber in Holland, Gräben und Kanäle sind zugefroren, 11. Januar 2009. WDR.de

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