IX. Touristen-Erfolg am Niederrhein

Interview mit Martina Baumgärtner, Projektleiterin des touristischen Interreg-Projektes „2-Land“ in der Euregio Rhein-Maas-Nord über den touristischen Erfolg am Niederrhein.

Innerhalb von sechs Jahren hat die Region Niederrhein in Nordrhein-Westfalen die Anzahl und Übernachtungen niederländischer Gäste verdoppelt. Kamen 1999 noch knapp 44.000 Niederländer und blieben etwa 73.000 Nächte am Niederrhein, so waren es im Jahr 2004 über 82.000 Gäste, die genau 147.695 mal übernachteten. Nach dem Sauerland steht der Niederrhein bei den Holländern nun an zweiter Stelle der beliebtesten Urlaubsziele in Nordrhein-Westfalen. ,

Tyroller: Frau Baumgärtner, haben Sie ein Geheimrezept, wie man Niederländer in die Grenzregion zieht?
Baumgärtner: Das ist kein Geheimrezept, sondern die gute grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit den niederländischen Partnern aus den Provinzen Limburg, Gelderland und Brabant. Wir arbeiten schon seit sieben Jahren zusammen, doch durch das Interreg-Projekt „2-Land“, das seit Januar 2003 läuft und an dem beide Seite beteiligt sind, hat sich diese Zusammenarbeit noch verstärkt. 1 Million Euro wurden und werden in das Projekt investiert, das von der Europäischen Union, dem Land Nordrhein-Westfalen, der niederländischen Provinz Limburg und lokalen Partnern finanziert wird. Zum 1. Juli diesen Jahres haben wir – ebenfalls als Interreg IIIA-Projekt - die Ausdehnung des „2-Land-Projektes“ auf die Euregio Rhein-Waal mit der Provinz Gelderland als Projektpartner begonnen. Bis jetzt war, aufgrund der Beschränkung auf die Euregio Rhein-Maas-Nord, beim Südkreis Kleve Schluss. Nun können wir eine größere Fläche vermarkten.

Tyroller:„2-Land“ entwickelt Pauschalreisen für Gruppen aber auch Individualreisende in der niederrheinisch-niederländischen Grenzregion, die über das Internet buchbar sind. Kommen die niederländischen Gäste vor allem aus der Grenzregion und welche Altersstruktur haben sie?

Baumgärtner: Sie kommen von überall her aus den Niederlanden. Die wenigsten kommen aus der Grenzregion. Die meisten sind zwischen 45 und 60 Jahren alt. Familien sind zwar auch dabei, aber noch zu einem geringen Anteil. Deswegen entwickeln wir gerade spezielle Familienprogramme, um das Klientel für die Region zu interessieren.

Tyroller:Was unternehmen die Niederländer am liebsten?
Baumgärtner: Am liebsten fahren die Niederländer Fahrrad. Auch wandern sie gerne, was für die Deutschen auf dem flachen Land ja nicht so gefragt ist. Bei Gruppenreisen sind es nach wie vor Besichtigungen kulturhistorischer Einrichtungen. Eine Tagesfahrt, die besonders beliebt ist, beginnt in Roermond mit einer Schiffahrt, führt über das Städtchen Thorn nach Brüggen und endet dort mit einer historischen Stadtführung. Eine gefragte Mehrtagestour beginnt ebenfalls in Roermond, führt über den Naturpark Maas-Schwalm-Nette nach Viersen, durch die Blumenstadt Straelen und die Spargelstadt Geldern, am Wallfahrtsort Kevelaer vorbei nach Venlo und wieder zurück nach Roermond. Übrigens verreisen die Niederländer auch bei ihren Kurzreisen für mindestens 4 bis 5 Tage. Die Deutschen sind meist nur zwei bis drei Tage unterwegs.

Tyroller: Wie werden die Niederländer auf Ihr Angebot aufmerksam?
Baumgärtner: Viele Touristen, die wir fragen, nennen Anzeigen und Reportagen, die sie gelesen haben. Wir betreiben eine intensive Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Wir schalten Anzeigen in niederländischen Touristik-Fachzeitschriften für Fahrradreisen oder Senioren und Familien. Wir präsentieren unser Angebot auf Publikums- und Fachmessen. Auf der niederländischen Seite arbeiten wir auch intensiv mit Reiseveranstaltern zusammen. Der große Anbieter „Vrij Uit“ hat zum Beispiel schon im zweiten Jahr drei Fahrradtouren von uns aufgenommen. Unseren Direktvertrieb im Internet unter www.2-land.de unterstützen wir mit Mailings und Medienkampagnen.

Tyroller: Nach welchen Kriterien stellen Sie die Pauschal-Touren zusammen?
Baumgärtner: Die Touren werden von mir und meinen drei Kolleginnen, von denen eine auf der niederländischen Seite sitzt, zielgruppenspezifisch zusammengestellt. Grundvoraussetzung ist, dass die Pauschalangebote wettbewerbsfähig und buchbar sind. Wir orientieren uns dabei an den großen Reiseveranstaltern und Busunternehmen, fragen nach Trends und ob wir in deren Programm passen. Nur weil wir eine Tour schön finden, kommt sie nicht ins Programm. Außerdem muss der Preis stimmen, die Niederländer sind sehr preisbewusst.

Tyroller: Ist „2-Land“ das einzige touristische Projekt am Niederrhein?
Baumgärtner: Nein, seit sieben Jahren gibt es schon die Niederrhein-Tourismus GmbH, die Imagewerbung betreibt. Sie ist auf Messen vertreten, schaltet Anzeigen in Tageszeitungen, vertreibt Prospekte und Kataloge zu Übernachtungs- und Gastronomieangeboten, gibt Seminar- und Tagungsführer heraus. Diese Imagewerbung und unser konkretes Produktangebot ergänzt sich sehr gut.

Tyroller: Welche Erfahrungen machen Sie in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit?
Baumgärtner: Menschlich gibt es da überhaupt keine Probleme. Die Kontakte bestehen ja auch schon jahrelang. Aber es gibt formale Dinge, die auf der niederländischen Seite anders gehandhabt werden. Das beginnt mit der unterschiedlichen Mehrwertsteuer und endet mit den unterschiedlichen Stornobedingungen der Hotels.

Tyroller: Welche Ziele haben Sie sich mit Ihrem Projekt gesteckt?
Baumgärtner: Unsere Aufgabe ist es, den Bekanntheitsgrad der Euregio zu steigern, was wir durch Umfragen und Analysen belegen. Wir sollen Arbeitsplätze schaffen und natürlich die Übernachtungszahlen steigern. Letzteres lässt sich jedoch nicht genau messen, da nicht alle, die durch uns auf den Niederrhein aufmerksam werden, auch bei uns buchen. Natürlich ist es ein Ziel von uns, unsere gute Position hinsichtlich der Touristenzahlen in Nordrhein-Westfalen noch zu verbessern. Deswegen arbeiten wir daran, durch deutsche Reiseveranstalter auch bundesweit bekannt zu werden. Wir sind bereits in verschiedenen Katalogen vertreten, wie etwa ITS-Autoreisen oder Tui-Benelux. Für 2006 hat uns auch DER-Tour und Ameropa aufgenommen. Darüber hinaus haben wir auch Kontakte zum englischen Markt aufgenommen. Denn in unserem Gebiet liegt ja der Airport Weeze mit einer Flugverbindung nach London, die wir gerne nutzen wollen.

Tyroller: Wie viele Arbeitsplätze sind im Rahmen des Projektes bereits entstanden?
Baumgärtner: Direkte Arbeitsplätze sind vier entstanden. Dann kommen noch 8 bis 10 Teilzeitarbeitsplätze wie zum Beispiel Gästeführer oder Leute für den Gepäcktransport hinzu. Indirekte Arbeitsplätze entstehen im Einzelhandel oder Souvenirshops. Es wird geschätzt, dass auf 1200 Tagesgäste ein Arbeitsplatz kommt.

Tyroller: Erhalten Sie Unterstützung von politischer Seite?
Baumgärtner: Die Bezirksregierung Düsseldorf ist sehr überzeugt von unserem Projekt und unterstützt es auch. Am Anfang war sie natürlich skeptisch, weil das Land viel Geld investieren musste – 150.000 Euro – aber das hat sich ausgezahlt. Inzwischen ist es so, dass alle neuen touristischen Interreg-Projekte, die beantragt werden sollen, von der Bezirksregierung erst einmal an uns verwiesen werden. Wir sollen dann sehen, ob wir das über 2-Land vermarkten können. Das heißt, wir haben großen Einfluss auf das, was am Niederrhein touristisch läuft. Durch die lokale Politikwerden wir intensiv unterstützt. Das zeigt sich z.B. darin, dass die Wirtschaftsförderungsgesellschaft für den Kreis Viersen mbH , in deren Aufsichtsrat kommunale Vertreter sitzen, und bei der ich angestellt bin, 175.000 Euro in das erste Projekt investiert und für das zweite Projekt noch mal 138.000 Euro zur Verfügung gestellt hat. Den Erfolg unserer Arbeit haben wir auch den wohlwollenden und vorausschauenden Entscheidungen unserer politischen Gremien zu verdanken.

Tyroller: Arbeiten die touristischen Interreg-Projekte entlang der deutsch-niederländischen Grenze zusammen?
Baumgärtner: Dort, wo Synergieeffekte möglich sind, wo Projekte über uns auch vermarktet werden können, arbeiten wir zusammen. Wir haben Kontakt in die Eifel-Region, arbeiten mit Crossart – einem Interreg-Projekt, das Museen in unserer Euregio vernetzt – zusammen. Auch den neu konzipierten Rheinradweg wollen wir in unserem neuen Projekt aufnehmen. Wir aktivieren auch Interreg-Projekte, die brach liegen. So gab es zum Beispiel im Kreis Viersen das „Towana-Projekt“, das um die Themen Ton, Wasser und Natur kreiste, die den Kreis Viersen bestimmen. Nach Ablauf des Projektes war kein Geld mehr da, um Flyer zu produzieren. Wir vermarkten das Projekt jetzt als Fahrradtour, die an den verschiedenen Einrichtungen entlang führt.

Tyroller: Wie lässt sich das Problem lösen, dass Projekte nach der Förderung nicht einfach in der Versenkung verschwinden?
Baumgärtner: Man muss Nachhaltigkeitskonzepte entwickeln, wie das Projekte nach der Förderung weiterlaufen kann. Während der Interreg-Phase ist für die Leistungsanbieter – Gastronomie, Hotels, Museen – unsere Vermarktungsarbeit kostenneutral. Danach sind alle Beteiligten gefragt, ihren Beitrag für die Vermarktung zu leisten. Bei 2-Land stand von Anfang an fest, die Vermarktung so auszulegen, dass Nachhaltigkeit gewährt ist. Deswegen haben wir Reiseveranstalter gesucht, weil nur dadurch eine günstige und weitgefächerte Streuung möglich ist, die auch nach einer Förderung tragfähig ist.

Autoren: Stefanie Tyroller
Erstellt:
November 2005
Aktualisiert: Dezember 2010