XIV. "Berlin ist so, wie wir die Niederlande gerne hätten"

Interview mit Jaap Burger, Student. Burger ist  23 Jahre alt und studiert in Amsterdam Politikwissenschaften und in Utrecht Germanistik. Von April bis September 2005 verbrachte der Niederländer ein Auslandssemester an der Freien Universität in Berlin. Daran schloss er ein Praktikum bei der Niederländischen Botschaft an, das noch bis Januar 2006 dauert. Sein Studium will er zwar in seinem Heimatland abschließen, danach würde er aber gerne nach Berlin zurückkehren.

Ein Niederländer erklärt, warum er und seine Landsleute so begeistert sind von Berlin:
„Berlin ist vielleicht so, wie wir die Niederlande gerne hätten. Weltoffen, tolerant, freundlich. Diese Begriffe werden zwar oft mit den Niederlanden in Verbindung gebracht, aber das ist dort manchmal eher Schein. Wenn ich in den Niederlanden in einen trendigen Club gehe, das heißt, wenn ich am Türsteher überhaupt vorbeikomme, dann werde ich drinnen genau angeschaut und abgecheckt, ob ich hineinpasse. Verschiedenheit wird da nicht akzeptiert. Ganz anders in Berlin. Da werde ich akzeptiert, egal wie ich angezogen bin oder aussehe. Kreuzberg zum Beispiel fühlt sich so an, wie die Niederländer gehofft haben, dass das Zusammenleben funktionieren kann. Obwohl man sagen muss, dass im Prenzlauer Berg wenig Ausländer zu sehen sind und in Kreuzberg nur zwei Kulturen - die Deutsche und die Türkische - zusammenleben, während in den Niederlanden viele auch nicht europäische Kulturen aufeinander treffen. Die Herausforderungen der multikulturellen Gesellschaft sind da auch größer.

Gut vernetzte Metropole

„Berlin ist eine Großstadt, und trotzdem ist alles per Fuß oder mit der U-Bahn zu erreichen. Es ist viel los, es gibt viel zu sehen: Kultur, Architektur, Straßen, Parks und Plätze. Wir Niederländer lieben die unterschiedlichen Stadtteile mit ihrer eigenen Atmosphäre. Und wir lieben es, dass diese Stadt sich ständig verändert. Ich wohne an der Grenze zwischen den Stadtteilen Mitte und Prenzlauer Berg. Da ist es ganz anders als in Friedrichshain, wo noch richtig Ostatmosphäre herrscht.“

DDR ist Kult

„Ich war kürzlich im Palast der Republik bei einer Ausstellung und traf auf viele Niederländer. Aber die haben sich weniger für die Ausstellung interessiert, als für das Gebäude. Denn der Palast soll Ende des Jahres abgerissen werden. Das war für sie die letzte Chance, das Gebäude noch einmal zu sehen. Die Niederländer interessieren sich sehr für die Geschichte der DDR. Das sieht man daran, wie erfolgreich Filme wie „Goodby Lenin“ oder Bücher über die DDR in den Niederlanden sind. Deswegen verstehe ich es auch gut, dass die Niederländer begeistert von der Trabisafari sind, bei der man mit dem Trabi eine Stadtführung durch Berlin macht. Die Niederländer lieben die etwas kleineren Dinge, und haben ein gemütliches Gefühl in so einem kleinen Trabi. Sie mögen auch das Spießige, da kommt bei den Niederländer Nostalgie auf, zumindest bei den Älteren. Für die Jüngeren ist das einfach Kult. Deswegen mögen sie auch die DDR-Gebäude so gerne."

Berlin ist preiswert

„Es hat sich bei uns Niederländern herumgesprochen, dass Berlin billig und gut ist. Man kann hier für weit unter 10 Euro abwechslungsreich und gut essen gehen. In den Niederlanden bezahlt man locker 20 bis 30 Euro, und selbst dann ist das meist nur ein Stück Fleisch und Pommes. Berlin ist kulinarisch interessanter. Es gibt viele interessante Clubs und Kneipen. Im Sommer war ich gerne und oft auf dem „Badeschiff“. Das ist ein Schwimmbad in einem Boot, das in Treptow in der Spree liegt. Sie haben da auch Sand aufgeschüttet. Oder ich gehe ins „Freischwimmer“, da kann man nett draußen sitzen und gute Musik hören. Tolle Kneipen gibt es auch am Prenzlauer Berg, in der Oderbergstraße, der Kastanienallee oder am Helmholtzplatz.“

Erst mal zum Kurfürstendamm und auf den Fernsehturm

„Kommen mich Freunde besuchen, wollen sie vor allem auf den Kurfürstendamm und den Fernsehturm. Das liegt daran, dass in den Reiseführern diese Orte immer noch als die wichtigen Zentren beschrieben werden. Der Fernsehturm ist zwar immer noch eine interessante Sehenswürdigkeit, aber inzwischen sind natürlich auch ganz andere spannende Dinge hinzugekommen. Die neue niederländische Botschaft steht auch noch nicht in den Reiseführern. Doch die Niederländer wissen durch die Medien, dass es sie gibt und kommen mit großem Interesse vorbei. Sie sind sehr stolz darauf, dass das Gebäude von Rem Koolhaas so viel Anerkennung findet.“

Zweite Heimat

„Berlin ist für mich inzwischen wie eine Heimatstadt. Und wenn ich überhaupt mal mit Amsterdam vergleiche, dann geht das immer positiv für Berlin aus.“

Autoren: Stefanie Tyroller
Erstellt:
November 2005
Aktualisiert: Dezember 2010