III. Was die Zahlen sagen: eine Übersicht

Eines ist sicher: Die Bezeichnung „sportbegeistert“ dürfte auf die meisten Menschen in den Niederlanden zutreffen. 71 Prozent der Bevölkerung, so weiß die Rapportage Sport 2008, die vollständigste Erhebung sportbezogener Daten des Landes, treibt mindestens einmal in der Woche Sport. Bemerkenswerter wird dies vor dem Hintergrund der letzten 40 Jahre. Ende der 1970er nämlich lag die Quote gerade einmal bei 53 Prozent.[1] Einer anderen Statistik zufolge hat sich der Trend seither gar fortgesetzt. 2009 bewegen sich 77 Prozent der Erwachsenen zwischen 18 und 80 mehrmals im Monat – nur in sieben Ländern ist diese Zahl höher.[2] Ist das Kriterium mehr als eine Einheit wöchentlich, liegen die Niederlande mit 57 Prozent gar auf Platz fünf.[3] Im europäischen Vergleich ist das deutlich mehr als der Durchschnitt: 61 Prozent bewegen sich mindestens einmal monatlich, eine Einheit pro Woche schaffen gerade einmal 40 Prozent.[4]  Europäische Spitze ist der Organisationsgrad: 28 Prozent aller niederländischen Sportler sind in einem Club aktiv. Dies bedeutet den höchsten Wert der EU, wo der Durchschnitt bei elf Prozent liegt.[5]

Die beliebtesten Sportarten

Nicht Fußball, sondern Schwimmen! Dieser Befund, vordergründig zunächst vielleicht überraschend, stand am Ende der aktuellen Rapportage Sport über die beliebtesten Sportarten des Landes. 36 Prozent der Bevölkerung im Alter zwischen sechs und 79 Jahren bekannten sich dazu – eine bemerkenswert hohe Quote, die sich durch zwei Faktoren relativiert. Zum einen das Kriterium einer aktiven Ausübung ein Mal pro Jahr. Dieses beschert auch anderen Sportarten, die relativ leicht zu praktizieren sind, hohe Zahlen: Radsport (23 %), Joggen (18 %) und Wandern (15 %).[6] Zum Anderen wirkt sich hier die Verfügbarkeit von Wasser aus. Zur Illustration sei erwähnt, dass in einer Stadt wie Amsterdam zahlreiche Eltern ihre Kinder schon deshalb im Vorschulalter zu Schwimmkursen schicken, weil ein falscher Schritt entsprechend leicht im Wasser endet.

Weiterhin ist auffällig, dass 22 Prozent sich auf dem Gebiet „Fitness und Aerobic“ betätigten. Diese Zahl zeigt, wie sehr die Sportschool, ähnlich wie das Fitnessstudio in Deutschland einst ob seiner Herkunft aus der Proletenecke belächelt, sich quer durch alle Schichten als gesellschaftliche Institution und Teil des Alltags etabliert hat. Seit die Sparte 1995 erstmals in der Liste erschien, hat sich die damalige Quote von 12 Prozent annähernd verdoppelt.[7]

Fußball indes führt mit dem erwartet großen Abstand die Liste der Teamsportarten an (14 %), dahinter Hallenfußball (6 %), Volleyball (5 %) sowie Hockey und Basketball (je 3 %). Populärste der sogenannten Duo-Sportarten ist, wie schon seit Jahrzehnten, Tennis mit 10 Prozent. Interessanter Nebenaspekt ist hier, dass diese Quote seit zwanzig Jahren weitgehend konstant ist[8] – trotz der Erfolge des ehemaligen Wimbledonsiegers Richard Krajicek um die Jahrtausendwende herum. Ausdruck dieser Beliebtheit sind die zahlreichen Tennisplätze in niederländischen Parks, die für einen geringen Beitrag oder sogar gratis Allen zur Verfügung stehen und von Frühjahr bis zum Herbst stark frequentiert sind.

Eine neue Methode, die Beliebtheit unterschiedlicher Sportarten zu messen, stellte zuletzt das auf Sportforschung spezialisierte Büro Duodecim vor. Die Methode kombiniert die Zahl der Aktiven eines Sports mit dem Interesse, das ihm in der Öffentlichkeit zuteil wird.[9] Aus diesem Ansatz geht Fußball deutlich als populärste Sportart hervor, auch wenn Fitness, Schwimmen, Wandern, Fahrradfahren und Joggen mehr aktive Anhänger haben. Fitness, Golf, Tennis und Schwimmen folgen dahinter. Die Top Ten vervollständigen Wandern, Joggen, Schlittschuhlaufen, Radfahren und Bowling. Die Methode zeigt, dass bei vielen Sportarten eine große Lücke zwischen aktiver und passiver Zuwendung besteht. Hockey (Platz elf) zum Beispiel liegt nur an 32. Stelle, was die Teilnahme angeht. Dem gegenüber steht der sechsthöchste Interesse-Index aller Sportarten. Umgekehrt sieht es beim Fahrradsport aus, der die viertmeisten Aktiven kennt, doch nur an 16. Stelle der Publikumsgunst liegt.[10]

Auffällig an der Studie ist eine Randbemerkung zum Schlittschuhlaufen. Die Autoren führen den deutlichen Popularitätsanstieg im Vergleich zur vorigen Erhebung direkt auf die Frostperioden zu Beginn und gegen Ende des Jahres 2009 zurück, die jeweils eine flächendeckende „Kufenepidemie“ auslösten.[11] Der Trend allerdings ist gegenläufig: in der Langzeitperspektive der Rapportage Sport nämlich fällt auf, dass der Prozentsatz der Aktiven seit 1979 um mehr als die Hälfte zurückging[12] –eine Folge zahlreicher eisfreier Winter in der jüngeren Vergangenheit. Anderthalb Jahrzehnte ist es her, dass 1997 die letzte Elfstedentocht augetragen wurde. Hinter dieser Marke verschwindet die Tatsache, dass Kinder heute längst nicht mehr selbstverständlich Schlittschuhlaufen lernen.

Bemerkenswert auch die Daten zu zwei anderen Sportarten: Die bereits angesprochene Untersuchung des WJH Mulierinstituut weist aus, dass Tennis und Hockey von vier beziehungsweise  einem Prozent der Bevölkerung aktiv bestritten werden. Beides klingt wenig, ist jedoch der jeweils höchste Wert weltweit.[13]

Einen weiteren Spitzenwert erzielt der Fußball bei den Zahlen von Vereinen und Mitgliedern. Mit  2.750 Clubs liegt er weit vor Tennis (1.840), Pferdesport (1.710), Schwimmen (1.170) und Wassersport (1.050). Darin sind 1.055.000 Aktive organisiert (gegenüber 742.000 Tennisspielern, 206.000 Schwimmern und 126.000 Reitern). Halbwegs mithalten kann da einzig die Fitnessbranche mit 883.000 Aktiven in 3.660 Studios.[14]  Insgesamt liegt die Zahl der Sportvereinigungen bei etwa 28.000.[15]


[1] Vgl. CBS: Rapportage Sport, Den Haag/Heerlen 2008, S. 12. An dem 360 Seiten starken Bericht waren verschiedene Institutionen beteiligt. Neben dem Centraal Bureau voor de Statistiek (CBS), das als eigentlicher Herausgeber gilt, sind dies das WJH Mulierinstituut für wissenschaftliche Sportforschung, die Dachorganisation der landesweiten Sportverbände NOC*NSF, das staatliche Institut TNO voor Kwaliteit van Leven, die Universitäten von Utrecht, Tilburg sowie UvA und VU aus Amsterdam, die DSP Groep, die Forschung und Beratung für niederländische Behörden verrichtet, sowie das Institut für Mobilitätspolitik, Konsumenten und Sicherheit. Der aktuelle Report von 2008 ist die dritte Auflage nach 2003 und 2006. Sie basiert auf Daten aus dem Zeitraum 2003 bis 2008. Künftig soll die Erhebung alle vier Jahre statt finden.
[2] Vgl. WJH Mulierinstituut: Sportdeelname. Een crossnationale vergelijking, Factsheet, ´s-Hertogenbosch 2010, S. 1, Onlineversion. An der Spitze stehen die Schweiz, Neuseeland und Schweden mit je 85 Prozent, dahinter Finnland mit 84 Prozent, Norwegen (82 %), Australien (80 %) und Großbritannien (78 %).
[3] Vgl. ebd. An erster Stelle steht auch hier die Schweiz (70 %), gefolgt von Neuseeland (67 %), Finnland (62 %) und Schweden (60 %).
[4] Vgl. WJH Mulierinstituut: Sportdeelname, Een crossnationale vergelijking, ´s-Hertogenbosch 2010, Onlineversion.
[5] Vgl. ebd.: S. 18.
[6] Vgl. CBS: Rapportage Sport, Den Haag/Heerlen 2008, S. 83, Onlineversion. Die Zahlen gelten für 2007. Eine neue Studie ist in Arbeit.
[7] Vgl. ebd. Das Wachstum verläuft dabei in den letzten Jahren zunehmend schneller. 1999 lag die Quote bei 13 %, 2003 bei 17 %.
[8] Vgl. ebd.
[9] Vgl. Bureau Duodecim: Populariteitsindex Sport 2010, Den Haag 2010, S.1, Onlineversion. Gemessen wird das Interesse nicht allein an TV-Minuten oder Einschaltquoten, sondern am Verhalten sportaffiner Menschen. Maßgeblich dafür ist nicht zuletzt die Eingabe entsprechender Begriffe in Online-Suchmaschinen. Die Popularität einer Sportart setzt sich damit aus zwei Komponenten zusammen, wobei der Interesse-Index deutlich schwerer wiegt (70 %) als derjenige aktiver Teilnahme (30 %).
[10] Vgl. ebd.: S.2.
[11] Vgl. ebd.: S. 1.
[12] Vgl. CBS: Rapportage Sport, Den Haag/Heerlen 2008, S. 83, Onlineversion.
[13] Vgl. WJH Mulierinstituut: Sportdeelname, Een crossnationale vergelijking, ´s-Hertogenbosch 2010, Onlineversion.
[14] CBS: Sportclubs en -scholen; leden, cursisten, exploitatie, Den Haag/Heerlen 2008, Onlineversion.
[15] WJH Mulierinstituut: Sportdeelname, Een crossnationale vergelijking, ´s-Hertogenbosch 2010, S.6,  Onlineversion.

Autorin: Tobias Müller
Erstellt: Juli 2011