VIII. Wind und Wasser im Überfluss: Segeln liegt nahe

Zugegeben: Es ist alles etwas anders seit Laura Dekker, dem „Segelmädchen“, das mit 13 Jahren alleine über den Kanal setzte und anschließend vom Jugendamt daran gehindert wurde, sich vom Wind alleine um die Welt tragen zu lassen, bis sie ein Jahr später dann doch aufbrach. Dank eines gigantischen Medienhypes im Jahr 2009 ist dies im Ausland vielfach die erste Assoziation, die vielen Menschen zum Stichwort „Segeln in den Niederlanden“ einfällt.

Abgesehen von der nautischen Pippi Langstrumpf jedoch ist „IJsselmeer“ das Zauberwort. Die ehemalige Zuiderzee, 1932 durch den Abschlussdeich von der Nordsee getrennt und zum Binnengewässer transformiert, ist bei weitem nicht das einzige[1], doch mit Abstand das bekannteste Segelrevier des Landes. In den grenznahen deutschen Bundesländern zieht es die Liebhaber dieses Sports ähnlich selbstverständlich hierher, wie das Partyvolk seeländische Küstenorte à la Renesse ansteuert oder die Cannabis-Affinen sich nach Maastricht aufmachen. Über Flüsse und Kanäle ist das IJsselmeer mit anderen Landesteilen verbunden, so dass den Variationsmöglichkeiten wenig Grenzen gesetzt sind. In Orten wie dem westfriesischen Medemblik werden zudem große internationale Regatten abgehalten.[2] Gemeinsam mit Hoorn will das Städtchen 2028 auch die olympischen Segelwettbewerbe ausrichten.

Überhaupt, Regatten. Die Niederlande können mit einigen Namen aufwarten, die jährlich die Liebhaber des Sports elektrisieren und im Jahreskalender einen festen Platz einnehmen. Rund um Texel im Juni , die Sneeker Woche im August  oder das Solorennen 200 Myls im September/Oktober, kurz bevor die Saison endet. Zu den Großereignissen gehört zweifellos auch das Festival SAIL, das seit 1975 alle fünf Jahre in Amsterdam abgehalten wird. Während ein paar Tagen im August wird das IJ, in dieser Zeit von Tausenden Booten aller Dimensionen angesteuert, zur Schlagader der wassersportbegeisterten Niederlande. Anderthalb Millionen Besucher kamen 2010 – selbst aus dem prallvollen Eventkalender der Hauptstadt sticht dieses Festival im Zeichen der Segel  heraus.

Dass niederländische Seglerinnen und Segler bereits mehr als zwei Dutzend olympische Medaillen gesammelt haben, sei hier nur am Rande erwähnt. Segeln nämlich ist eine der Sportarten, die in diesem Land wesentlich mehr in der Breite erlebt wird.[3] Eine der Hauptattraktionen auf besagter SAIL etwa sind die riesigen Tall Ships, doch ihr Flair verdankt sie den Hobbyfahrern aus allen Landesteilen, die auf winzigen Jollen anrücken und während der großen Parade die Giganten umschwirren wie ein Schwarm Putzerfische einen Hai.

Trotz allem ist Segeln auch in den Niederlanden noch immer kein Sport der Unterschichten – zumindest, wenn man das eigene Boot als Kriterium nimmt. Das Erlebnis Segeln an sich jedoch ist allein durch die reichliche Verfügbarkeit der natürlichen Ressourcen Wind und Wasser weithin zugänglich. So ist es etwa üblich, zum Anlass der beliebten bedrijvsuitjes (Betriebsausflüge) ein Boot zu mieten. Ebenso regelmäßig werden Klassenfahrten aufs Wasser verlegt, und bei zahlreichen Organisationen und Vereinen ist der jährliche Segeltag zur Institution geworden – selbst wenn er nur auf einem See am Rande der Stadt abgehalten wird.

Manchmal fallen auf dem Wasser auch typisch niederländische Phänomene zusammen: In diesem Fall das Segeln und Wohltätigkeit. Auf Spenden und die überall im Land hoch angesehene Freiwilligenarbeit gründen die Angebote der Stiftung Sailing Kids. Damit ermöglichen sie chronisch kranken Kindern und ihren Familien gratis Segeltouren. Der Klassiker steht auch 2011 wieder im Angebot: eine Woche IJsselmeer.


[1] Beliebte Reviere mit internationaler Reputation sind daneben vor allem die Binnenmeere Frieslands, das Wattenmeer und Seeland, vgl. www.zeilgids.nl/Zeiltochten/
[2] Mit dem „24-Stunden-Race“, seit 2006 nach dem Hauptsponsor offiziell „Delta Lloyd 24 uurs Zeilrace“ benannt, endet auch eines der größten Segel-Events Europas in Medemblik. Zuvor muss ein Kurs über verschiedene Reviere zurückgelegt werden: IJsselmeer, Markermeer, Wattenmeer und Nordsee, vgl. www.kustzeilers.nl/24uurs/
[3] Der Koninklijk Nederlands Watersport Verbond, Dachverband der Wassersportarten Segeln, Surfen und Motorbootfahren, geht landesweit von 400.000 fahrbaren Booten aus, die von 1,5 Millionen Menschen benutzt werden.

Autor: Tobias Müller
Erstellt: Juli 2011