Freizeit - Kurzbeitrag



"Wollt ihr den totalen Fußball?" - David gegen Goliath auf dem Spielfeld


”Fußball ist Krieg” behauptete der niederländische Nationaltrainer Rinus Michels während der Fußballweltmeisterschaft 1974. Wenn es so etwas wie ein kollektives Gedächtnis einer Nation gibt, dann ist 1974 im Gedächtnis der Niederlande eingraviert als das Jahr, in dem die niederländische Nationalmannschaft im Finale gegen Deutschland in München verlor. Die niederländische Fußballelf war zum ersten Mal seit langer Zeit wieder in einem großen Turnier dabei. Mit Spielern wie Johan Cruijff, Johan Neeskens, Willem van Hanegem und Johnny Rep gehörte sie zu den Favoriten. Im Verlauf des Turniers begeisterte sie die Fans mit ihrem ”totaalvoetbal” (”Fußball total”), jeder Spieler beteiligte sich sowohl am Sturm als auch an der Verteidigung.

Auch die deutsche Elf zählte zu den Top-Favoriten. Die Spielergeneration von Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Wolfgang Overath und Co. hatte in den vorangehenden Jahren gute Ergebnisse erzielt und war seit 1972 Europameister. Obendrein konnten die Deutschen als Gastgeber auf die Unterstützung ihrer Fans zählen. Als das Finale Deutschland – Niederlande absehbar war, begann die BILD-Zeitung einen ”Kalten Krieg”: "Cruijff, Sekt, nackte Mädchen und ein kühles Bad", titelte sie am 2. Juli 1974 auf der Sportseite in Anspielung auf frivole Eskapaden niederländischer Spieler. Daraufhin weigerte sich Trainer Rinus Michels bei den nächsten Pressekonferenzen, auf Deutsch zu antworten und kommentierte: ” Im Moment gibt es Krieg, und Krieg ist Krieg. Sonntag nach dem Spiel herrscht wieder Friede.”

Im Finale kamen die Niederländer schnell auf einen 1:0 Vorsprung und fühlten sich dadurch allzu siegessicher. Die Deutschen “fanden über den Kampf zum Spiel zurück”. Nach einer ”Schwalbe” von Bernd Hölzenbein gelang ihnen durch einen Strafstoß der Ausgleich, und in der 43. Spielminute erzielte Gerd Müller das 2:1. Trotz vieler niederländischer Chancen blieb dies auch das Endergebnis. ”Oranje” war geschlagen, Deutschland war Weltmeister. Die Niederländer waren tief enttäuscht, dass nicht der ”bessere Fußball” belohnt worden sei, sondern der kämpferische. Sie fühlten sich um den Sieg betrogen. Dass sie gerade gegen Deutschland verloren hatten, machte die Niederlage umso schmerzhafter. Ein Sieg gegen die frühere Besatzungsmacht und den mächtigen Nachbarn hätte andere Niederlagen kompensiert. Die Niederlage im WM-Endspiel – insbesondere die ”Schwalbe” von Hölzenbein – entwickelte sich zum Trauma von ‘74. Damit gewannen die kommenden Spiele gegen Deutschland für die Niederlande eine Bedeutung, die weit über die sportliche Dimension hinausging.

1988 – ”Endlich Rache”

Anfang der achtziger Jahre verließ die niederländische Mannschaft für einige Jahre die internationale Bühne, während Deutschland erfolgreich blieb. Dabei spielte die deutsche Nationalelf in den Augen vieler Niederländer einen Fußball, der vor allem auf Kraft, Einsatz und Disziplin basierte. Ihre Spielweise war nach niederländischem Geschmack oft zu zögerlich, nicht spannend genug und zu stark ergebnisorientiert. Wiewohl viele Niederländer die deutsche Spieltechnik kritisierten, bewunderten sie dennoch die Resultate. Die Spieler selbst hielten sie oft für arrogant und schikanös.

Die Europameisterschaft 1988 fand in der Bundesrepublik Deutschland statt. Auf deutscher Seite spielten unter anderen Lothar Matthäus, Jürgen Kohler, Rudi Völler und Jürgen Klinsmann. Die Niederlande traten unter anderen mit Ruud Gullit, Frank Rijkaard und Marco van Basten an, denen Erfahrungen in großen Turnieren fehlten. Bereits im Halbfinale trafen beide Länder aufeinander. Die Deutschen kamen per Foul-Elfmeter zu einem 1:0 Vorsprung, aber an diesem Abend sollte das Glück auf der Seite der Niederländer sein. Ebenfalls durch einen Foul-Elfmeter erzielten sie den Ausgleich, und in der 89. Minute schoss van Basten das entscheidende 2:1. In der Höhle des Löwen hatte der ”Oranierlöwe” den Feind mit dessen eigenen Waffen geschlagen. Die niederländische Elf hatte mit großem Einsatz guten Fußball gespielt, nicht aufgegeben und in der letzten Minute zugeschlagen. Der Verlauf spiegelte das Meisterschaftsspiel von 1974 wider, wie auch BILD feststellte: "Alles wie '74: falscher Elfer half dem Sieger".

In erster Linie stellte der Sieg die Befreiung von dem Trauma der WM 1974 dar. Die sportliche Revanche war Wirklichkeit geworden – „Eindelijk Wraak!“ („Endlich Rache“) formulierte die Tageszeitung De Telegraaf am 22. Juni 1988. Der niederländische Historiker Friso Wielenga deutete die Euphorie in den Niederlanden als ”das seltene Glücksgefühl des kleinen Landes, das seinem großen und mächtigen Nachbarn auch mal seine Überlegenheit gezeigt hatte. Weg waren die Gefühle der Abhängigkeit, verschwunden die Erkenntnis, in so vielen Bereichen der Schwächere zu sein: David hatte Goliath übertrumpft.” Hermann von der Dunk, ebenfalls niederländischer Historiker, sprach von ”der zweiten Befreiung”. Die militärische Niederlage von 1940 und die sportliche Niederlage von 1974 bezeichnete er als ”zwei entscheidende Niederlagen gegen Deutschland in unserem Jahrhundert, die den Niederlanden ein Trauma zugefügt haben”. Fußball bleibe ”die Fortsetzung des Krieges mit fröhlichen Mitteln” und biete vor allem kleinen Ländern eine gute Bühne für ihren Chauvinismus.

Dieser Vergleich der beiden Niederlagen deutet schon darauf hin, dass die „Rache“ nicht allein dem sportlichen Geschehen galt. Loe de Jong, Autorität auf dem Gebiet der niederländischen Kriegsgeschichtsschreibung, gab zu, den Sieg enorm genossen zu haben. ”Ich bin verrückt nach Fußball. Und was für eine Leistung haben diese Jungs gebracht! Natürlich hat es mit dem Krieg zu tun. Komisch, dass Leute das abstreiten.” Die Verknüpfung zwischen Fußball und dem Zweiten Weltkrieg stellen auch Gedichte her, die 1989 in dem Sammelband Nederland–Duitsland – voetbalpoëzie zum Thema niederländisch-deutscher Fußball erschienen, zum Beispiel "Die Gefallenen stiegen jauchzend aus den Gräbern" oder "Wollt Ihr den totalen Fußball?".
1990 – Deutsche Revanche

Die Intensität der niederländischen Reaktionen auf den 1988er Sieg erstaunte die deutsche Öffentlichkeit und bewirkte, dass die folgenden Spiele nun auch für die Deutschen besondere Bedeutung erhielten. In der WM 1990 stießen die beiden Mannschaften bereits im Achtelfinale aufeinander. Die Rivalität zur deutschen Mannschaft spornte die bis dahin eher mäßig spielenden Niederländer zu Höchstleistungen an, sie erspielten sich in der Anfangsphase einige gute Chancen. Nach einer heftigen verbalen Auseinandersetzung zwischen Rudi Völler und Hans van Breukelen verlor Frank Rijkaard die Selbstkontrolle. Er bespuckte Völler mehrmals. Rijkaard und überraschender Weise auch Völler erhielten die rote Karte und mussten das Spielfeld verlassen.

In der neuen Situation mit nur zehn Spielern auf jeder Seite rissen die Deutschen das Spiel an sich und gewannen mit 2:1. Ihre Freude über die sportliche Revanche an den Niederländern war groß. Die deutsche Elf gewann schließlich den WM-Titel. Die Niederländer waren nach ihrer Niederlage vor allem mit sich selbst und ihrem eigenen Versagen beschäftigt. Diesmal schien von untergeordneter Bedeutung zu sein, dass sie gegen die Deutschen verloren hatten. Der Halbfinalsieg 1988 hatte einen neuen Maßstab gesetzt: So wurde die Erinnerung an die Niederlage im WM-Finale 1974 weniger schmerzlich.

Versöhnung?

Mitte der neunziger Jahre beschlossen der niederländische und der deutsche Fußballbund, die gespannten Beziehungen aufzulockern. Im Rahmen des „Projekts ‘74” tragen die Länder heute in regelmäßigen Abständen Freundschaftsspiele aus. Auch auf persönlicher Ebene gab es eine Versöhnung: Frank Rijkaard und Rudi Völler legten ihren Streit bei und traten sogar als Duo in einer Werbeanzeige auf. Doch trotz diverser Initiativen ist anzunehmen, dass die Fußball-Begegnungen zwischen den Niederlanden und Deutschland weiterhin von besonderer Art sein werden. Simon Kuper behauptete 1994 in seinem Buch Football against the enemy sogar, es gäbe zur Zeit keine größere Rivalität im europäischen Fußball als zwischen Deutschland und den Niederlanden. Dazu trägt immer noch die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg bei. Noch wichtiger ist jedoch, dass die Niederlande als kleiner Bruder in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht im Schatten des großen Bruders Deutschland stehen. Bei einer Sportbegegnung ist die Ausgangssituation für beide gleich; somit bietet eine Auseinandersetzung auf diesem Gebiet Kompensationsmöglichkeiten für andere Bereiche, in denen die Niederlande oft abhängig von Deutschland sind. Solange diese Spannung zu ”gutem Fußball” führt, kann sich jeder Zuschauer nur darüber freuen. Franz Beckenbauer dazu: ”Spiele gegen die Niederlande haben mich Jahre meines Lebens gekostet. Aber um nichts in der Welt hätte ich sie verpassen wollen. Diese Spiele haben immer von Klasse, Emotionen und ungeahnter Spannung gelebt. Fußball pur.”

Autor: Ron Wijckmans
Erstellt: Februar 2004


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Wijckmans, Ron: "Wollt ihr den totalen Fußball?" - David gegen Goliath auf dem Spielfeld. In: Heiter bis Wolkig. Begleitbuch zur Ausstellung im Haus der Geschiche der Bundesrepublik Deutschland in Bonn vom 22. November 2000 bis 16. April 2001 und im Rijksmuseum Amsterdam vom 26. Mai bis 16. September 2001. Bouvier/Bonn. S. 74 bis 77.


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